Dirk Bruhn
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Vielen Dank für die Gelegenheit, eine meiner ersten Reden hier im Landtag zu einem Thema zu halten, das Landwirte, insbesondere Weidetierhalter, Menschen, Politik und mich gleichermaßen bewegt, ein Thema, das zwischen übertriebenem Tierschutz und der Annahme, Rotkäppchen sei ein Tatsachenbericht, schwankt. Es wird seit einigen Jahren nicht nur von Minister Dr. Backhaus und den Naturschutzverbänden anerkannt, dass die Entwicklung der Wolfspopulation in ganz Deutschland ebenso wie in M-V eine Erfolgsgeschichte für den Naturschutz ist, es ist gelungen, eine seit mehr als hundert Jahren durch den Menschen ausgerottete Art wieder heimisch werden zu lassen. Für diesen Erfolg gab es mehrere Gründe. Einer davon – aus meiner Sicht der entscheidendste – ist die strenge Unterschutzstellung dieses Raubtieres. Dies führte über Jahre hinweg zu einer schnellen Wachstumsrate der Wolfpopulation in Deutschland. Insbesondere Brandenburg, das wohl europaweit am dichtesten von Wölfen besiedelte Bundesland, war davon betroffen. Aber in M-V kommen spätestens seit 2006 Wölfe wieder dauerhaft vor. Mit Ende des Wolfsmonitorings im Jahr 21/22 gelten 50 Prozent der Landesfläche wieder als vom Wolf besiedelt. In fast allen Regionen mit größeren Waldkomplexen werden Wölfe bisher nachgewiesen. Mittlerweile geht die Wissenschaft davon aus, dass in den am dichtesten von Wölfen besiedelten Regionen ein Plateau des Wachstums erreicht ist und hier die Entwicklung stagniert. In unserem Bundesland scheint es aber noch genügend freie Reviere zu geben, dass die Zahlen hier auch noch steigen werden. Eine anwachsende Wolfspopulation in M-V führt natürlicherweise auch zu zunehmenden Konflikten, insbesondere mit Weidetierhaltern, deren positive Entwicklung hoffentlich im Interesse aller liegt. Um diesen Konflikt auszuräumen, fordert die AfD-Fraktion, den Wolf in das Landesjagdgesetz aufzunehmen. Diese Forderung suggeriert eine Lösung des Konflikts. Durch eine Aufnahme des Wolfs in ein Landesjagdgesetz ändert sich an der strengen Unterschutzstellung dieser Art nichts. Zudem ist es heute schon möglich, sogenannte Problemwölfe, die durch wiederholte Übergriffe auf Weidetiere aufgefallen sind, zu entnehmen oder, um es klar auszusprechen, zu töten. Des Weiteren wird gefordert, dass in M-V feste Wolfsgebiete auszuweisen sind, in denen sich die Wolfspopulation vorerst ungestört entwickeln darf. In allen anderen Gebieten soll der Wolf bejagt werden. Verbunden soll das mit einer Bestandsobergrenze nur für unser Bundesland sein. Wird die Bestandsobergrenze überschritten, werden Wölfe abgeschossen. Diese vermeintlich einfachen Lösungen können und werden nicht funktionieren. (Thore Stein, AfD: Warum nicht?) Zum Beispiel Ihre Annahme, dass bis 2029 die Population um 30 Prozent steigt, kann man nicht nachvollziehen. Und Ihre Aussage, dass unsere Weidetierwirtschaft über Jahrhunderte gewachsen ist, ist richtig, aber von diesen Jahrhunderten haben 100 bis 200 Jahre die Wölfe gefehlt. Vorher waren sie auch da und sie ist trotzdem gewachsen. Meine Fraktion wird den Antrag der AfD vollständig ablehnen. (Thore Stein, AfD: Ach?!) Am 18. Januar 2023 fand auf Grundlage eines Antrages von CDU/CSU „Bejagung von Wölfen als Teil eines Bestandsmanagements“ eine öffentliche Anhörung im Bundestag statt. Bei den angehörten Experten war die Bejagung von Wölfen umstritten. So positionierte sich Frank Hahnel vom Schafzuchtverband Berlin-Brandenburg deutlich gegen Jagdquoten und Obergrenzen. Ich zitiere aus der Berichterstattung: „Nicht eine bestimmte Zahl von Wölfen sei … problematisch, sondern ein bestimmtes Verhalten der Tiere. Daher müssten die entnommen werden, die Weidetiere gefährdeten – unabhängig von einer festgelegten Zahl. Quoten seien ebenso abzulehnen, denn es