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Henning Foerster

Die Linke 10.11.2022 Sitzungen 8/36

Ja, vielen Dank, Frau Präsidentin! Also die Zahl der arbeitslosen Akademiker ist trotz Fachkräftemangel seit Jahren relativ konstant. Ich will das auch mal an Zahlen belegen. Im Oktober 2018 meldete die Bundesagentur für Arbeit 3.420, im Oktober 2020 dann 3.578 und im September 2022 schließlich 3.784 betroffene Personen. Und nicht nur ich stelle mir die Frage, warum es offenkundig nicht gelingt, dieses Potenzial zu heben. Liegt es jetzt an der Verwertbarkeit der Studienabschlüsse der betroffenen Personen? Sind es zu hohe Erwartungen mit Blick auf das gewünschte Einkommen oder die immer wichtiger werdende Work-Life-Balance bei den Betroffenen? Oder handelt es sich auch bei uns um überwiegend ältere Personen, denen immer noch pauschal Eignung und Leistungsfähigkeit abgesprochen werden? Diese und andere Fragen sollen jetzt im Rahmen der Arbeitsmarkt- und Fachkräfteanalyse noch mal gezielt betrachtet werden. So wollen es SPD und LINKE und so steht es folglich auch im vorliegenden Antrag. Die Ergebnisse dieser Analyse sollen natürlich auch mit Maßnahmen unterlegt schließlich in die Arbeitsmarkt- und Fachkräftestrategie des Landes einfließen. Ich will jetzt hier den Ergebnissen der Analyse nicht vorgreifen, bin aber nach mehr als einem Jahrzehnt Erfahrung im Bereich der Arbeitsmarktpolitik überzeugt davon, dass im Moment weder die Arbeitsagenturen noch die Jobcenter über hinreichend spezifische Instrumente für diese Gruppe verfügen. Und deswegen ist es mir nach wie vor ein persönliches Anliegen, dass wir uns auch als Land eigene Gedanken machen, wie wir zu erfolgreichen Lösungsansätzen kommen können. Wir sind ja faktisch dazu verdammt, alle Potenziale zu nutzen, denn die Zahl der erwerbsfähigen Personen nimmt beständig ab und zukunftsorientierte Firmen sind daher ja aufgefordert, jetzt selbst aktiv zu werden, zum einen durch ein professionelles Gesundheitsmanagement, mit dem sie die älteren Know-how-Träger möglichst lange gesund im Betrieb halten können, aber gleichzeitig auch dadurch, dass Vorbehalte gegenüber älteren Beschäftigten, auch vormals arbeitslosen, endlich der Vergangenheit angehören müssen. Es geht jetzt darum, deren Arbeits- und Innovationskraft zu nutzen und ihnen auch bei der Neubesetzung von Stellen eine Chance zu geben. Diejenigen, die hier schon einige Jahre dem Hohen Haus angehören, die kennen vermutlich die Idee eines Campus der Generationen, den man in unserem Nachbarland Brandenburg über mehrere Jahre sehr erfolgreich durchgeführt hat. Ich habe mir das Projekt seinerzeit vor Ort in Potsdam selbst angeschaut und die Projektleiterin anschließend auch zu Veranstaltungen in Rostock und Schwerin eingeladen. Und das Interesse und die Beteiligung der Fachleute an den Veranstaltungen, die war seinerzeit sehr gut. Eigentlich war der einhellige Tenor, dass man so was auch in Mecklenburg-Vorpommern bräuchte, und zwar deshalb, weil alle Anwesenden anerkannt haben, dass sich so die Beschäftigungsfähigkeit von vormals arbeitslosen, insbesondere älteren Akademikern auch signifikant erhöhen lässt. Somit würden sich auch deren Einstellungschancen verbessern. Und dass wir bis heute kein solches Instrument haben, liegt vermutlich daran, dass die Idee zur falschen Zeit und vom falschen Absender, sprich seinerzeit noch Oppositionsfraktion, kam. Nun haben sich die Voraussetzungen geändert und ich werbe nach wie vor dafür, ein ähnliches Projekt, natürlich angepasst auf unsere Erfordernisse, aufzulegen. Warum mache ich das? Weil es sich hier um eine klassische Win-win-Situation handelt. Die Entwicklung praxisbezogener Lernarrangements verbessert Lernfähigkeit, Lernbereitschaft und innovative Potenziale der Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Ganz konkret besuchen sie Vorlesungen zu ausgewählten Themen an einer Universität oder Fachhochschule. Des Weiteren arbeiten sie in regionalen Unternehmen an einer konkreten Projektarbeit. So treffen frühere Berufserfahrungen auf die Kreativität, den Einfallsreichtum