Jeannine Rösler
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Es ist sicher keine Überraschung, dass wir diesen Antrag ablehnen. Im ersten Punkt des Antrags wird behauptet – Frau Enseleit hat es auch noch mal geschildert –, dass der Erwerb einer gebundenen Handschrift essenziell für den Unterrichtserfolg sei. Bereits diese Behauptung steht im Widerspruch zu den pädagogischen Ansätzen, die die Vielfalt der Lernmethoden und Lernfähigkeiten berücksichtigen. Während das Erlernen einer gebundenen Handschrift sicherlich von Vorteil sein kann, ist es aber nicht Maßstab für den Unterrichtserfolg. Es gibt zahlreiche Beispiele erfolgreicher Menschen, die keine akkurate Handschrift hatten und haben, aber herausragende Leistungen in ihrem beruflichen und persönlichen Leben erzielen, (Torsten Koplin, DIE LINKE: Hört, hört! – Heiterkeit und Zuruf von Horst Förster, AfD) beispielsweise Albert Einstein oder Steve Jobs oder Mark Zuckerberg. Die Liste ließe sich sicherlich fortsetzen. Sie belegen das nicht, dass es eben nicht nur auf die Handschrift ankommt, sondern dass es mehr auf Ideen, Kreativität und das Durchhaltevermögen einer Person ankommt. Und des Weiteren wird behauptet, dass die Qualität der Handschrift in den letzten Jahren/Jahrzehnten abgenommen hat. Dazu gibt es Studien, die sich mit der Qualität der Handschrift und möglichen Veränderungen im Laufe der Zeit befassen, zum Beispiel mit den Auswirkungen von Technologien wie Smartphones und Tastaturen. Da wird festgestellt, dass Kinder, die häufiger mit Computern und Tablets arbeiten, oft eine weniger entwickelte Handschrift haben als solche, die mehr Zeit mit dem Schreiben von Hand verbringen. Andere Studien wiederum ergeben, dass es keine signifikante Abnahme der Handschriftqualität bei Kindern im Vergleich zu früheren Generationen gibt. Der Kollege Butzki ist auch darauf schon eingegangen. Und es gibt wiederum Untersuchungen, die besagen, dass die Technologie die Schreibfähigkeiten gar verbessern könnte, da sie alternative Formen der Kommunikation und des Ausdrucks ermöglicht. Es ist also bei der Meinungsbildung wichtig, verschiedene Studien und deren Ergebnisse zu betrachten und sich eben nicht nur die herauszusuchen, die einem gerade genehm sind. Ein weiterer Punkt des Antrags betont die Notwendigkeit, die Feinmotorik intensiver in der frühkindlichen Bildung zu entwickeln. Das ist zweifellos wichtig. Jedoch sollte dies eben nicht auf Kosten anderer wichtiger Lernziele geschehen. Es geht nämlich darum, eine ausgewogene und ganzheitliche Bildung, die die kognitiven, sozialen, emotionalen und motorischen Fähigkeiten gleichermaßen fördert, anzugehen. Die Fähigkeit, mit digitalen Endgeräten umzugehen, ist in der heutigen Welt von zunehmender Bedeutung und sollte daher eben auch nicht vernachlässigt werden. Auch der Vorschlag, starre Zeitvorgaben für das Erlernen und Üben einer gebundenen Handschrift festzulegen, bringt uns überhaupt nicht weiter. Jedes Kind lernt und entwickelt sich in seinem eigenen Tempo. Wir dürfen die Schülerinnen und Schüler hier nicht über- oder auch unterfordern. Zum aktuellen Rahmenplan wurde auch schon etwas gesagt. Das möchte ich jetzt hier nicht wiederholen. Also ob das Schreibenlernen in Druckschrift oder in einer verbundenen Schreibweise mehr Vorteile etwa für die kognitive Entwicklung bringt, auch dabei scheiden sich die Geister der Wissenschaft. Der Einsatz von Computer- und Schreibtechnologien kann sowohl positive als auch negative Auswirkungen auf die Schreibentwicklung und die Qualität von Texten haben, abhängig von Faktoren wie Schreibkompetenz und Schreibanforderungen. Meine Damen und Herren, Bildung ist weit mehr als lediglich das Erlernen einer gebundenen Handschrift. Es geht vielmehr darum, die individuellen Talente und Fähigkeiten jedes Kindes zu erkennen und zu fördern. Deshalb setzt sich die Koalition für eine umfassende Bildung ein, die alle Facetten der menschlichen Entwicklung berücksichtigt. – Vielen Dank! (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD und DIE LINKE)
