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Dirk Bruhn

Die Linke 27.09.2024 Sitzungen 8/89

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! „Nicht bevormunden, nur Eigenverantwortung“ heißt im Normalfall übersetzt, vom Freiheitlichen ins Deutsche: Jeder kann machen, was er will und möchte, was geht mich fremdes Leiden an, Gewinne privatisieren, Verluste verstaatlichen, (Jens Schulze-Wiehenbrauk, AfD: Oh!) Riesenrisiko abwälzen. (Zuruf von René Domke, FDP) Da diese Aussprache von der sympathischen und geschätzten Frau van Baal und ihren Mitstreitern gesetzt wurde, gehe ich davon aus, dass Sie es so meinen, wie Sie sagen, und meine Übersetzung für diesen Fall falsch ist. Ich möchte an drei Wegen herausarbeiten, dass die Aussage der Bevormundung dennoch falsch ist. Landeigentum – jetzt bitte nicht gleich abheben –: Man könnte das Eigentum an Land, an Grund und Boden infrage stellen, weil der Erstbesitzer von Land- und Wasserflächen diese niemals rechtmäßig erworben hat oder haben, weder Kirche noch feudale Besitzer. Ein Mensch kommt auf die Welt, braucht Boden, Luft und Wasser. Irgendwann geht er wieder und nimmt nichts mit. (Zuruf von Jens Schulze-Wiehenbrauk, AfD) Zwei davon, Boden und Wasser, werden den meisten auch nie gehören. Nochmals, meine Worte beziehen sich auf die Historie. Vor diesem Hintergrund haben heutige Eigentümer eine besondere Pflicht beim Umgang mit Boden. Ja, das machen viele, aber eben nicht alle. Deshalb sind hier strikte Vorgaben notwendig und angemessen. Zur Historie. Die Entstehung von Boden zieht sich über lange Zeiträume. Die größten Einflussfaktoren sind Gestein, Klima, Pflanzen und Tiere. Das Gelände und Wasser, die Intensität und die Art und Weise der Bodenbenutzung haben ebenfalls hohe Bedeutung. Die Bildung einer einzelnen starken Humusauflage kann zwischen 100 und 300 Jahre dauern. Es braucht nur einen Gewitterschauer, alles zu erodieren. Im Feudalismus waren viele Bauern Leibeigene, die einen Teil ihrer Ernte an den Feudalherren abgaben. Allmenden wurden gemeinschaftlich genutzt. Änderungen kamen mit der Durchsetzung des Kapitalismus. Es kam zur gewaltsamen Vertreibung vieler Bauern, Allmenden wurden privatisiert, Land wurde zur Ware. (Torsten Renz, CDU: Von welchem Jahr sprechen wir jetzt?!) Jetzt lag der Fokus auf Profit. (Torsten Renz, CDU: Von welchem Jahr sprechen wir gerade? – Zuruf von Jens Schulze-Wiehenbrauk, AfD) Diese Entwicklung war von einer enormen Steigerung der Produktivität gekennzeichnet. (Torsten Renz, CDU: 1861, Aufhebung der Leibeigenschaft in Russland.) Zwischen 1600 bis 1750 verdoppelten sich in England die Erträge von Weizen und Gerste. Die Ursache war der Anbau von Futterpflanzen, zum Beispiel Klee. Tiere konnten gehalten werden. (Torsten Renz, CDU: Den Geschichtsteil musste ich auswendig lernen zu DDR-Zeiten.) Nach 1750 stagnierten die Erträge. Es zeichnete sich im frühen 19. Jahrhundert eine ernsthafte Krise der Versorgung ab. Kurzfristige Profite sorgten für eine Übernutzung des Bodens. Zwischen 1830 und 1870 wurde das zum zentralen ökologischen Problem in Europa und Nordamerika. (Torsten Renz, CDU: Wollen wir jetzt die Tagesordnungspunkte wechseln?) Externe Zufuhr von Nährstoffen brachte Hilfe. Zuerst wurden es organische Stoffe – Knochen und Guano –, Mitte des 19. Jahrhunderts kamen mineralische Ressourcen dazu: