Jeannine Rösler
Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Nie war das Thema einer Aktuellen Stunde so vorhersehbar wie zur heutigen Sitzung. (Unruhe vonseiten der Fraktion der AfD und Ann Christin von Allwörden, CDU) Seit Wochen und gefühlt auf allen Kanälen beschäftigt sich die CDU mit nichts anderem als der vermeintlichen Gefahr der Abschaffung des Gymnasiums. Offenbar gehen Ihnen aber die Themen aus und so bemühen Sie gebetsmühlenartig das Märchen vom Sterben des Gymnasiums. Worum geht es tatsächlich? Die Reformpläne der Landesregierung zur Einführung des Stufenlehramts zielen darauf, die Ausbildung von Lehrkräften für Regionale Schulen und Gymnasien zusammenzulegen. (Zurufe von Marc Reinhardt, CDU, und Torsten Renz, CDU) Dieser Vorschlag hat, wie erwartet, hohe Wellen geschlagen, und ich will Ihnen sagen, warum diese Wellen genau das sind, was unser Bildungssystem braucht, Herr Peters. Gegenwärtig leiden Regionale Schulen besonders unter dem Lehrkräftemangel. In den kommenden 15 Jahren wird über die Hälfte der aktuellen Lehrkräfte in den Ruhestand gehen. Im Bundesdurchschnitt sind es etwa mehr als ein Drittel. Hierzulande reden wir über 12.000 Lehrkräfte. Dies stellt uns natürlich vor erhebliche Herausforderungen, da der Nachwuchs nicht ausreicht, um diese Lücken zu schließen. Und so gibt es bereits vielfältige Maßnahmen der Landesregierung, dem Lehrkräftemangel entgegenzuwirken. Beispielsweise können ältere Lehrkräfte bis zu vier Wochenstunden erlassen bekommen, um sie bis zum regulären Ruhestand im Schuldienst zu halten. Die Qualifizierung der Seiteneinsteiger, die wird deutlich gestärkt. Zudem werden Referendarinnen und Referendare mittlerweile viermal im Jahr eingestellt und erhalten im ländlichen Raum bis zu 20 Prozent mehr Gehalt. Ja, und nicht zuletzt – die Ministerin sagte es –, wurde die Anzahl der Studienplätze für das Lehramt deutlich erhöht. Und in Greifswald gibt es einen innovativen, praxisorientierten Studiengang, und der ist ganz hervorragend und hat sich auch jetzt schon bewährt. Die Gewinnung von neuen Lehrkräften – ist doch völlig klar – ist kein leichtes Unterfangen, trägt aber Früchte: Fast 700 Lehrkräfte wurden zu Beginn des Schuljahres neu eingestellt. Und es werden jährlich vergleichbar viele benötigt, um die bevorstehende Ruhestandswelle zu kompensieren. (Torsten Renz, CDU: Also gibt es gar kein Problem.) All diese und weitere Maßnahmen sind richtig und wichtig, reichen aber allein nicht aus, den Mangel langfristig zu beheben. Und deshalb brauchen wir grundlegende Reformen in der Lehrkräfteausbildung. (Zuruf von Marc Reinhardt, CDU) Bereits in der Erarbeitung der Eckpunkte der geplanten Reform waren alle bildungspolitisch aktiven Verbände eingebunden – auch darauf ist Ministerin Martin eingegangen – wie etwa Herr Blank vom VBE. Aber auch andere forderten die Stärkung der Regionalen Schule, um mehr junge Menschen für den Lehrkräfteberuf an diesen Schulen zu begeistern. Und, ja, er betonte auch, dass das nicht zulasten der Gymnasien gehen darf. Und deshalb äußerte er sich auch durchaus skeptisch gegenüber der geplanten Zusammenlegung der beiden Lehrämter. Die GEW hat dagegen eine andere Sicht und Herangehensweise, und damit steht sie im Übrigen auch nicht allein. Aus ihrer Sicht ist es an der Zeit, vom schulartbezogenen Lehramt abzurücken. Die Gewerkschaft geht eben nicht davon aus, dass eine weniger tiefe, aber dafür breitere Fachlichkeit im Studium die Unterrichtsqualität negativ beeinträchtigt, denn gleichzeitig muss die Fachdidaktik als Kernstück der Lehrerausbildung und die Bildungswissenschaft gestärkt werden. Es geht um eine umfassende, qualitativ hochwertige Ausbildung für beide Lehrämter in einem einheitlichen Studiengang, welche die Studierenden wesentlich besser auf den Beruf vorbereitet. Im Übrigen, alle Schülerinnen und Schüler, ob am Gymnasium oder an Regionalschulen, brauchen fachlich und didaktisch hervorragend ausgebildete Pädagogen. (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD und DIE LINKE) Wie ist der jetzige Stand der Ausbildung? Wie groß sind die Unterschiede? Das bisherige Lehramt an der Uni Rostock für Regionalschulen und Gymnasien weist insgesamt eine doch sehr ähnliche Struktur auf, die insgesamt 300 Credit Points umfasst. Die Schnittmengen sind schon heute groß in den verschiedenen Lehrämtern, selbst in den Fachwissenschaften gibt es gar keine großen Unterschiede. Der GEW-Vorsitzende Nico Leschinski – von dieser Stelle: Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag! –, selbst Gymnasiallehrer, (Julian Barlen, SPD: Auch heute.) hat dies