landtag-mv.de ↗

Henning Foerster

Die Linke 15.11.2024 Sitzungen 8/92

Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Ich bin gebeten worden, bei diesem Thema meine Fraktionsvorsitzende zu vertreten, und ich mache das durchaus gern, denn Berufsorientierung und Berufsausbildung haben ja sowohl arbeitsmarktpolitische als auch wirtschaftspolitische Relevanz. Und deshalb ist „Lehrstellen statt Leerstellen“ auch ein passendes Motto, um die Anstrengungen zu beschreiben, die es braucht, um dem zunehmenden Arbeits- und Fachkräftemangel durch gezielte Berufsorientierung und Berufsausbildung entgegenzuwirken, denn dieser ist längst Realität, und er betrifft verschiedenste Branchen. Betroffen sind beispielsweise das Handwerk, die Pflege, der Einzelhandel, Kitas, Schule, Hotellerie und Gastronomie, aber auch das produzierende Gewerbe. Und das Dilemma besteht darin, dass auf der einen Seite die Nachfrage nach qualifizierten Arbeits- und Fachkräften steigt, während auf der anderen Seite aber viele Lehrstellen unbesetzt bleiben. Folglich ist eine gute Berufsorientierung, bei der sich Unternehmen präsentieren und potenzielle Azubis ausprobieren können, ein wichtiger Beitrag zur Fachkräftesicherung. In unserem Land verzeichneten wir zum Ausbildungsstart dieses Jahr 3.500 unbesetzte Lehrstellen und gleichzeitig suchten noch 2.100 Jugendliche eine solche. Als Flächenland haben wir zudem mit besonderen Herausforderungen zu tun, zum Beispiel den weiten Entfernungen zwischen Wohnort, Berufsschule und Ausbildungsbetrieb. Und deshalb sind die Mobilitätsoffensive, ein weiterhin vom Land gestütztes Azubi-Ticket und auch die neu eingeführte Praktikumsprämie im Handwerk wichtige Unterstützungsinstrumente. Eine gute und effiziente Berufsorientierung schlägt zudem eine Brücke zwischen der schulischen Bildung und einer erfolgreichen beruflichen Zukunft. Wir wollen, dass junge Menschen so früh und so umfassend wie möglich auf die Herausforderungen und Chancen des Berufslebens vorbereitet werden. Neben theoretischen Einblicken in bestimmte Berufsfelder ist dafür nach meiner Auffassung entscheidend, dass vor allem auch praktische Erfahrungen gesammelt werden können. Und wir sind tatsächlich der Meinung, alle werden gebraucht. Deshalb betrachten wir die Berufsorientierung als kontinuierlichen Prozess von der frühkindlichen Bildung bis zum Schulabschluss. Alle Kinder und Jugendlichen sollen unabhängig von ihrer sozialen Herkunft und ihrem Bildungsstand die Möglichkeit erhalten, ihre Stärken zu entdecken und ihre beruflichen Perspektiven zu erkunden. Schon in der Kita wird deshalb der Entdeckergeist gefördert und die Kleinen erhalten erste Einblicke in die Berufswelt. Danach bieten Grundschulen altersgerechte Projekte und Aktivitäten an, die die Neugier der Kinder auf die Arbeitswelt wecken sollen. An den weiterführenden Schulen setzen wir auf das Prinzip des stufenweisen Lernens. So sollen Schülerinnen und Schüler ab der 7. Klasse in projektbasierten Einheiten ihre Stärken und Interessen herausfinden und erste berufliche Kontakte knüpfen. Ermöglicht wird dies zum Beispiel im Rahmen von Praxislerntagen und berufsorientierten Projekten. Ab der 8. Klasse liegt der Fokus dann auf konkreten Praktika und auf vertiefenden Modulen zur Berufsfindung und Berufsvorbereitung. In Klasse 8 absolvieren Schülerinnen und Schüler künftig 25 Tage Berufsorientierung, die als Blockpraktika durchgeführt werden und somit nicht auf einzelne Tage verteilt sind. Zusätzlich