Anne Shepley
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Kolleg/-innen! Erneut ist der Wolf heute Thema hier im Landtag. Und das hat seinen Grund, denn entgegen aller Prognosen, die zu Beginn der Wiederkehr dieses beeindruckenden Tieres angestellt wurden, breitet sich der Wolf überraschend schnell in Deutschland aus. Darüber freuen wir uns, denn Wölfe sind Teil unserer heimischen Fauna. Und es ist ein großes Glück – das ist heute schon mehrfach angeklungen und ich kann mich da meinen Vorredner/-innen nur anschließen –, es ist ein großes Glück, dass er trotz jahrhundertelanger intensiver Verfolgung und Bejagung auf unserem Kontinent nie ganz ausgelöscht werden konnte. Allerdings stellt uns diese Art auch vor Herausforderungen, die wir gemeinsam lösen müssen. Meine Fraktion ist weit davon entfernt, den Wolf zu romantisieren. Das habe ich bereits bei der letzten Debatte hier zu diesem Themenkomplex zum Ausdruck gebracht. Wölfe sind hochgradig intelligente, fleischfressende Tiere mit einem komplexen Sozialverhalten und einer sehr hohen Lernfähigkeit. (Zuruf von Thomas de Jesus Fernandes, AfD) Diese Eigenschaften ermöglichen es ihnen, relativ schnell neue Lebensräume zu besiedeln und neue Nahrungsquellen zu erschließen. In einem Mitteleuropa, das im Zuge der Kulturlandschaftsgeschichte sehr strukturreiche Landschaften mit verschiedenen Landnutzungen hervorgebracht hat, führt das zu Konflikten. (Präsidentin Birgit Hesse übernimmt den Vorsitz.) In Mecklenburg-Vorpommern sind das in erster Linie wirtschaftliche Schäden durch Wolfrisse in Tierhaltung und natürlich auch damit zusammenhängende Tierschutzfragen. Und mit diesen Konflikten müssen wir lösungsorientiert umgehen. Das passiert auch, und das passiert auch hier in Mecklenburg-Vorpommern. Minister Backhaus – und das sage ich hier ausdrücklich noch mal – hat bei diesem Thema vieles richtig gemacht, indem er zum Beispiel nicht der Hysterie gefolgt ist, die sich auch politisch motiviert anfangs in etlichen Gruppierungen breitgemacht hatte. Doch gleichzeitig müssen wir gemeinsam zur Kenntnis nehmen – und davon zeugen ja auch die heute vorliegenden Anträge –, dass wir weitere Schritte gehen müssen, um zu einem langfristigen, gedeihlichen Miteinander von Wolf und Mensch zu kommen. Die wirtschaftlichen Schäden nehmen zu, und selbst mit dem Wolf sehr wohlmeinende Weidetierhalter/-innen kommen an zahlreiche Grenzen, was den Schutz ihrer Herden angeht. Wir nehmen wahr, dass zahlreiche Nutzer/-innen- und Schützer/-innengruppen das Thema mit hohem Verantwortungsbewusstsein behandeln. Mit Ausnahme einzelner Extrempositionen wollen die allermeisten Akteur/-innen den Wolf wirklich als Teil unserer Kulturlandschaft langfristig erhalten. Niemand will den Wolf wieder vollständig vertreiben. Dies wäre ohnehin aufgrund des strengen rechtlichen Schutzes für den Wolf nicht möglich. Aber bisherige Konzepte müssen überdacht und ein gutes Management muss etabliert werden, (Beifall Sandy van Baal, FDP) denn gelingt es uns nicht, Naturschutzbelange und gleichzeitig Gefahrenabwehr im Konsens zu organisieren, droht auch die Akzeptanz des Wolfes als Teil unserer Natur- und Kulturlandschaften mittelfristig stark abzunehmen. Das dürfen wir nicht zulassen und wir müssen rechtzeitig steuernd eingreifen. (Thore Stein, AfD: Mein Reden!) Eine der entscheidenden Fragen, wenn nicht gar die entscheidende Frage in diesem Zusammenhang, ist die Frage nach dem guten Erhaltungszustand. Auch dazu hat der Minister schon ausgeführt. Sie muss zeitnah beantwortet werden, denn die Antwort ist Voraussetzung für alle darauf aufbauenden Managementmaßnahmen. Der gute Erhaltungszustand einer Art ist keine gefühlte Größe, sondern dieser Zustand ist in der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie, einer der Naturschutzrichtlinien der EU, definiert. In einfache Worte übersetzt versteht zum Beispiel das Bundesumweltministerium Folgendes darunter: Wölfe sind dann in einem guten Erhaltungszustand, wenn sie überall dort, wo sie von Natur aus leben können, auch tatsächlich leben und wenn ihre Anzahl groß genug ist, um ihre Population selbst bei Krankheiten, Verkehrsunfällen oder illegaler Entnahme überleben zu lassen. Es gibt Fachleute, die