ganz konkret und anschaulich erst kürzlich beim Parlamentarischen Lunch erläutert. Der Kollege Renz war ja auch dabei. (Torsten Renz, CDU: Hab aber widersprochen.) Auch in den Gymnasialklassen haben wir sehr unterschiedliche Persönlichkeiten und Kenntnisstände. Auch da ist eine fundierte Ausbildung in Pädagogik, Psychologie, allgemeiner und fachlicher Didaktik enorm wichtig. Meine Damen und Herren, im Rahmen eines Stufenlehramtes fallen die inhaltlichen Veränderungen also kaum ins Gewicht. Aber die Flexibilität und die Durchlässigkeit, die durch das Stufenlehramt gewonnen wird, das ist ein ganz, ganz großer Vorteil. Die Einführung des Stufenlehramtes ist ein Upgrade. Wir werden Lehrkräfte haben, die beides können, Lehrkräfte, welche die verschiedenen Schülergruppen begeistern und fördern. Und lassen Sie mich hier noch einmal unmissverständlich feststellen, das Gymnasium wird nicht abgeschafft! Wer Gegenteiliges behauptet – bewusst oder aus Unkenntnis –, schürt Unsicherheit bei Eltern, Schülerinnen und Schülern und bei Lehrerinnen und Lehrern. (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD und DIE LINKE) Meine Damen und Herren, Ziel muss es sein, mehr Studierende erfolgreich zum Abschluss zu führen und sie besser auf den Lehrerberuf vorzubereiten. Die Landesregierung orientiert sich dabei an bundesweiten Entwicklungen und stellt sicher, dass die Lehramtsausbildung in Mecklenburg-Vorpommern wettbewerbsfähig bleibt. Eine einheitliche Ausbildung ist kein Teufelszeug. Haben Sie sich eigentlich schon mal gefragt, liebe Kolleginnen und Kollegen von der CDU, wer derzeit in den Schulen eigentlich die Kinder so engagiert unterrichtet, welche Ausbildung viele der Lehrkräfte durchlaufen haben? (Thomas de Jesus Fernandes, AfD: Klempner und so was.) Es ist genau jene Ausbildung, die Sie hier schlechtreden. (Thomas de Jesus Fernandes, AfD: Ach so!) Hamburg und Bremen haben das Sekundarstufenlehramt. Niedersachsen arbeitet daran. Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz (Daniel Peters, CDU: Sehr erfolgreiche Länder.) ermöglichen ebenfalls die integrierte Lehramtsausbildung. (Zurufe von Sebastian Ehlers, CDU, und Daniel Peters, CDU) Nach Abschluss des Studiums erfolgt der Vorbereitungsdienst, der auch hier auf beide Schulformen ausgerichtet ist. Und Ihr Inselbild, Herr Peters, das ist hier völlig daneben, das ist völlig unpassend! Schauen Sie sich in anderen europäischen Ländern um: Finnland, Estland, Lettland, aber jetzt, auch neu, Polen haben genau diese gemeinsame Ausbildung in Sek I und Sek II und stehen PISAmäßig (Zuruf von Torsten Renz, CDU) gar nicht so schlecht dar. (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD und DIE LINKE) Es ist ganz klar ein Vorteil, wenn Lehrkräfte flexibel an verschiedenen Schulformen unterrichten können. Und im Übrigen sagen mir auch angehende Lehrkräfte mit einer Vorliebe für das Leben auf dem Lande, dass diese Flexibilität für sie ein Plus in der Lebensqualität wäre. (Daniel Peters, CDU: Den zeigen Sie mir mal! – Zuruf von Marc Reinhardt, CDU) Denn wir wissen ja, die Dichte an Regionalschulen ist nun einmal höher als die an Gymnasien. Meine Damen und Herren, wir müssen vor allem die hohe Abbrecherquote bei den Lehramtsstudierenden senken, völlig richtig! Die Gründe sind vielfältig. (Daniel Peters, CDU: Oh! – Zuruf von Thomas de Jesus Fernandes, AfD) Erfahrungsgemäß reicht es auch nicht aus, einfach die Studienplätze und Immatrikulationen zu erhöhen. Weitergehende Veränderungen sind unumgänglich, damit mehr geeignete Lehramtsstudierende ein Studium aufnehmen und dieses dann auch erfolgreich abschließen. Und dafür, meine Damen und Herren, brauchen wir eine konstruktive Debatte. Ersparen Sie uns also hier Ihre ideologischen Schaukämpfe! Ihre bildungspolitische Agenda der CDU – und Herr Peters hat das ja hier vorgetragen – ist doch mehr als dünn. Die Vorstellung der CDU, dass spezialisierte Lehrkräfte das einzig Wahre sind, ist eben nicht auf der Höhe der Zeit und wissenschaftlich im Übrigen auch widerlegt. (Daniel Peters, CDU: Dass Sie ein Problem mit Individualität haben, ist bekannt.) Durch die Zusammenlegung bündeln wir die Ressourcen, schaffen mehr Durchlässigkeit beim Einsatz der Lehrkräfte. Das ist nur zu begrüßen. Beide Schulformen bleiben selbstverständlich erhalten und niemand, niemand will ihnen etwas wegnehmen. Liebe Kolleginnen und Kollegen der CDU, (Zuruf von Torsten Renz, CDU) statt „C wie Zukunft“ ist unser Motto „Z wie zeitgemäß“! – Vielen Dank! (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD und DIE LINKE – Heiterkeit bei Julian Barlen, SPD: Bravo!)
