Steffi Pulz-Debler
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleg/-innen! Ich verlese erneut eine Rede meines Kollegen Christian Albrecht. Mit dem vorliegenden Antrag möchte die CDU sich dafür einsetzen, dass bei den Bundesjugendspielen wieder häufiger die Wettkampfform in den Klassenstufen 1 bis 4 zum Tragen kommt. Sie begründen das damit, dass der Leistungsgedanke ein fester Bestandteil in allen Bereichen der Gesellschaft und eine wesentliche Grundlage für den Wohlstand sei. Diese Behauptung ist empirisch kaum zu belegen, fußt unser Wohlstand doch auf ganz vielen unterschiedlichen Faktoren. Aber, wie hier suggeriert, eine direkte Linie zwischen sportlichem Wettkampf von Grundschüler/-innen zur kapitalistischen Verwertungslogik im Arbeitsleben zu ziehen, (Heiterkeit vonseiten der Fraktion der AfD) ist abenteuerlich. Es ist auch durch nichts zu belegen, vertreten Kinderpsycholog/-innen, (Zuruf von Jens Schulze-Wiehenbrauk, AfD) es ist durch nichts zu belegen, vertreten Kinderpsycholog/-innen und Sportdidaktiker/-innen doch eine diametral andere Auffassung, als sie Ihrem Antrag innewohnt. Zunächst ist noch einmal wichtig, daran zu erinnern, woher die Änderung stammt. Ihr vorausgegangen, (allgemeine Unruhe – Torsten Koplin, DIE LINKE: Was ist denn nun los?) ihr vorausgegangen war die Petition einer Mutter im Jahre 2015 an das damals von Frau Schwesig geführte Ministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, die immerhin 21.000 Unterschriften erreichte. Ihr Anliegen war, dass diese verpflichtenden Wettkämpfe eben nicht positiv auf Kinder einwirken. Ganz im Gegenteil, die Erfahrung sei für viele Kinder demütigend, demotivierend und es bestünde ein hoher sozialer Druck. In einer Zeit, in der wir mit Adipositas und Bewegungsmangel bei vielen Jugendlichen zu kämpfen haben, fördert dieses eben nicht die Freude und Bereitschaft zur Bewegung. Ganz im Gegenteil, viele Kinder verknüpfen mit dem Sportunterricht und solchen Events nur Negatives und machen lieber einen Bogen um Sportereignisse. (Zuruf von Jan-Phillip Tadsen, AfD) Die Aussage, dass Kinder so früh schon das Verlieren lernen müssten, ist zynisch. Jetzt könnten Sie sagen, das ist die Meinung einer Mutter, die schlechte Erfahrungen gemacht hat. Ihre Einschätzung deckt sich aber mit Erkenntnissen der Sportpädagogik und Entwicklungspsychologie. Professor Dr. Tim Bindel, Sportpädagoge und geschäftsführender Leiter des Instituts für Sportwissenschaft der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, sagt Folgendes: (Unruhe vonseiten der Fraktion der AfD) „Eines steht fest – es ist nie die Idee der Bundesjugendspiele gewesen, dass sie ein kapitalistischer Test für Kinder sein sollen, ob diese wettkampftauglich für die Arbeitswelt sind“, (Zuruf von Jan-Phillip Tadsen, AfD) „wie es zuletzt in vielen Meinungsbeiträgen zu der Reform“ dargestellt „wurde. Außerdem, wenn das der Plan gewesen wäre, dass Kinder das Verlieren lernen sollen, muss ich sagen: Ich habe selten“ (Unruhe vonseiten der Fraktion der AfD – Glocke der Vizepräsidentin) „etwas Traurigeres gehört. Kinder, die bei den Bundesjugendspielen verlieren, das kann man empirisch gut nachweisen, haben schon längst in vielen anderen Bereichen das Verlieren gelernt.“ (Unruhe vonseiten der Fraktion der CDU – Heiterkeit bei Christiane Berg, CDU) Und weiter: „Die Diskussion ist ja leicht zu durchschauen.“ (Ann Christin von Allwörden, CDU: Das glaube ich ja gar nicht. Das ist wohl eher andersrum!) „Die Bundesjugendspiele sind ein Denkmal. Die einen rütteln daran, die anderen wollen es erhalten. Ich glaube, man hat Angst davor, dass die Kinder nichts mehr leisten wollen und man sie darin unterstützt. Es gibt … zahlreiche Gegenbelege.“ Schauen wir uns doch mal ein solches an! Sie führen in Ihrer Begründung das Beispiel Fußball an. Auch da gab es vor Kurzem analog eine breite Debatte zur Reform des Jugendbereiches. Auch hier hieß es, die Kinder würden verweichlicht und würden Umgang mit Niederlagen verlernen, das würde die Wettbewerbsfähigkeit des deutschen Fußballs schwächen. Schauen wir nach Frankreich! Dort setzt man nicht auf Wettbewerb, sondern auf individuelle Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Ergebnisse, Tabellen – zweitrangig. In der Altersklasse der U6 bis zur U13 finden keine Wettbewerbe statt. Es gibt auch keinen Liga-Spielbetrieb mit Auf- und Abstiegen. Im Mittelpunkt stehen Spielfreude, Teambuilding, persönliche Entwicklung. Die Mannschaften sind kleiner, damit die Einzelnen möglichst viele Ballkontakte haben. Nach Lesart der CDU würde man dort also die Kinder zu Loosern und zur Leistungsfeindlichkeit erziehen. De facto ist Frankreich aber Weltmeister geworden und hat aktuell wohl in Europa, wenn nicht gar weltweit, die höchste Dichte an Toptalenten, (Zuruf von Michael Noetzel, DIE LINKE) ganz ohne Wettbewerb, ganz ohne Leistungsdruck im Kinderbereich. Ich denke, das sollte es dazu gewesen sein. Ich denke, ich habe Sie zum Anregen ermutigt. – Herzlichen Dank! (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD und DIE LINKE)
