Katy Hoffmeister
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Ich möchte gerne mit einem Vorfall beginnen, der sich vor etwa zwei Wochen in Kavelstorf ereignet hat. (Zuruf von Torsten Renz, CDU) Dort erlitt ein 69-jähriger Lkw-Fahrer am Steuer einen Herzinfarkt und verursachte einen Unfall. (Zuruf von Marcel Falk, SPD) Ein anderer Lkw-Fahrer, der den Unfall bemerkt hatte, leitete umgehend Erste Hilfe ein und konnte gemeinsam mit weiteren Ersthelfern das Unfallopfer reanimieren, bis die Einsatzkräfte eingetroffen waren. (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD und AfD) Der Mann gehört damit gerade einmal zu zehn Prozent der Menschen in Deutschland, die einen Herz-Kreislauf-Stillstand außerhalb eines Krankenhauses überhaupt überlebt haben. In Mecklenburg-Vorpommern waren es zuletzt gerade einmal 140 von 1.060 Reanimierten. Ein Herz-Kreislauf-Stillstand stellt mit Blick auf die Todesursache außerhalb des Krankenhauses seit Jahren eine Top-3-Todesursache dar. Doch, meine sehr verehrten Damen und Herren, das müsste so nicht sein. Es gibt eine einfache Gegenmaßnahme, wie der Fall aus Kavelstorf verdeutlicht: Erste Hilfe. Das große Problem ist jedoch, dass die Laienreanimationsquote in Deutschland mit 51 Prozent nach wie vor viel zu gering ist. Die Folge: Obwohl in knapp der Hälfte aller Fälle Familienangehörige, Passanten oder Arbeitskollegen anwesend sind, wird aufgrund mangelnder Kenntnisse nur jeder zweite Herz-Kreislauf-Stillstand erkannt und entsprechend Wiederbelebungsmaßnahmen eingeleitet. Skandinavische Studien haben nachgewiesen, dass ein Wirkungszusammenhang zwischen Erhöhung der Laienreanimationsquote und der Überlebensrate bei Herz-Kreislauf-Stillständen besteht. In Dänemark konnte im Zeitraum von 2000 bis 2010 die Laienreanimationsquote um 25 Prozent gesteigert werden. Im gleichen Zeitraum stieg die Überlebensrate bei Herz-Kreislauf-Stillständen um das Dreifache. Meine sehr verehrten Damen und Herren, allgemein fällt auf, dass die Laienreanimationsquote in den europäischen Nachbarländern und insbesondere in den skandinavischen Ländern deutlich höher ist als bei uns in Deutschland. Dafür verantwortlich sind im Wesentlichen drei Bausteine: verpflichtende Erste-Hilfe-Kurse in Schulen, groß angelegte Werbekampagnen und die breite Nutzung von Ersthelfer-Apps, auf die ich gleich noch näher eingehen werde. (Horst Förster, AfD: Mehr Zusammenhalt.) Zunächst jedoch zu den verpflichtenden Erste-Hilfe-Kursen an Schulen. Ich möchte die Aktivitäten des Bildungsministeriums gar nicht unterschlagen. Mit dem freiwilligen Modellprojekt „Erste-Hilfe-Ausbildung“ an Schulen sind erste Schritte unternommen worden. Aber das ist – unsere Überzeugung und uns auch von den Ersthelfer-Anbietern widergespiegelt worden – nicht hinreichend, vor allem deshalb, weil es freiwillig ist und damit nicht eine ausreichende Anzahl von Schülern erreicht. Ich kenne die Aktivitäten von Herrn Dr. Rücker – wir haben offenbar auch mehrfach schon in anderen Zusammenhang über ihn lobend gesprochen – schon seit Langem und unterstütze natürlich jedes Modellprojekt. Aber es kommt darauf an, dass wir möglichst viele Kinder und Schüler erreichen. Und aus unserer Sicht muss daher zum Schuljahr 2026/27 ab der Jahrgangsstufe 7 die Verpflichtung zur Durchführung von Wiederbelebungsinhalten und -maßnahmen folgen, gern auch auf den Erfahrungen aus den Modellprojekten, die im nächsten Jahr nach Ende der zweijährigen Laufzeit sicher vorliegen werden. Und ebenso lohnt sich ein Blick