sei zu befürchten, dass Rudel durch Bejagung geschwächt und erst recht gezwungen würden, Schafe“ zu reißen. Zitatende. Es gab einen illegalen Abschuss in Brandenburg, als ein Alpharüde aus einem Rudel getötet worden ist. Anschließend nahmen die Übergriffe dieses Rudels auf Weidetiere stark zu. Frau Ilka Reinhardt vom Lupus-Institut für Wolfsmonitoring und -forschung in Deutschland gab zu bedenken, ich zitiere, „dass die Bejagung von Wölfen nicht unbedingt zur Befriedung von Konflikten führe. Das zeigten die Beispiele Schweden und Frankreich, die die Union in ihrem Antrag als Vorbild herangezogen hatte, deutlich.“ Zitatende. Mittlerweile gibt es in der Wissenschaft eine klare Evidenz dafür, dass geeignete Mittel Herdenschutzmaßnahmen sind. Sicherlich hilft das nicht zu hundert Prozent, denn hundertprozentigen Herdenschutz gibt es nicht, das muss auch allen hier im Haus klar sein. Deshalb kommt es aus unserer Sicht darauf an, alle Schäden durch Wölfe für Betriebe und Hobbyhalter schnell und vor allem unbürokratisch auszugleichen. Und vor allem müssen auffällig gewordene Tiere endlich zügig entnommen werden, und das darf auch nicht an Kreis- oder Bundesländergrenzen scheitern. Hier ist noch viel zu tun und zu vereinfachen. Vor allem brauchen die unteren Naturschutz- und Jagdbehörden einfachere und rechtsichere Regeln, damit Problemwölfe schneller und unbürokratisch entnommen werden können. Wir müssen diesen Mitarbeitern den Rücken stärken und klare Handlungsempfehlungen mit auf den Weg geben. Keiner von ihnen soll Angst haben, dass er bei der Erteilung einer Abschussgenehmigung verklagt oder gegebenenfalls sogar verurteilt wird. Und zum Ende meines Beitrags noch was: Vielfach wird behauptet, der Wolf sei schuld an der Misere der Schaf- und Ziegenhalter. In am dichtetesten von Wölfen besiedelten Brandenburg kann zum Beispiel keine direkte Korrelation zwischen dem Anstieg der Wolfspopulation und dem Rückgang der Weide haltenden Tiere gezogen werden. (Beate Schlupp, CDU: Wer sagt das?) Vielmehr scheint die Nutzung der GAP-Förderung, die in Deutschland keine Möglichkeit von Weideprämien vorsah, die Hauptursache des Rückganges zu sein. So sah es in der bereits erwähnten Anhörung Andreas Schenk vom Bundesverband Deutscher Berufsschäfer. Mit der Weidetierförderung ab diesem Jahr haben wir eine gute Chance, eine bessere Koexistenz von Weidetierhaltung und Artenschutz beim Wolf hinzunehmen, weil sich hoffentlich die ökonomischen Faktoren für diese Betriebe verbessern. Meine Fraktion wie auch die Bundestagsfraktion haben eine Weidetierprämie in ausreichender Höhe seit vielen Jahren gefordert. Allerdings ist die Höhe dieser Prämie für mich nicht ausreichend, um wirklich ernsthaft unterstützend zu helfen. Die Anträge von CDU und FDP versuchen im Gegensatz zur AfD dem Thema gerecht zu werden. Einzelnen Punkten kann ich zustimmen. (Heiterkeit bei Thore Stein, AfD) Viele Forderungen sind heute schon möglich und deshalb entbehrlich. Aber gerade die Sachverhalte zu Bestandsgrenzen und Populationsentwicklung sind sehr einseitig ausgelegt und noch nicht abschätzbar oder auch schlicht falsch. Ein Beispiel aus dem CDU-Antrag: das Abstellen von Daten aus Gebieten in Kanada oder der russischen Taiga. Zum Ersten kann ich das mit Gebieten in Deutschland nicht vergleichen, zum anderen ist der Bestand an Wildtieren in M-V wesentlich höher. Dies hat aber einen entscheidenden Einfluss auf die Wölfe. Um einmal sarkastisch zu sein, Frau van Baal: Sie zitieren echt die Jäger?! Die Jäger haben ein Auge auf das Wild, wie der Wolf ein Auge auf das Wild hat. Aus den genannten Gründen wird meine Fraktion die Anträge ablehnen. Ich freue mich aber über einen weiteren fachlichen Disput zum Thema. – Ich danke für die Aufmerksamkeit. (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD und DIE LINKE)
