Dr. Sylva Rahm-Präger
Meine sehr verehrten Damen und Herren! Frau Präsidentin! Wir möchten heute mit Ihnen über die Nutztierhaltung in Mecklenburg-Vorpommern sprechen, darüber, welche Entwicklung in den letzten Jahren stattgefunden hat und welche Perspektiven wir und Sie für unsere Nutztierhaltung in der Zukunft sehen. Wenn wir einmal ganz weit zurückschauen, dann sehen wir, dass die Landwirte die Rinder- und Schweinebestände seit der Wende drastisch reduziert haben. Im Jahr 1989 wurden in Mecklenburg-Vorpommern noch 2,3 Millionen Schweine gehalten und 1,5 Millionen Rinder. Jetzt sind es noch 540.000 Schweine und 460.000 Rinder. Wie sind diese Zahlen zu bewerten? Sind es ausreichend Tiere für eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft? Im Studium haben wir gelernt, dass mindestens eine Großvieheinheit je Hektar – das bedeutet, eine Kuh oder drei Schweine – für eine gesunde Kreislaufwirtschaft mit ausreichend Wirtschaftsdünger notwendig ist. Wir liegen jetzt im Durchschnitt im Land bei 0,35 Großvieheinheiten je Hektar. Wir haben Betriebe, die sich konsequent von der Tierhaltung verabschiedet haben und ausschließlich Marktfrüchte anbauen, und wir haben Betriebe, die die Tierhaltung in ihrem Wirtschaftskonzept integriert haben und mit dieser Diversifizierung bisher wirtschaftlich auch gut gefahren sind. Preisschwankungen haben wir bei allen Agrarerzeugnissen. Da unsere Betriebe mit durchschnittlich 270 Hektar verglichen mit dem Bundesdurchschnitt – dort sind es nur 64 Hektar – sehr groß sind, gilt für die relevanten Marktfrüchte der aktuelle Börsenpreis in der Vermarktung. Eine Direktvermarktung, wie in weiten Teilen der alten Bundesländer üblich, findet bei uns nur marginal statt. Langfristige Verträge über Mengen und Preise bei Agrarerzeugnissen sind momentan nur bei der Zuckerrübe üblich, nämlich, wenn sich die Fabrik – und bei uns ist es Anklam – ihre Mengen vertraglich bei den Landwirten sichert. Für alle anderen Agrarerzeugnisse und damit auch für die Milch, das Schwein und das Geflügel sind die Märkte volatil. Meine sehr verehrten Damen und Herren, diese Unsicherheit, gepaart mit dem hohen Aufwand und der Verantwortung, die die Tierhaltung mit sich bringt, ließ und lässt einige Landwirte sich gegen die Weiterführung der Tierhaltung entscheiden. Von welchem Aufwand reden wir hier? Ganzjährig mehr Arbeit, auch an den Wochenenden und an Feiertagen, also höherer Mitarbeiterbedarf, Tierarztkosten, Berichtspflichten, umfänglichere Vorschriften für Mist- und Güllelager und – ein harter, aber entscheidender Faktor – entsprechende moderne Stallanlagen. Viele Stallanlagen stammen noch aus der DDR-Zeit oder sind kurz nach der Wende gebaut worden und bedürfen einer vollumfänglichen Sanierung oder eines Neubaus. Dazu kommt die teils hoch emotional geführte Diskussion in der Gesellschaft, wie Tiere gehalten werden sollten, also ein gesellschaftlicher Wunsch nach mehr Tierwohl. Und wenn wir auf die Schweinehaltung schauen, dann ist dieser Wunsch auch nachvollziehbar. Schweine sind intelligente und saubere Tiere. Sie würden im Gegensatz zu Pferden und Rindern nie dort koten, wo sie fressen, auch nie in ihrem Kot liegen, wenn sie Platz haben auszuweichen. Daher ist das Platzangebot insbesondere für Schweine eine berechtigte Diskussion, aber dieses Mehr an Platz kostet Geld. Die Stallanlagen müssten größer dimensioniert werden. Die Haltungsstufe 1 bedeutet Stallhaltung ohne Frischluft und 75 Quadratzentimeter je Tier. Haltungsstufe 2 bedeutet circa 85 Quadratzentimeter je Tier plus Spielmaterial. Das ist definitiv nicht viel, meine verehrten Damen und Herren. Besser wird es für die Tiere ab Haltungsstufe 3 mit Frischluftzugang und circa einem Quadratmeter Platz. Aber genau da beginnt das Problem. Ist der deutsche Verbraucher, oder besser, sind wir bereit oder in der Lage, diese Mehrkosten zu tragen für das Mehr an Tierwohl? Oder würden wir dann zu preiswerteren Importen greifen? Wir haben wenig Chancen, unseren Markt zu schützen, da wir als Bundesrepublik Deutschland vom Export profitieren. Und unsere Forderung nach einer Kennzeichnung mit fünfmal D – geboren, gemästet, geschlachtet, zerlegt und verarbeitet in Deutschland – konnte bisher nicht umgesetzt werden. Eine schwierige Gemengelage. Und dazu kommt, meine Damen und Herren, dass wir Deutschen im europäischen Vergleich wenig Geld für unsere Lebensmittel ausgeben. Wenn man sich die Liste der Staaten dieser Welt anschaut und die Ausgaben für Lebensmittel in Prozent zu den gesamten Konsumausgaben, dann liegen die EU 27 bei durchschnittlich 15,9 Prozent, unsere nördlichen Nachbarn im Baltikum liegen durchschnittlich bei 20 Prozent und wir in