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Beatrix Hegenkötter

SPD 11.07.2024 Sitzungen 8/85

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Werte Gäste! Wenn ein Thema mehr Zeit bekommt und reifen kann, dann entwickelt es sich auch manchmal anders als gedacht. Und so ist es auch ein bisschen mit dieser Aussprache. Im März noch hätte ich voller Freude und Stolz über unsere Jubilare Friedrich, Johnson und Reuter, ihr Werk und ihren Einfluss auf unsere Kulturlandschaft gesprochen. Jetzt sind wir quasi in der Halbzeit des Jahres und heute wähle ich den Titel etwas anders: Das Kulturjahr in M-V – Himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt. Mit der Eröffnung des Friedrich-Jubiläumsjahres im Januar begannen wir auch in M-V, das umzusetzen, was in der Kunstszene schon so lange brodelte, den Superstar der Romantik Caspar David Friedrich zu feiern. Und auch mit dem Spatenstich zum Neubau des Volkstheaters in Rostock im April erfolgte ein weiteres Highlight und ein echter Meilenstein für das Kulturland Mecklenburg-Vorpommern. Und solche Highlights können wir gut gebrauchen. Der 250. Geburtstag von Friedrich, das Gedenken an Uwe Johnsons 40. Todestag und an Fritz Reuter anlässlich seines 150. Todestages sind eine große Chance für die Kunst- und Kulturszene, sich auch über die Landesgrenzen hinaus wieder ins Gespräch und auf die Tagesordnung zu bringen. Es ist eine Chance, unsere vielfältige Kulturszene wieder sichtbarer zu machen, und eine Chance für M-V bundesweit und weltweit, denn nicht nur die Corona-Jahre stecken der Kulturszene noch in den Knochen, zählte sie doch zu den ersten, die schließen mussten, und zu den letzten, die wieder öffnen durften. Das verhaltene Rückkehren des Publikums braucht darum Zugpferde, um unsere Kulturorte wieder neu zu beleben. Jedoch das aktuelle Herrenberg-Urteil und auch die aktuellen Steuerschätzungen und ebenfalls der neue Zensus und deren Auswirkung auf unsere Haushalte gießen ein bisschen Wasser in den Festtagswein. Und Kulturträger, vor allem auf kommunaler Ebene immer noch als freiwillige Aufgabe deklariert, bangen um ihre Zukunft und fürchten den Rotstift. Und bei der jetzigen Zusammensetzung der kommunalen Parlamente bin ich mir auch nicht ganz so sicher, ob diese auch jeweils so kulturaffin sind. (Thore Stein, AfD: Die Frage ist, welche Kultur.) Nicht nur die Musik- und Jugendkunstschulen schlagen derzeit besonders laut Alarm, bangen sie doch um ihre Lehrer, um ihr Angebot, ihre Zukunft. Aber dieses Herrenberg-Urteil trifft nicht nur sie, sondern es trifft alle Einrichtungen, die Honorarkräfte beschäftigen. Und nichts bleibt mehr, wie es war. Es wird eine große Herausforderung sein für alle, dieses Urteil umzusetzen. Ich bin froh, dass es länderübergreifend dazu Gespräche gibt und Lösungen. Und ich hoffe inständig, gerade für den Kulturbereich und vor allen Dingen für die Musik- und Jugendkunstschulen, dass es zum Beginn des neuen Schuljahres im September Lösungen gibt, damit die auch ihre Angebote und Kurse fortsetzen können. Wenn wir feststellen, dass unsere Musikschulen bereits den größten Teil der Kulturförderung des Landes erhalten, dann ist das gut. (Zuruf von Sebastian Ehlers, CDU) Und auch die Aufstockung Ende letzten Jahres war ein großer Wurf. (Zuruf von Sebastian Ehlers, CDU) Zur Wahrheit gehört aber auch, dass dies nur 17 Prozent der Gesamtkosten der Musikschulen ausmacht. Und vielleicht müssen wir uns auch eingestehen, auch bei diesem feierlichen Anlass heute, dass vielleicht unser Kulturfördertopf auf Landesebene eben zu klein ist (Sebastian Ehlers, CDU: Aha?! Hört, hört!) und nicht ausreicht, um alle Bedarfe entsprechend abzudecken. (Zuruf von René Domke, FDP) Wenn ein System über lange, (Zuruf von Sebastian Ehlers, CDU) wenn ein System über Jahre mehr schlecht als recht funktioniert, heißt das noch lange nicht, dass es gut ist. Und wenn wir vieles finanzieren, aber nicht auskömmlich und bedarfsgerecht, ist das eben nicht zukunftsfähig und nicht resilient, denn Kultur ist kein Projekt. (Zuruf von Enrico Schult, AfD) Den Kulturschaffenden und auch allen Nutzern sind wir es schuldig, dass wir ihnen Perspektiven schaffen, damit sie ihren Job gut machen