Dr. Sylva Rahm-Präger
Meine sehr verehrten Damen und Herren! Sehr geehrte Frau Präsidentin! Ich bin ein Inselkind und seitdem ich denken kann, beobachte ich die Veränderungen an unserer Küste, die Veränderungen an der Südwestküste der Greifswalder Oie, das Kliff in Sellin, die Abbruchküsten am Großen Zicker und am Kleinen Zicker, am Reddevitzer Höft, die Wirkung der Buhnen auf Hiddensee und in Ahrenshoop, die Strandaufspülungen auf dem Darß und am Göhrener Südstrand und die Effizienz von Wellenbrechern wie vor Sellin, Thiessow und Ahrenshoop. Die Küstenformen sind Ereignis des Jahrtausende andauernden Kräftewirkens von Wind, Seegang, Strömungen, den Pegelständen und von den Änderungen des Meeresspiegelniveaus. Unser Land, also Mecklenburg-Vorpommern, hat eine Küstenlinie von 1.712 Kilometern. Die Ostseeküste umfasst 354 Kilometer, und davon sind 128 Kilometer unsere Steilküsten, die mit ihren Abtragungen große Teile der Flachküstenbereiche mit dem feinen Badesand versorgen, den wir und unsere Urlaubsgäste an unseren Stränden so schätzen. Den Strand von Baabe und Göhren gäbe es nicht, wenn das aktive Kliff von Sellin nicht wäre. Die stetigen Küstenabbrüche sorgen für Sandnachschub am Strand. Gleiches gilt für die Göhrener Steilküste und das Lobber Kliff. Und wenn wir auf den Darß schauen, dann ist es die Steilküste zwischen Wustrow und Ahrenshoop, die kontinuierlich abgetragen wird. Die Linie zwischen Land und Meer verschwimmt an einigen Stellen. Orte wie Binz und Baabe sind auf Sanddünen gebaut. Diese Dünen sind viel jünger und eben aus solchen Sandabtragungen der Kliffe entstanden. Es kam zu Verbindungen zwischen den Steilküsten und damit auch zu dieser filigranen Küstenstruktur, die wir jetzt vor uns haben. Der größte Teil unserer Küstenlinie ist die Boddenküste. Sie umfasst 1.358 Kilometer. Viele Orte an unserer Küste haben das Meer von beiden Seiten. Damit meine ich die direkte Außenküstenlinie und die Boddenanbindung. Das betrifft Ortschaften auf Usedom, auf dem Darß und auf Rügen. In den letzten 30 Jahren ist kontinuierlich in den Küstenschutz investiert worden. Es sind neue, die Ortschaften direkt umschließende Deiche gebaut worden, Deiche, die den Anforderungen auch in den kommenden Jahrzehnten genügen werden, Deiche, die auf der Boddenseite schützen, aber auch Deiche mit Blick auf den Darß, die die Verkehrsinfrastruktur schützen, also Sandstrand, Düne, Küstenwald, und dann der Deich, der diesen Bereich von der Straße trennt und gleichzeitig eine der beliebtesten Radwege an unserer Küste ist, weil er die Orte Zingst und Prerow miteinander verbindet. Das ist übrigens eine der schönsten Nebeneffekte des Küstenschutzes. Die meisten der neuen, also in den letzten Jahrzehnten nach der Sturmflut vom 03. und 04.11.1995 gebauten Deiche sind Teil unseres Radwegenetzes. Es ist ein erhabenes Gefühl, mit oft freiem Blick auf unsere Salzgraswiesen, die Schilflandschaft, die Dörfer und kleinen Orte und das Meer auf dem Deich unterwegs zu sein. Die Deiche sind die stärksten Maßnahmen des kontinuierlichen Schutzes unserer besiedelten Küstengebiete. Aber es reicht nicht, sie einmal zu bauen, sie müssen unterhalten werden und gepflegt werden. Gleiches gilt für Buhnen als Wellenbrecher an besonders gefährdeten Strandabschnitten. Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich möchte ganz kurz, um nur ein Beispiel konkret zu nennen, aus „Die Küste, 88“ von 2020 zitieren: „Beispiel 22: Buhnensystem Zingst Ost / Mecklenburg-Vorpommern Buhnentyp: Einreihige, offene Holzpfahlbuhne Lage: Ortslage Zingst (östl. Seebrücke) bis westl. Grenze Nationalparkkernzone Beanspruchung: Mittelschwer; Seegang, Brandung, Strömung, Sandschliff, Eisgang Baugrund: Oberflächlich anstehende Fein- und Mittelsande, schichtenweise Grobsande … Baujahr: 1994/95: 12 Buhnen, 1998: 19 Buhnen, 2000: 12 Buhnen, 2001: 30 Buhnen“. Für 2002 waren 14 Buhnen geplant und sind auch gebaut worden. „Das gesamte Buhnensystem Zingst Ost besteht nach der Fertigstellung im Jahr 2002 aus 87 Holzpfahlbuhnen.