und die modernen Projektmethoden der jungen Generation und es kommen auch noch die neuesten Techniken zum Einsatz. Besonders erfolgreich war man in Brandenburg mit dem innovativen Ansatz, die aktuelle Studierendengeneration mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus dem Projekt zusammenzubringen. Beide drückten dort gemeinsam die Schulbank und beide arbeiteten auch gemeinsam an einer schon erwähnten Projektarbeit im Kooperationsunternehmen. Bei den öffentlichen Veranstaltungen zum Campus der Generationen wurde stets betont, dass vor allem der gegenseitige generationsübergreifende und wertschätzende Austausch der Erfolgsgarant sei. Arbeitsmarktexperten aus der Praxis haben ebenso wie Wissenschaftler auch eine simple Erklärung dafür, warum das vermutlich so gut funktioniert hat, denn eine längere Phase der Erwerbslosigkeit führt bei allen Betroffenen früher oder später zu einem mehr oder weniger stark ausgeprägten Verlust des Selbstbewusstseins, und die in Potsdam bewusst gewählte Zusammenarbeit in altersgemischten Teams trug entscheidend zur Stärkung des Selbstvertrauens der Älteren bei. Gleichzeitig wurden den aktuell Studierenden Erfahrungswerte und fachliche Expertise vermittelt. Das Wissen Älterer wurde somit als etwas Nützliches erlebt, und die Älteren fanden über den gemeinsamen Austausch und die gemeinsame Projektarbeit Zugang zu ganz neuen, modernen Arbeits- und Herangehensweisen, oft, wie schon gesagt, unter Nutzung moderner Technik. Die Unternehmen hatten übrigens auch etwas davon. Zum einen bot sich ihnen die Gelegenheit, Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Rahmen der Projektarbeit persönlich kennenzulernen, und im besten Fall führte dies am Ende der Projektarbeit zum Angebot eines Arbeitsplatzes, also der Übernahme. Zudem war die öffentliche Darstellung des Campus der Generationen für sie ein klarer Imagegewinn. Kurzum, das Projekt war außerordentlich erfolgreich. Die Vermittlungsquote betrug 56 Prozent, und jeder, der sich ein bisschen mit den üblichen Zielzahlen im Rahmen von Arbeitsmarktprojekten auskennt, der weiß, dass das eine beachtliche Zahl ist. Sonst liegen die Integrationsquoten in aller Regel zwischen 20 und 30 Prozent. Und deshalb finden Sie im vorliegenden Antrag eben auch den Auftrag an die Landesregierung, die Auflage eines vergleichbaren Projektes zu prüfen. Wie Sie meinen Äußerungen entnehmen konnten, bin ich persönlich überzeugt davon, dass das sinnvoll ist. Man darf hier mit Blick auf die Teilnehmerzahl keine Wunderdinge erwarten. Es geht vor allem darum, die Potenziale dieser Zielgruppe arbeitsloser Akademikerinnen und Akademiker für die regionalen Arbeitgeber sichtbar zu machen. Das könnte man hierzulande mittels Einbindung der vier regionalen Beiräte zur Umsetzung der ESFbasierten Arbeitsmarktprojekte sicherstellen. Nun war der Fokus in Brandenburg sehr stark auf die älteren arbeitslosen Akademikerinnen und Akademiker ausgerichtet. Und warum war das so? Weil die auch dort vorgeschaltete Arbeitsmarktanalyse seinerzeit ergab, dass rund 35 Prozent aller arbeitslos Gemeldeten zum einen über 50 Jahre alt waren und davon ein signifikanter Teil über einen Fachschul-, Fachhochschul- oder Universitätsabschluss verfügte. Und es kann natürlich sein, dass jetzt im Rahmen unserer Arbeitsmarkt- und Fachkräfteanalyse auch noch andere Herausforderungen für Mecklenburg-Vorpommern beschrieben werden. Deshalb zeigt der Campus der Generationen eine Möglichkeit auf, wie man ein solches Projekt erfolgreich an den Start bringen könnte, wie man es durchführt und dann auch abschließt. Ob er allerdings tatsächlich die Blaupause für ein ähnliches Projekt hierzulande sein kann oder wir auf der Basis der zu erwartenden Ergebnisse auch noch andere Stellschrauben bewegen müssen, das wird sich zeigen. Wichtig ist aber, dass wir uns hiermit heute auf den Weg machen, und dazu soll dieser Antrag einen Beitrag leisten. – Vielen Dank für die Aufmerksamkeit! (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD und DIE LINKE)

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