Anne Shepley
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Die Fraktion der AfD nimmt hier also eine längst umformulierte Textpassage im Regenbogenportal der Bundesregierung zum Thema „Jung und trans“ zum Anlass, ihren perfiden Kampf gegen gleichgeschlechtliche Liebe und geschlechtliche Vielfalt in unserer Gesellschaft erneut in diesem Parlament aufzunehmen. Was passiert ist, wurde heute schon mehrfach eingeordnet. Ich werde das jetzt nicht alles wiederholen. Aus meiner Sicht wäre eigentlich die komplette Sache schon erledigt gewesen, wenn man gesagt hätte, he, die Passage gab es – (Petra Federau, AfD: Eh klar!) es wurde mehrfach gesagt, dass es sie schon seit vielen Jahren gab –, (Enrico Schult, AfD: Sie sagen doch immer, wehret den Anfängen, Frau Shepley!) sie wurde jetzt zu Recht unter der Kritik geändert. Doch die AfD-Fraktion sieht nach wie vor eine unreflektierte Darstellung der geschlechtsangleichenden Hormontherapie und will die Seite gleich ganz aus der entsprechenden Verlinkung in den landeseigenen Regierungsseiten entfernen. Des Weiteren spricht der Antrag, ich zitiere, von „Einflussnahme von Lobbygruppen“ und suggeriert, der Staat würde hier hilflosen Opfern einfach irgendwelche Produkte schmackhaft machen wollen. Meine Damen und Herren, die Informationsseiten des Bundesfamilienministeriums setzen Kindern und Jugendlichen nicht irgendwelche Ideen in den Kopf, sondern sie informieren und formulieren ein Hilfsangebot für alle, die es brauchen. Das ist eine Aufgabe eines jeden Ministeriums: die barrierefreie Zugänglichkeit von Informationen. Und gerade bei uns im Flächenland mit wenigen Beratungsstellen sind digitale erste Infopunkte extrem wichtig. Aber es ist völlig klar, was die AfD hier versucht: Menschen weiter zu stigmatisieren, die ohnehin schon einen aufwühlenden, sehr emotionalen und oft sehr schwierigen Weg hin zu ihrer echten Identität gehen müssen. Die Kollegin Kröger hat das gerade sehr passend, wie ich finde, ausgeführt. (Beifall Dr. Anna-Konstanze Schröder, SPD) Ich kann mir nicht vorstellen, wie schwer es auf der Seele jedes oder jeder Einzelnen wiegt, mit einem Geschlecht geboren zu sein, mit dem man sich nicht zu Hause fühlt, einen Körper zu haben, der sich nicht nach dem eigenen anfühlt. Und nur, weil es vielleicht unser aller Vorstellungskraft übersteigt, was diese konkrete Situation für Heranwachsende bedeutet, mit welchen Problemen sie verbunden sein kann, heißt das doch nicht, dass es das nicht gibt. Und es heißt schon gar nicht, dass wir diesen jungen Menschen keine Hilfe mit auf den Weg geben sollen, meine Damen und Herren. Und damit reiht sich die AfD-Fraktion hier im Landtag natürlich in das bundesweite Treiben ihrer Partei ein, die zu einer Welle von aggressiv formulierten Äußerungen von AfD-Abgeordneten trommelten, die klar das Ziel haben, queere Rechte zurückzudrängen. In sozialen Medien wird der Bundesregierung und den Bündnisgrünen vorgeworfen, ich zitiere, „Gehirnwäsche von Kindern im Sinne der Trans-Lobby“ zu betreiben oder Schutzpatrone für Pädophilie und Perversion zu sein. (Zuruf von Thomas de Jesus Fernandes, AfD) Dabei werden auch immer wieder Trans- und Homosexuellenrechte vermischt, was zeigt, dass Sie absolut keine Ahnung haben, von was Sie hier eigentlich sprechen, meine Damen und Herren der AfD-Fraktion. Sie fachen damit übrigens auch die besonders in Russland populäre Meinung an, dass Propaganda für queere Lebensweisen Menschen erst homosexuell oder trans machen würde. Also für Sie noch mal zum Mitschreiben: Menschen lassen sich nicht in die von Ihnen propagierte Schablone von „wie wir zu sein haben“ reinpressen. Da können Sie verbal entgleisen, wie Sie möchten. Es wird weiterhin bi-, homo- und heterosexuelle sowie Transmenschen geben. (Thomas de Jesus Fernandes, AfD: Reden Sie doch mal zum Antrag!) Die werden weiterhin lieben, wen sie wollen, (Thomas de Jesus Fernandes, AfD: Wir haben doch einen ganz anderen Antrag gestellt.) und ja, die werden auch ihre geschlechtliche Identität ändern können, wenn sie es denn fühlen. An dieser Stelle möchte ich meinen großen Dank für ihre tolle Arbeit an die wenigen Beratungsstellen aussprechen, die mit ganz viel Ehrenamt ganz viel wuppen und chronisch schlecht ausgestattet und finanziert sind. Mit ihrer Arbeit retten sie auch Leben. Und hören Sie bitte zu, werte Kollegen der AfD-Fraktion, das wirkliche Problem liegt nämlich hier. Es liegt nicht daran, dass irgendwelche Seiten irgendwelche Leute dazu verführen, irgendwas zu machen, sondern es liegt darin, dass zum Beispiel Transmenschen und gleichgeschlechtlich liebende Menschen ein bis zu sechsfach erhöhtes Suizidrisiko haben. Und wenn man weiß, dass der Suizid die zweithäufigste Todesursache bei Kindern und Jugendlichen ist, dann zeigt sich die gesamte Dramatik der Situation. (Zuruf von Thomas de Jesus Fernandes, AfD) Und an alle da draußen, die Hilfe suchen, die sich nicht sicher sind, was mit ihnen und ihren Körpern passiert, die sich bedroht fühlen und die Kontakt suchen, ich kann euch nur zurufen: Informiert euch, holt euch Hilfe, die ihr braucht, denn wir sehen euch und wir akzeptieren euch genauso, wie ihr seid oder wie ihr sein möchtet! – Danke! (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD, DIE LINKE, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und Sandy van Baal, FDP)