“ Die in den Jahren 1964 bis 66 gebauten Buhnensysteme waren nicht mehr zu halten. Das muss man hier an dieser Stelle sagen, weil die Bohrmuschel, also eine invasive Art, das Holz zerstört hat und sozusagen auch diese Eigenschaften des Wellenbrechens dann unmöglich gemacht hat. Die Landanschlüsse bestehen deswegen jetzt aus Kiefernholzpfählen, die Seeteile aus bisher gegen die Bohrmuschel resistentem Tropenholz verschiedener Arten mit FSC-Zertifikaten. So, meine Damen und Herren, sind alle Küstenschutzmaßnahmen definiert. Dazu gehören im Weiteren, wie schon gesagt, auch die Molen und die Wellenbrecher als parallel zur Küstenlinie angeordnete Steinformationen. Ohne den Wellenbrecher in Sellin wäre die Seebrücke an der ungeschützten Ostküste nicht zu halten, und auch die Ortslage auf dem Steilufer wäre nicht zu halten. Gleiches gilt für Thiessow und Ahrenshoop. Wir Menschen siedeln in Gebieten, die sich das Meer zurückholen möchte. Unsere Aufgabe ist es, diese besiedelten Gebiete nach bestem Wissen und entsprechend den technischen Möglichkeiten zu schützen. (Hannes Damm, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Kann man.) Und ich denke, meine Damen und Herren, dass dies angesichts der Auswirkung des Sturmhochwassers vom 20. und 21.10. gelungen ist. Wir haben genau das gefährliche Szenario gehabt: tagelang Westwind auffrischend, sich als Sturm aufbauend und dann über Süd, innerhalb kurzer Zeit auf Nordost drehend, Wasserstände von 1,30 Meter über normal und der Druck von beiden Seiten über den Bodden und an der Außenküste. Wir hatten ein Sturmhochwasser, aber wir haben keine Schäden an Leib und Leben, und das, meine Damen und Herren, ist das Wichtigste. (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD, CDU, DIE LINKE und Dr. Harald Terpe, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Die Feuerwehren, die Wasserwehren und das THW waren rund um die Uhr im Einsatz, um zum Beispiel auf dem Darß die Häuser nach dem Deichbruch zu schützen. All denjenigen, die in dieser Sturmnacht auf den Beinen waren für das Gemeinwohl, für ihre Nachbarn, für uns alle, all diesen gilt unser Dank. (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD, CDU, DIE LINKE, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und FDP) Wichtig ist weiterhin, dass wir genau im Blick behalten, an welchen Stellen und in welchen Regionen wir zukünftig bauen. Wir werden mit unseren Steuergeldern gemeinsam die Siedlungsstrukturen schützen, also unsere Dörfer, Badeorte und Städte, aber es wird unsere Aufgabe sein zu entscheiden, ob wir neue Infrastrukturmaßnahmen, touristische Infrastrukturmaßnahmen schützen wollen, und ich denke, das wird die Allgemeinheit nicht tun können. Ich denke dann nur an den Bug. Der Bug ist nicht zu schützen, und wir werden diese Aufgabe auch nicht übernehmen. Es ist ein Überflutungsgebiet, und bei Überflutungsgebieten sollten wir uns wirklich überlegen, welche Gelder wir dafür in die Hand nehmen. Es wird zukünftig, denke ich, so sein, dass die Gemeinden gemeinsam mit den Investoren das dann verantworten müssen. Also es kann nicht der Allgemeinheit aufgelastet werden, diese Schutzmaßnahmen zu leisten. – Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit! (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD und DIE LINKE)