Chilisalpeter, Phosphorgestein, Kalisalz. Das Wirken von Justus von Liebig und anderen war die wissenschaftliche Grundlage. (Jens Schulze-Wiehenbrauk, AfD: Richtig!) Natürliche Kreisläufe wurden nicht mehr geschlossen, Nährstoffe wurden nicht mehr wiederverwendet. Stickstoffdünger stellte eine umkämpfte Ressource dar. Der Salpeterkrieg von 1880 in Südamerika ist ein Beispiel. Europäer ließen sich aus ihren Siedlungen Getreide liefern, da sie dort noch gute Böden hatten. Positive Aspekte brachte die technologische Revolution im 20. Jahrhundert – ein Beispiel aus Deutschland, das Haber-Bosch-Verfahren, ein energieintensives Verfahren zur Herstellung von Stickstoffdüngern. Heute werden mit diesem Verfahren 5 Prozent des industriellen Kohlebedarfs und 20 Prozent des industriellen Gasbedarfs verbraucht. (Zuruf von Jens Schulze-Wiehenbrauk, AfD) Dünge- und Pflanzenschutzmittelzucht ermöglichte zwischen 1950 und 1980 eine Verdopplung der Durchschnittserträge. Seit der Jahrtausendwende werden negative ökologische Folgen deutlich: ausgelaugte Böden, Gewässereinträge, Verlust an Biodiversität. Damit sind wir im Heute. (Torsten Renz, CDU: Endlich!) Ich will gar nicht in Abrede stellen, dass die übergroße Mehrheit der Landnutzer, egal ob Land- oder Forstwirte, egal ob Jäger oder Fischer, egal ob Gärtner oder irgendeine andere Berufsgruppe im ländlichen Raum gut und sehr gut ausgebildet sind. Sie wissen um die Zusammenhänge, sie wollen den Stand an die nächste Generation weitergeben. Im Bereich der Landwirtschaft gibt es Naturschutzprojekte, Technik auf neuestem Stand, mit deren Hilfe Aufwandmengen minimiert werden können, Zucht und Forschung und viele andere positive Aspekte. Aber dem gegenüber gibt es auch viele negative Einflüsse der Landnutzung auf die Umwelt mit all ihren Facetten und schlussendlich negativen Einfluss auf den Menschen. Dazu kommt eine starke ökonomische Beeinflussung des Handelns der Nutzer. Ein Beispiel dafür sind die sehr kurzen Fruchtfolgen – Raps, Weizen, Gerste oder Mais als Monokultur. Zurzeit funktioniert das noch, aber viele ahnen, dass sich das rächen wird. (Jens Schulze-Wiehenbrauk, AfD: Wann denn?!) Es werden immer noch hochgiftige Abbauprodukte alter Maisherbizide im Grund- und Oberflächenwasser gefunden. Die Anwender in alten Zeiten haben bestimmt auch für sich in Anspruch genommen, alles richtig gemacht zu haben. (René Domke, FDP: Alten Zeiten? Dann fragen Sie mal, aus welcher Zeit das stimmt!) Alles, was heute für hohe Erträge gebraucht wird, ist endlich. Phosphor reicht noch ungefähr 100 bis 200 Jahre, mal ganz abgesehen von den Problemen der radioaktiven Verschmutzung einiger Vorkommen. Der Energiebedarf für Enddünger ist viel zu hoch. Um Problemen dauerhaft entgegenzuwirken, braucht es Paradigmenwechsel, nicht nur neue Technologien. Wir brauchen weniger synthetische Dünger, dafür Nährstoffgezeiten, Fruchtfolgen und anderes, kurz agrarökologische Anbaumethoden. Dorthin kommen wir nicht ohne gesellschaftliche Vorgaben. Diese Vorgaben muss der Staat umsetzen. Dass er hier zu oft bürokratisch vorgeht, ist unbestritten, aber ganz ohne Vorgaben wird es nicht funktionieren. Im Übrigen, die Migration ist nicht die Mutter aller Probleme. – Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit! (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD und DIE LINKE)

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