können, denn Kultureinrichtungen, (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD und DIE LINKE) Kultureinrichtungen sind auch Arbeitgeber und müssen sich auf uns verlassen können. Das gilt auch für die Fortsetzung und Anpassung des Theaterpaktes, der ein supergutes Instrument ist für unsere Theaterlandschaft. Wir haben klar formulierte kulturpolitische Leitlinien. Lassen Sie uns diese noch einmal zur Hand nehmen und zur Grundlage einer zukunftsorientierten und konzeptbasierten Kulturpolitik machen! Kulturelle Bildung ist nicht teuer, denn sie ist unser Kapital. Liebe Kolleginnen und Kollegen, eine Welt voller Kunst und Kultur ist offener, verständnisvoller, friedlicher, eröffnet Räume für Diskurse und verbindet Menschen, denn sie dienen der Entwicklung des Geistes, des Herzens, der Sinne, der Empathie und vor allen Dingen auch der Toleranz. Da stimmen Sie mir sicher zu. (Beifall Elke-Annette Schmidt, DIE LINKE: Unbedingt. – Heiterkeit bei Nadine Julitz, SPD, und René Domke, FDP) Sie sind Motor und Katalysator von Innovation, gegenseitigem Verständnis und damit von Entwicklung und Fortschritt. Und wenn der Diskurs abgleitet in Brüllerei, in Schwarz-Weiß-Denken oder Fake News, ist Kunst auch immerhin eine Mittlerin, gerade in Zeiten, wenn es Krisen über Krisen gibt, denn Kunst redet nicht von „Die“ oder „Wir“. Und Kunst spricht alle Sprachen und versteht auch alle Sprachen. Sie hat eine verbindende Kraft und schafft Begegnungen und ist gerade dann wichtig, wenn die politische Ebene es nicht mehr schafft. Die kulturelle Vielfalt unseres Bundeslandes lebt von rund 1.900 aktiven Künstlerinnen und Künstlern, vielen kleinen und großen Kulturorten in den Zentren und von unzähligen Initiativen auf dem Land. Das zeigt sich unter anderem an der Dynamik, die sich schon seit dem letzten Jahr entwickelt hat. Und vielleicht kennt der eine oder andere die umfangreichen Veranstaltungskataloge aus Greifswald. Solch eine Vielzahl von Veranstaltungen rund um das 250. Geburtstagsjubiläum von Friedrich ist unglaublich. Und ich danke allen, die zu diesem großartigen Festjahr beitragen, denn 2024 lebt nicht nur von den Erinnerungen an unsere großartigen Künstler, sondern vor allen Dingen durch die Macherinnen und Macher vor Ort. (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD, DIE LINKE und Katy Hoffmeister, CDU) Darum sage ich stellvertretend Dank an das Team des Pommerschen Landesmuseums um Frau Dr. Ruth Slenczka und der genialen und mitreißenden Romantikspezialistin Frau Birte Frenssen und auch besonderen Dank an die Greifswalder Kulturabteilung rund um das Team von Anett Hauswald. Die verfolgen diese Aussprache im Livestream. Herzliche Grüße und natürlich auch Dank an die hier anwesenden Kulturakteure! (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD und DIE LINKE) Wem ich aber auch noch danken möchte, ist unser Staatssekretär Heiko Miraß, der bei all diesen Aktivitäten um das ganze Jahr eine große Unterstützung war und eine große Hilfe, denn er ist nicht nur ein kulturaffiner Mensch, sondern auch ein Kunstliebhaber und unter anderem der Schirmherr der Louis-Douzette-Ausstellung des Malers des Lichts in Barth. Auf diesem Wege noch mal herzliche Genesungsgrüße, lieber Heiko! (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD und DIE LINKE) Greifswald ist in diesem Jubiläumsjahr das größte Open-Air-Museum Deutschlands, der Nabel der Friedrich-Welt, und Vorpommern das Kulturzentrum unseres Landes. Caspar David Friedrich, wie hätte er sich vorpommersch bescheiden gewundert über so viel Zuwendung und Aufmerksamkeit, die er zu Lebzeiten nie erfuhr! Der Autor Florian Illies sagte bei der Eröffnung des Festjahres im Greifswalder Dom im Januar: Toni ist Kroos, aber Friedrich ist größer. (Beifall vonseiten der Fraktion der SPD) Aber ich als Kulturpolitikerin und Greifswalderin würde allerdings behaupten, dass wir tatsächlich zwei Superstars in Greifswald haben. (René Domke, FDP: Mindestens! – Heiterkeit bei Sandy van Baal, FDP) Mindestens! Friedrich zu Ehren wurden die Chorfenster seiner Taufkirche vom Gegenwartskünstler Ólafur Elíasson neu gestaltet, werden Ausstellungen gezeigt, Musikstücke komponiert, Biografien