unserem reichen Deutschland liegen bei 10,59 Prozent. (Zuruf von Jens Schulze-Wiehenbrauk, AfD) Konsumieren tun wir für unsere Lebensqualität, Wohnraumgestaltung, Bekleidung, technische Geräte und Autos. Hochwertige Ernährung kommt bei vielen erst an vierter oder fünfter Stelle. Und dann wird es schwer, den Landwirten zu erklären, dass die Tierhaltung und vor allem eine tierwohlorientiertere Tierhaltung – ich beziehe das jetzt auf die Schweine – auch langfristig ein sicheres Einkommen sichert, denn darauf kommt es für unsere Landwirte an. Investitionen in Millionenhöhe müssen aus Sicht des Investors – und das ist in diesem Fall der Landwirt – auch zukunftsträchtig sein oder zumindest eine Zukunft erwarten lassen. Als Bremsfaktor kommt auch noch ein anderer Trend hinzu, und den möchte ich jetzt gar nicht bewerten. Der Pro-Kopf-Verbrauch an Fleisch, insbesondere an Schweinefleisch, ist in den letzten Jahren in Deutschland kontinuierlich gesunken. Im Jahr 2010 waren es noch 49 Kilo Schweinefleisch pro Jahr und Kopf der Bevölkerung, jetzt liegen wir bei 35,5 Kilo. Insgesamt nähern wir uns im mittleren Pro-Kopf-Verbrauch an Fleisch unseren nordischen Nachbarn, die ungefähr bei 36 Kilo liegen, Gesamtfleischverbrauch. Spanien liegt bei 106 Kilo, Portugal und Italien und Frankreich bei 84 Kilo (Thomas de Jesus Fernandes, AfD: Saudi-Arabien hat noch weniger Schweinefleisch.) und Brasilien ist Weltspitze mit 130 Kilo. (Zuruf von Wolfgang Waldmüller, CDU) Das sind alles Trends, die natürlich in einer Entscheidung pro oder contra Tierhaltung für ein Unternehmen eine Rolle spielen. (Zuruf von Thore Stein, AfD) Deutliche Reserven sehe ich in unserem Bundesland aber für die Rinder und die Wiederkäuer. (Präsidentin Birgit Hesse übernimmt den Vorsitz.) Wir haben bestes Grünland, vor allem natürliche Grünlandstandorte, die am effektivsten von Wiederkäuern genutzt werden können. Wir sind prädestiniert als Land der Milch und des Rindfleisches. Damit meine ich jetzt auch nicht nur Rinder, sondern auch Büffel, Schafe, Ziegen. Und hier gibt es auch positive Nachrichten. Der Milchpreis hat sich stabilisiert, nicht zuletzt, weil viele Landwirte in Zeiten niedriger Auszahlungspreise aus der Produktion ausgestiegen sind. Die Auslastung der Molkereien ist nicht mehr gegeben. Die Akquise seitens der Milchverarbeiter, also der Molkereien, hat begonnen. Vielleicht kommen wir im Segment der Milch wie bei der Zuckerrübe zu langfristigen Vertragspartnerschaften und Verträgen über Menge, Qualität und Preis. Es wäre ein gutes Signal für weitere Investitionen in der Milchproduktion. Es gibt Landwirte, die gezielt in die Milch investiert haben (Thomas de Jesus Fernandes, AfD: Die haben alles kaputt gemacht.) und dort auch ihre Zukunft sehen, moderne Laufställe, ausgestattet mit viel Platz für Kühe und Melkroboter. Diese positiven Beispiele gilt es zu transportieren, hier haben wir Reserven in unserem Land. Es ist auch wichtig, klarzumachen, dass die Tierhaltung in einer Kreislaufwirtschaft eine wichtige Rolle spielt. Eingangs habe ich die Zahl genannt, 0,35 GV je Hektar ist momentan der Status quo. Reicht es oder nicht? Die Betriebe zeigen täglich, dass jede Form des Wirtschaftens entsprechend den Gegebenheiten funktioniert. Und es wird weitere Veränderungen geben mit dem Einzug von pflanzlichen Proteinen in vegane Lebensmittel. Die Südzucker macht Verträge über die Lieferung von Erbsen. Es sind solche Verträge, wie wir sie für die Zuckerrübe kennen, sie sichern sich jetzt die Anbaugebiete für die Erbse in unserem nördlichen Mecklenburg-Vorpommern. All das wird die Landschaft verändern. Wichtig ist, dass wir unsere Tierhalter unterstützen, dass wir moderne, zukunftsfähige Stallbauten fördern und dass wir ein positives, aber realistisches Bild von unserer Landwirtschaft und unserer Tierhaltung zeigen. Die Nutztierstrategie 2030 schafft es, ein solches Bild zu zeigen. Und ich möchte mich bei all denen bedanken, die daran mitgearbeitet haben, natürlich den Mitarbeitern im Landwirtschaftsministerium und allen anderen, die ehrenamtlich daran mitgearbeitet haben in den letzten elf Monaten. (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD und DIE LINKE) Diese Übersicht und Zusammenfassung ist aus meiner Sicht ein 1A-Lehrmaterial geworden. Ich würde es dem Bildungsausschuss übergeben für die Lehrpläne in der 8., 9. oder 10. Klasse. Auf jeden Fall lohnt es sich reinzuschauen, es lohnt sich, einen Überblick über die Landwirtschaft sich zu verschaffen. Und ich glaube, wir sollten das unseren jungen Menschen mitgeben. – Herzlichen Dank! (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD und DIE LINKE – Zuruf von Rainer Albrecht, SPD)
