Bernd Lange
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Vorab erst mal zu der Anfrage – Nikolaus, in alter Verbundenheit, ich duze dich mal –: Dass der Wolf im Jagdrecht der Bundesrepublik Deutschland nicht auftaucht und nie auftauchen darf, (Zurufe von Sebastian Ehlers, CDU, und Daniel Peters, CDU) liegt daran, (Sebastian Ehlers, CDU: „Nikolaus, in alter Verbundenheit“!) dass er bis 2. Oktober 1990 im DDR-Jagdrecht drinstand und im bundesdeutschen Jagdrecht nicht. Wölfe wurden in der DDR rigoros gemerzt, die waren ganzjährig dem Jagdrecht unterlegen. So viel zum Naturschutz in der Deutschen Demokratischen Republik. (Zuruf von Daniel Peters, CDU) Jetzt will ich mal ein bisschen naturschutzrechtlich auf die ganze Sache eingehen. Seit 2000 sind Wölfe in Deutschland heimische Wildtiere. 2000 wurden zum ersten Mal auf einem Truppenübungsplatz in Sachsen wild geborene Welpen großgezogen. Wölfe brauchen keine Wildnis. Sie kommen überall zurecht, da, wo sie genug zu fressen finden und der Mensch sie leben lässt. Dass sie sehr flexibel sind, zeigt das Bild unserer europäischen Nachbarn, Frau Shepley führte das an. In Spanien zum Beispiel leben Wölfe in riesigen Agrarmonokulturen, in Rom in den Vorstädten. Die Wolfsbestände in Deutschland breiten sich in der Fläche aus und bringen hier neue Herausforderungen mit. Die Weidewirtschaft in Deutschland steht ebenfalls vor großen Herausforderungen, in erster Linie durch die geringen Stundenlöhne, die hohe Arbeitsbelastung, Probleme beim Finden von Betriebsnachfolgern und eine in der Vergangenheit verfehlte Agrarpolitik. Die Ziegen- und Schafbestände gingen ab 2004 stark zurück. (Zuruf von Marc Reinhardt, CDU) Zu diesem Zeitpunkt war der Wolf in Mecklenburg-Vorpommern noch nicht angekommen. Das hat aber damit zu tun gehabt, dass die gekoppelten Tierprämien abgeschafft wurden. 2023 werden die im Rahmen des GAP wieder eingeführt. Wir wollen hoffen, dass das etwas Entlastung bringt. Weiterhin kommt dazu, dass die ungenügende Bezahlung der Produkte, wie zum Beispiel die Wolle, die nichts wert ist, eine Ungewissheit schüren. Die Mutterschafbestände sind aber relativ stabil geblieben in Mecklenburg-Vorpommern, trotz des Wolfes. Natürlich ist das so, dass die Anwesenheit der Wölfe eine große Herausforderung für die Tierhalter darstellt. Die Beweidungskonzepte von vor 20 Jahren taugen nichts. Der finanzielle und arbeitsintensive Aufwand durch Herdenschutzmaßnahmen ist nicht zu verkennen. Doch auch ohne diese Mehrbelastung droht die Weidetierhaltung mehr und mehr aus unserer Landwirtschaft zu verschwinden, was irreparable Folgen für die Artenvielfalt hat. Man braucht sich bloß anzugucken auf einer Wiese, die durch Rinder beweidet wird, wie viele Brutvögel da sind, wie viele Schmetterlinge ganz spezielle Arten finden. Ich nenne bloß den Teufelsabbiss und den Goldfalter. Die erbrachten Leistungen der Kulturlandschaftspflege und der Artenvielfalt müssen besser honoriert werden. Das geht hier auch nicht um Geld, sondern auch um strukturelle Rahmenbedingungen in der Agrarpolitik, die für die Weidetierhaltung verbessert werden müssen. Die Weidewirtschaft muss wieder ein lohnendes und zukunftsfähiges Betriebssystem sein, um langfristig fortzubestehen. Herdenschutz ist vor allem zielführend, wenn er frühzeitig, vorbeugend und flächendeckend besteht, sodass die Wölfe sich nicht erst an Weidetiere als einfache Beute gewöhnen können. Es gibt einen Originalton des ersten Schäfers in Sachsen, der die 30 Schafe verloren hat, der sagt jetzt, sein Rudel hat gemerkt, seine Schafe schmecken nicht. Dazu haben der Stromzaun und die Weideschutz- und die Herdenschutzhunde beigetragen. Wichtig ist, dass residente Rudel der beste Schutz sind für Weidetiere, weil die wissen, wo sie ihre Beute finden können. Der Wolf ist ein Nahrungsopportunist, der geht kein Risiko ein – muss ich mal so sagen –, geht kein Risiko ein und Rudel verdrängen auch Einzeltiere. Und wenn man jetzt sagt, eine Quote zum Abschuss von Wölfen, so ganz lapidar hinstellt – wir hatten in Neubrandenburg in Eichhorst eine Wölfin, die ist aus Sachsen bis nach Neubrandenburg gegangen. Also Wölfe sind sehr mobil. Und da müssen wir gar nicht drüber nachdenken hier mit kleinteiligen Sachen. Wenn hier Bestandszahlen aus Nordkanada oder Asien eingeführt werden, wo sich die Wölfe mit drei weiteren Großprädatoren den Lebensraum teilen müssen und die Wilddichten extrem gering sind, werden wir in Europa nie solche Bestände kriegen. So, vieles ist ja schon gesagt worden. Was die sogenannte aktive Bestandsregulierung angeht, es sind pauschale Abschussregelungen generell abzulehnen. Erfahrungen aus dem europäischen Ausland belegen, dass weder die Furcht vor Menschen noch die …, dass dies zu geringeren Risszahlen bei Weidetieren führt. (Beate Schlupp, CDU: Welche Zahlen sind das denn?) Darüber hinaus zeigen erste Studien, dass die Jagd auf Wölfe sogar einen erhöhten Druck auf Weidetiere bringt, weil nämlich die residenten Rudel als Erste gemerzt werden, nicht die wandernden Wölfe. Es wird immer wieder darüber diskutiert, den Wolf ins Jagdrecht aufzunehmen, was ja im Prinzip in erster Linie sich richtig toll anhört, aber wenn wir hier Naturschutz und Jagd vermengen, schaffen wir bürokratische Hürden, (Sandy van Baal, FDP: Jäger sind die ersten Naturschützer.) die es eigentlich nicht schaffen, in unserem kleingliedrigen Jagdpachtsystem effektiv die Wölfe zu be…, effektiv die Wölfe zu bringen. (Thore Stein, AfD: Herr Lange, Naturschutz und Jagd sind schon immer miteinander verbunden.) Wolfsfreie Zonen wird es gar nicht geben können, weil der Wolf jeden Lebensraum, den er kriegt, besiedeln wird. (Beate Schlupp, CDU: Das ist doch Quatsch! – Zuruf von Thore Stein, AfD) Wir brauchen uns doch bloß die Karte anzugucken, ich kann die ja mal hochhalten. (Thore Stein, AfD: Das dürfen Sie nicht.) Das ist die Karte …
