Anne Shepley
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleg/-innen der demokratischen Fraktionen! Ich wuchs in einem kleinen Dorf in Vorpommern mit Eltern aus Sachsen auf und hatte im Kleinkindalter eine Tagesomi, die Platt sprach. Es gibt farbenfrohe Erzählungen meiner Mutter, wonach ich den ganzen Tag auf Platt sprach und sang und meine Eltern mich nicht mehr verstanden. Später hatte ich das große Glück, ein paar Semester Germanistik und Anglistik studieren zu dürfen. Danach lebte ich fast zehn Jahre im englischsprachigen Ausland, und inzwischen bin ich mit einem Briten verheiratet. Wir leben in einem bilingualen Haushalt, in dem der Wechsel zwischen Sprachen und der Austausch über Worte, Redewendungen und Ausdrucksmöglichkeiten alltäglich ist. Warum erzähle ich Ihnen das alles? Weil Sprache, meine Damen und Herren, mich schon immer fasziniert hat, weil ich gerne beobachte, wie sie sich entwickelt und was es über Kulturen aussagt, wie sie etwas ausdrücken, wie sie sprechen und welche Worte es überhaupt für bestimmte Momente gibt. Und jede, die sich schon mal näher mit Sprache und ihrer Entwicklung befasst hat, merkt sehr schnell, wie sich über die Jahre alles immer weiterentwickelt und den jeweiligen Lebensumständen der Menschen zu der Zeit anpasst und immer weiter anpassen wird. Sprache ist lebendig. (Horst Förster, AfD: Richtig!) Sprache ist Ausdruck davon, wie wir gesellschaftlich zusammenleben und leben wollen. (Zuruf von Jens Schulze-Wiehenbrauk, AfD) Und wenn man das im Hinterkopf behält, und nur dann, dann kann man sich auch dem Thema „Gendergerechte Sprache“ aus dem einzigen Blickwinkel nähern, aus dem man sich ihm nähern kann, nämlich mit der wichtigen Frage: Wie wollen wir denn eigentlich miteinander leben? Meine Antwort als bündnisgrüne Mandatsträgerin ist ganz klar: in Vielfalt, Toleranz und mit größtmöglicher Teilhabe aller Menschen am gesellschaftlichen Leben. (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD, DIE LINKE und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Für die Art und Weise, wie wir uns miteinander verständigen, heißt das, dass auch genau dieses Werkzeug der gegenseitigen Verständigung, die Sprache, eine Vielfalt zum Ausdruck bringen sollte. Dafür bietet Sprache schier unerschöpfliche Möglichkeiten, und das ist einfach wunderbar. (Zuruf von Jens Schulze-Wiehenbrauk, AfD) Aus genau diesem Grund habe ich mich dazu entschieden, möglichst geschlechtersensibel zu kommunizieren, so bewusst wie möglich darauf zu achten, Frauen und divers gleichberechtigt anzusprechen, denn es ist mir wichtig, dass sich alle Menschen angesprochen fühlen, sich niemand übersehen oder ausgegrenzt fühlt, sondern sich sicher sein kann, ich werde hier mitgedacht. Auch für uns Politiker/-innen übrigens eine ganz wichtige Sache: Ich spreche nicht übers Gendern, sondern ich tu es einfach. (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD, DIE LINKE und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Und auch, wenn wir heute noch nicht so weit sind, Sprache wird ihren Weg finden, aus den vielen Fragen rund um geschlechtsspezifische Sprech- und Schreibweisen nach und nach regelhafte Nutzung werden zu lassen. Das war schon immer so und das wird auch immer so sein. Und wenn es irgendwann dazu kommt, dass die Kultusminister/-innenkonferenz auf Anraten des Rates für deutsche Rechtschreibung eine Regeländerung für sprachliche Möglichkeiten in Schule und Verwaltung beschließt, dann