der Meinung sind, diesen Zustand haben Wölfe in Deutschland bereits erreicht, (Thore Stein, AfD: Ja.) denn Wölfe sind mosaikartig in Deutschland und Europa verteilt. Sie stehen auch dann in genetischem Austausch, wenn sie sozusagen nicht Wand an Wand leben. Das ist natürlich auch nachvollziehbar, denn viele hier im Raum wissen, welche großen Entfernungen ein einzelnes Tier in einer Nacht zurücklegen kann. Wölfe müssen also wahrscheinlich nicht wirklich jedes potenziell geeignete Areal besiedeln, um überleben zu können, zumal sie sich ohnehin zu sogenannten Habitat-Generalisten entwickelt haben, das heißt, das klassische Wald- und Heidegebiet ist schon lange nicht mehr nur ihr Lebensraum. Sie nutzen Randgebiete von Städten ebenso wie auch intensiv genutzte Agrarlandschaften. Trotzdem möchten wir die selbstsichere Aussage im FDP-Antrag, der Erhaltungszustand des Wolfes ist, gemessen an anderen EU-Staaten, längst erreicht, so nicht einfach unterschreiben. (Zuruf von Thomas de Jesus Fernandes, AfD) Da wäre uns wichtig, dass den guten Erhaltungszustand nicht Politiker/-innen, sondern sachverständige Expert/- innen feststellen. Fakt ist aber, dass es zu dieser Frage in Deutschland und in der EU bald eine Aussage geben muss. Deswegen unterstreichen wir jede Forderung nach mehr Monitoring und mehr wissenschaftlicher und administrativer Kooperation. (Thomas de Jesus Fernandes, AfD: Noch mehr geht doch gar nicht, hat Herr Backhaus doch ausgeführt.) Sehr geehrte Kolleg/-innen, auch wenn wir uns das sehr wünschen, aber den flächendeckenden Schutz von Weidetieren über wolfssichere Zäune und Herdenschutzhunde sehen wir in Deutschland so in der Praxis nicht. Der Bau und die Unterhaltung von Zäunen für riesige Weideflächen würden sehr viel Geld kosten, Geld, das uns für zahlreiche andere, dringend notwendige Natur- und Klimaschutzmaßnahmen wieder fehlen würde. Die Auseinandersetzung nur mit einer geschützten Art darf nicht zulasten von Lebensräumen gehen, die Tausenden bedrohten Arten das Überleben sichern. Das ist letztlich nicht verhältnismäßig. Das führt auch innerhalb von Naturschutzgruppen zu Diskussionen. Allerdings gehört auch zur Wahrheit dazu, dass wir viele andere bedrohte Arten längst gesichert hätten, wenn wir die Milliarden der Gemeinsamen europäischen Agrarpolitik tatsächlich für mehr Biodiversität eingesetzt hätten oder einsetzen würden. Da wird vielfach Geld sinnlos verbrannt. Wir haben Sympathien für den Weg der Brandenburger Wolfsverordnung des bündnisgrünen Umweltministers Axel Vogel, die den Abschuss von Wölfen erleichtert. Das sieht auf den ersten Blick nach einem guten Weg aus. Doch auch dahin gehend sind uns die Bedenken von Wildbiolog/-innen bekannt, die bezweifeln, auf diesem Weg die Schadensereignisse zurückzudrängen, denn es gibt wenige Untersuchungen, inwieweit Abschüsse dann auch Wolfsrisse reduzieren helfen. Eine lang angelegte Studie aus den USA aus dem Jahr 2014 stellte fest, dass Abschüsse die Rudelstruktur zerstören und die Tierhalter nach einem kurzen Rückgang der Wolfsrisse mit größeren Problemen zu kämpfen hatten. Wir geben zu, wir kennen auch nicht den Königsweg im Umgang mit der Tierart Wolf. Wir wollen unsere Weidetierhalter/-innen mit ihren Tieren nicht verlieren und wir wollen den Wolf in angemessener Populationsgröße im Land sichern. Und ich würde mutmaßen, dass die wenigsten meiner Kolleg/-innen hier im Raum von sich behaupten würden, Sie kennen den perfekten Weg. Die vorliegenden Anträge geben mit ihren einzelnen Punkten Anlass zum Dialog im dafür zuständigen Agrarausschuss. Lassen Sie uns deshalb dem Beispiel der Kolleginnen und Kollegen im Niedersächsischen Landtag folgen, die einen umfangreichen CDU-Antrag zum Thema Wolf mit Stimmen der Regierungskoalition aus SPD und GRÜNEN in den Ausschuss verwiesen, um darüber in den Austausch zu kommen. Wie schon im Rahmen unserer letzten Debatte zum Thema Wolf sage ich, haben Sie den Mut zum Dialog, sehr geehrte Kolleg/-innen der Regierungskoalition, (Thomas de Jesus Fernandes, AfD: Wir wollen aber Mut zum Handeln haben.) zu einem Thema, das wir gemeinsam bewegen müssen! – Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit! (Beifall vonseiten der Fraktion der FDP)