gibt es weitere fünf Tage, die speziell für die berufliche Orientierung vorgesehen sind, und im zweiten Halbjahr der Jahrgangsstufe 8 oder alternativ in einem Halbjahr der Jahrgangsstufe 9 findet wöchentlich ein Praxislerntag statt, der zwischen vier und sechs Stunden umfasst. Darüber hinaus besteht jederzeit die Möglichkeit, weitere Projekttage zu veranstalten. Und auch die außerschulische Berufsorientierung bietet wertvolle Anreize und Gelegenheiten zur Reflexion und Selbstentdeckung. Der Erlebnisparcours „komm auf Tour – meine Stärken, meine Zukunft“ bietet Jugendlichen die Chance, ihre Neigungen und Talente in einer für sie inspirierenden Umgebung zu erkunden. Ganz entscheidend ist aus unserer Sicht, die duale Berufsausbildung endlich als gleichwertige Alternative zum Studium anzuerkennen. Das klang bei mehreren Vorrednern ja schon an. Sie bietet nämlich nicht nur einen direkten Einstieg in den Arbeitsmarkt, sondern sie vermittelt praxisnahe Kenntnisse und Fähigkeiten, die im Betrieb und in der Berufsschule erworben werden. Und leider – auch das ist mehrfach gesagt worden – wird sie immer noch viel zu oft als weniger wertvoll wahrgenommen als akademische Bildungswege. Auch das wollen wir ändern. Dabei setzen wir zum einen auf gezielte Öffentlichkeitsarbeit an den Schulen und gleichzeitig arbeiten wir gemeinsam mit der Wirtschaft und den Gewerkschaften daran, die Ausbildungsbedingungen durch attraktive Vergütungen und die Modernisierung der Ausbildungsinhalte zu verbessern. Die Digitalisierung bietet uns dafür ebenfalls neue Möglichkeiten. Mit dem Projekt „BOje“, „Berufliche Orientierung jederzeit erreichbar“, verfügen junge Menschen, Lehrkräfte und Schulsozialarbeiter über eine zentrale Anlaufstelle für alle Fragen rund um die Berufswahl. Die Herausforderung, die steigende Zahl Jugendlicher mit Migrationshintergrund nachhaltig zu fördern, nehmen wir an und wir begegnen ihr unter anderem mit Sprachförderprogrammen und Mentoring-Initiativen. Als wirtschaftspolitischer Sprecher freue ich mich besonders über die Wiederbelebung der Schülerfirmen. Diese führten vor dem letzten Regierungswechsel ja eher ein Schattendasein. Und nun lernen Jugendliche endlich wieder, wie sie Geschäftsideen verwirklichen, Businesspläne entwerfen oder mithilfe von Lehrkräften und externen Experten Marketingstrategien und Finanzierungsfragen durchzuspielen. Dabei werden sie von erfahrenen Lehrkräften und pädagogischen Betreuern unterstützt, die ihr Know-how einbringen und wertvolles Feedback geben. Seit diesem Schuljahr erhalten Lehrkräfte, die mit dem Thema Berufsorientierung beauftragt sind, wöchentlich eine Anrechnungsstunde. Man könnte noch vieles mehr aufzählen. Meine Wahrnehmung ist, dass die Anstrengungen der Landesregierung und der für das Thema Berufsorientierung zuständigen Kolleginnen und Kollegen von Handwerkskammern und IHKen nicht nur gesehen, sondern auch ausdrücklich gewürdigt werden. Dies dürfte auch damit zu tun haben, dass deren Expertise gehört wurde und in die Konzeption der verschiedenen Maßnahmen mit eingeflossen ist. So soll es sein. Entscheidend ist am Ende jedoch, dass wir in Sachen Berufsorientierung künftig noch besser werden. Und dazu haben Wirtschaft, Verbände und vor allem das Bildungsministerium aus meiner Sicht einen wichtigen Beitrag geleistet. – Vielen Dank für die Aufmerksamkeit! (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD und DIE LINKE)

Alle Reden von Henning Foerster Protokoll ↗