René Domke
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Mit dieser Aussprache gedenken wir heute der Opfer des Nationalsozialismus. Und ich glaube, diese unvorstellbare Zahl von ermordeten Menschen, egal, aus welcher Opfergruppe und egal, ob sie fälschlicherweise irgendeiner Opfergruppe zugeordnet wurden, macht fassungslos. Das Gelungene an der Gedenkveranstaltung vor zwei Tagen war, dass uns einzelne Opfer vorgestellt wurden, begleitet mit Aussagen zu ihrem Leben, mit ausdrucksstarker Musik und Bildern, die einen nicht mehr unbewegt lassen und auch nicht unbewegt lassen dürfen. Das gibt den Opfern ein Gesicht. Denn mehr als sechs Millionen Opfer, das geht irgendwie in die Anonymität über. Wir müssen uns aber vor Augen halten, das sind ausgelöschte Leben, Talente, das sind ausgelöschte Träume, das sind ausgelöschte Individuen. Aus den Kindern, was hätte aus diesen Kindern alles werden können? Was hätte aus diesen Menschen werden können? Und eine Ideologie, eine menschenverachtende Ideologie hat all diese Menschen um ihr Leben gebracht und ganz Europa und die ganze Welt in ein Unheil gestürzt. Und es waren eben nicht Taten Einzelner, es waren nicht Taten von Terroristen, es war systematisch, es war kollektiv. Und auch das hat die Gesichter, über die wir viel zu wenig reden, denn es waren zu viele, die mitgemacht haben, es waren zu viele, die weggesehen haben, es waren viel zu viele, die geschwiegen haben, es waren viel zu viele, die sich haben verführen lassen. Auch über diese Gesichter sollte viel mehr gesprochen werden. Der Nationalsozialismus begann nicht mit Lagern und Massenmord, das haben wir schon gehört, er begann mit Worten, mit Ausgrenzung von Menschen, mit der Abwertung von Menschen, mit der Relativierung von Gewalt, mit dem Angriff auf die Freiheit des Denkens und auf die Würde des Einzelnen. Und gerade deshalb ist das Grundgesetz so eindeutig: „Die Würde des Menschen“, jedes Einzelnen, „ist unantastbar“ – nicht relativ, nicht verhandelbar, nicht abhängig von Herkunft und Religion, nicht abhängig von Meinung oder Lebensweise. Denn Freiheit ist ohne Würde nichts wert, und Würde ist ohne Freiheit nicht zu sichern. Erinnerung bedeutet nicht nur Rückblick, sondern auch Wachsamkeit, gerade in der Gegenwart. Und insofern hat es mich etwas verwundert, wie die Aussprache sich hier entwickelt hat. Wir erleben Antisemitismus, Rassismus und tatsächlich auch offenen Menschenhass leider inzwischen wieder auf den Straßen, im Netz, auch in Parlamenten. Ich nehme Abstand davon, es irgendwem zuzuweisen, aber es ist unsere Aufgabe, wenn wir das bemerken in der Schulklasse, am Arbeitsplatz, in der Familie und im Freundeskreis. Dann sollten wir uns erinnern: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Und jeder von uns, jede von uns hat es in der Hand, tagtäglich dafür zu kämpfen. – Danke schön! (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD, CDU, Die Linke, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der Gruppe der FDP)