nach Niedersachsen. Dort sind Erste-Hilfe-Kurse ab dem Jahr 26 bereits verpflichtender Unterrichtsinhalt, im Übrigen auch auf Initiative aus der Opposition heraus. Weitere Studien aus Skandinavien haben nachgewiesen, dass die Schule ein entscheidender Ansatz zur Erhöhung der Laienreanimationsquote ist, da, so die Erkenntnis, als Kind erlernte Erste-Hilfe-Maßnahmen noch Jahre später abrufbar sind. Der eine oder andere erinnert sich an seinen einzigen Erste-Hilfe-Kurs, nehme ich mal an, nämlich im Zusammenhang mit dem Führerschein. (Sebastian Ehlers, CDU: Sehr richtig!) Ein weiterer Vorteil in den Schulen zu Beginn: Mit Blick auf die Zukunft erreicht man eben über die Schule praktisch die gesamte Bevölkerung. Meine sehr verehrten Damen und Herren, zwar gilt die Jahrgangsstufe 7 als sinnvolle Altersgrenze, um physisch Wiederbelebungsmaßnahmen auch einleiten zu können, jedoch haben die Studien aus Norwegen ergeben, dass Kinder ab dem vierten Jahr, vierten Lebensjahr bereits Erste Hilfe leisten konnten. Wir wissen, dass es auch in Mecklenburg bereits bei einigen Trägern spielerische Elemente zum Erlernen von Erste-Hilfe-Maßnahmen in Kitas gibt. Wir erachten es daher als sinnvoll, flächendeckend in Kitas und Grundschule diese Grundmodelle zu entwickeln und auch auszurollen. Ziel soll es sein, im Kindesalter mehrfach Grundlagen der Ersten Hilfe zu wiederholen, sodass diese verinnerlicht und im Erwachsenenalter auch noch abrufbar sind. Zweiter zentraler Baustein: Rund 10.000 Leben in Deutschland, um rund 10.000 Leben in Deutschland jährlich retten zu können, ist aus unserer Sicht die bundesweit einheitliche Einführung der Ersthelfer-App zwingend erforderlich. Gerade für Mecklenburg-Vorpommern, das unterstreichen Untersuchungen und auch Vertreter der Rettungsdienste, wäre das von entscheidender Bedeutung, denn im Jahr 2022 konnte im ländlichen Raum in nur 75 Prozent der Fälle die Ersthilfe in zehn Minuten eingehalten werden. Bei Herz-Kreislauf-Stillständen zählt jedoch jede Minute, meine Damen und Herren. Experten sprechen daher oft von maximal nur acht Minuten, die keineswegs überschritten werden sollten. Untersuchungen haben ergeben, dass existierende und registrierte Ersthelfer durchschnittlich nur rund fünf Minuten brauchen, um vor Ort zu sein. Bislang gibt es solche Ersthelfer-Apps jedoch nur im Landkreis Vorpommern-Greifswald sowie in einigen anderen Bundesländern. Somit haben bundesweit gerade einmal 165 von 401 Landkreisen eine Zugangsmöglichkeit, wohlgemerkt auch noch bei unterschiedlichen Softwareanbietern und ohne Benachrichtigung außerhalb des eigenen Landkreises oder Bundeslandes. Dabei hat sich gezeigt, dass für eine flächendeckende Bedarfserfüllung von Ersthelfern gerade einmal 5 Prozent der Gesamtbevölkerung registriert sein müsste. Bundesweiten Umfragen zufolge wären sogar 16 Prozent dazu bereit. Meine sehr verehrten Damen und Herren, neben den zentralen Bausteinen von verpflichtenden Ersthilfe-Kursen in der Schule sowie einer bundeseinheitlichen Einführung der Ersthelfer-App braucht es darüber hinaus eine breit angelegte Werbekampagne sowie stärkere finanzielle Förderung der bestehenden Initiativen, um das Ziel zu erreichen, nämlich die Laienreanimationsquote zu erhöhen, denn Erste Hilfe rettet Leben, meine Damen und Herren. Und deshalb bitten wir um Ihre Zustimmung, und ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit. (Beifall vonseiten der Fraktion der CDU, Sandy van Baal, fraktionslos, und Barbara Becker-Hornickel, fraktionslos)