wird vielleicht auch das Sternchen oder das Binnen-I flächendeckend Einzug in unsere Sprache finden, genauso, wie seit Neuestem – und das hat mich wirklich überrascht – es das ß auch als Großbuchstaben gibt. (Zuruf aus dem Plenum: Was?!) Ja, stimmt, ist wahr! Bis dahin gilt, was auch jetzt schon gilt, niemand … (Julian Barlen, SPD: In welchem Wort denn?) Das stand irgendwo gestern, habe ich recherchiert. (allgemeine Unruhe) Bis dahin gilt, was auch jetzt schon gilt: Niemand ist gezwungen zu gendern. Es fordert auch nach meinem Wissensstand gerade überhaupt niemand, dass entsprechende Regeln zum expliziten Gendern erlassen werden. Die Einzigen in diesem Parlament, die immer und immer wieder über geschlechtergerechte Sprache sich ereifern, die keine Gelegenheit auslassen, dramatisch Stellung zu beziehen, und uns vom Ende des geregelten Sprachgebrauchs erzählen wollen sowie entsprechende Anträge wie den hier vorliegenden stellen, sind die Vertreter/-innen der AfD-Fraktion. (Thomas de Jesus Fernandes, AfD: Waren Sie gestern nicht da? – Jens Schulze-Wiehenbrauk, AfD: Sie wollen uns was aufzwingen, was wir nicht wollen!) Die Einzigen, die hier etwas verordnen und erzwingen möchten, sind Sie. Sie würden so gerne der Sprache einen Zaun bauen, darauf bestehen, dass nicht gegendert werden darf. Aber dann machen Sie sich doch wenigstens ehrlich und teilen Sie die wirklichen Motive Ihres Antrages mit uns! (Thomas de Jesus Fernandes, AfD: Na, jetzt kommts!) Es liegt doch völlig klar auf der Hand, (Horst Förster, AfD: Jetzt kommen die verrückten Unterstellungen!) dass Sie so furchtbar gerne dafür sorgen würden, dass alles, was die emanzipatorische Bewegung erreicht hat, infrage gestellt wird (Thomas de Jesus Fernandes, AfD: Mein Gott!) und wir wieder rückwärtsgehen, (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD, DIE LINKE und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Thomas de Jesus Fernandes, AfD: Das glauben Sie doch nicht selbst!) sozusagen generisches Maskulinum forever. (Horst Förster, AfD: Das ist eine völlig dumme Unterstellung! – Zuruf von Julian Barlen, SPD) Aber wissen Sie was, das wird Ihnen nicht gelingen, denn unsere Gesellschaft ist längst so viel weiter. Und die Dynamiken, die für die Veränderung unserer Sprache sorgen, die haben sich nie und die werden sich niemals an irgendeine Regel halten. Das ist einfach so. Und was die politische Arbeit angeht, so haben wir wahrlich andere Probleme zu beackern, (Thomas Krüger, SPD: Das stimmt.) als uns hier mit den von Ihnen angezettelten Stellvertreterkriegen auseinanderzusetzen. (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD, DIE LINKE und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Zuruf von Thomas de Jesus Fernandes, AfD) Wir haben ein Gender-Pay-Gap, wir haben Frauenhäuser, die besser finanziert werden müssen, wir müssen das Ehegattensplitting abschaffen, wir müssen Care-Arbeit besser aufteilen. Wir haben im Bereich der Gleichberechtigung und Gleichstellung einen Riesenberg von Arbeit. Lassen Sie uns lieber dazu Anträge schreiben! (Torsten Koplin, DIE LINKE: Genau.) Die Themen liegen alle vor uns. Und noch eine ganz kleine Randnotiz: Was mich ganz besonders betroffen gemacht hat, ist Ihr Wille, an den Hochschulen irgendwelche Sprachzwänge einzurichten. (Horst Förster, AfD: Wir doch nicht!) Ich bitte Sie, ganz dringend nachzuschlagen, was es heißt, die Freiheit der Lehre an den Hochschulen zu achten. – Vielen Dank!