geschrieben, Puppentheater gespielt, Wanderungen auf Rügen organisiert, Schauspielinszenierungen uraufgeführt, szenische Lesungen organisiert, Tanz und vieles mehr. Es sind ungefähr 250 große und kleine Festlichkeiten, passend zum Geburtstag, denn alle wollen ihn zeigen und alle wollen seine Bilder sehen. Allein in Greifswald im Pommerschen Landesmuseum kamen zur Ansicht der Sonderausstellung „Lebenslinien“ bereits 29.000 Besucher, und das seit Ende April. Zum Vergleich: Im vergangenen Jahr hatte das Museum allein im ganzen Jahr 25.000 Besucher. Oder schauen wir nach Hamburg, in die Hamburger Kunsthalle: 335.000 Besucher. Und derzeit wird auch die Alte Nationalgalerie in Berlin überrannt und Ausstellungen in der Kunstsammlung in Dresden und in New York werden folgen. Was fasziniert nun aber so sehr an den „Kreidefelsen“ oder dem „Mann am Meer“? Walt Disney hat seine Bildstimmungen für seine Trickfilme benutzt, kann man in „Bambi“ nachschauen. Samuel Beckett hat sich für „Warten auf Godot“ inspirieren lassen von den Männern, die den Mond betrachten. Der große Goethe, der erst Förderer und Unterstützer war und später einer der größten Kritiker, den hat er allerdings ganz aus der Fassung gebracht, und er sagte einmal, man müsse diese Bilder auf der Tischplatte zerschlagen oder am besten zerschießen. In einer Zeit, in der sich die Welt rasch veränderte, schuf Caspar David Friedrich Kunst, die über die Oberfläche der Realität hinausging, so radikal vereinfacht, dass es den damaligen Betrachtern wehtat, heute bravourös und damals provokant, denn nie zuvor wurde das Menschsein in seiner scheinbaren Bedeutungslosigkeit so sichtbar. Und nie zuvor schaffte es ein Maler, Einsamkeit zu malen. Wasser, Verlust, erhabene Gewalt und das Wunder der Natur blieben immer seine Themen. Aber obwohl die Natur riesig und furchteinflößend war, liebte er das Malen von Landschaften. Das brachte ihm Gott vielleicht ein bisschen näher. Jeder Quadratzentimeter seiner Leinwände verstieß jedoch gegen die Prinzipien der bisherigen Landschaftsmalerei. Und so scheint es passend, dass eine von Friedrichs Signaturen die Rückenfigur war, eine Person, die zum Horizont blickt, die uns in das Gemälde hineinzuprojizieren scheint. Während wir uns vorstellen, was sie fühlt, begegnen wir uns selbst – in doppelter Gestalt. Und das ist das Wunder von Kunst und Kultur, dass sie den Betrachter auch nach 200 Jahren noch verzückt, dass Geschichten uns nach 40 Jahren noch faszinieren und dass unser Plattdeutsch nie ausstirbt. Bei Künstlern ist das Glas immer halb voll, denn um Kunst auszuüben, muss man und musste man schon immer seiner Leidenschaft folgen und tun, was man liebt. Und das taten sie – Friedrich, Johnson und Reuter –, denn gegen alle Widerstände sind sie sich und ihrer Kunst immer treu geblieben und haben weitergemacht, egal, was die Kritiker sagten, egal, dass sie damit fast nichts verdienten, egal, ob sie emigrieren mussten oder für ihre Überzeugungen im Gefängnis saßen. Künstler und gerade Schriftsteller sind besondere Seismografen, die spüren und in Worte fassen können, wenn große Veränderungen anstehen. Fritz Reuter, unser Heimatdichter, Begründer der niederdeutschen Literatur und erfolgreichster deutschsprachiger Autor seiner Zeit, würde uns sicher zustimmen, dessen Werke immer hochpolitisch waren und trotzdem voller Humor. Was wir von ihm lernen können, ist, dass Freiheit für alle Menschen ein ganz besonderes Gut ist. (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD, DIE LINKE und René Domke, FDP) Liebe Kolleginnen und Kollegen, Kunst und Kultur sind Motor und Katalysator von Innovation, gegenseitigem Verständnis und damit von Entwicklung, Fortschritt und Toleranz. Ja, und sie haben auch einen Wert an sich, denn sie machen unser Leben schöner und vielfältiger. Und Vielfalt ist eben das Gegenteil von Einfalt. Lassen Sie uns diese Botschaft im so bedeutenden Kunstjahr für M-V in die Welt tragen und mit vielen Menschen unsere Superstars feiern! Unser kleines Bundesland ist ein reiches Kulturland. Wertschätzen wir dies, nicht nur bei Jubiläen! – Danke! (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD und DIE LINKE)

Alle Reden von Beatrix Hegenkötter Protokoll ↗