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Anne Shepley

GRÜNE 09.11.2022 Sitzungen 8/35

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Abgeordnete! Mit dem vorliegenden Gesetzentwurf erfüllen Sie ein Versprechen aus dem Koalitionsvertrag. Wir haben es gerade gehört, staatlich anerkannte Erzieher/-innen für 0- bis 10-Jährige sollen in den ersten beiden Jahren ihrer Ausbildung nicht mehr auf den Stellenanteil einer Fachkraft angerechnet werden. In einem Bundesland wie Mecklenburg-Vorpommern, das eine hohe Quote an ausgebildetem Personal in den Kitas vorweisen kann, begrüßen wir diesen Schritt und auch den Versuch, dadurch die Qualität in unseren Kindertagesstätten zu verbessern. Deshalb werden wir den Diskussionen über diesen Gesetzentwurf im Ausschuss …, freuen wir uns darauf. Gleichzeitig müssen wir an dieser Stelle aber auch darauf hinweisen, dass dieser Gesetzentwurf nur ein kleiner erster Schritt sein kann. Inwiefern diese Gesetzesänderung in der Praxis schließlich ihre Wirkung entfalten wird, lässt sich erst in der Zukunft sagen, denn die Auszubildenden sind so oder so die halbe Woche in der Berufsschule und dementsprechend keine Bezugserzieher/-innen. Fakt ist, und ich kann nicht müde werden, das zu sagen, dass der Personalschlüssel in unseren Kitas einer der schlechtesten deutschlandweit ist und vorerst auch bleiben wird. Und dabei spreche ich noch nicht einmal von der Zeit, die die Erzieher/-innen unmittelbar am Kind sind. Im Gegenteil, der Personalschlüssel enthält Weiterbildung, Urlaub, Vorbereitungszeit, Essen vorbereiten, hauswirtschaftliche Tätigkeiten, alles, was die Zeit für pädagogische Arbeit weiter absinken lässt. Erst wenn man alle diese Tätigkeiten, die noch nichts mit Kinderbetreuung zu tun haben, abzieht, landet man bei der hier schon erwähnten Fachkraft-Kind-Relation. Das heißt, wenn wir hier von 1 : 15 im Kindergartenbereich sprechen, können Sie sich ja vorstellen, was passiert und wie viele Kinder eine Erzieherin betreuen muss, wenn der oder die Kollegin mal krank wird. Um dem Abhilfe zu leisten, sollen nach Ankündigung von Frau Ministerin Oldenburg nun auch Alltagshelferinnen und Alltagshelfer da verstärkt einspringen, wo Erzieherinnen und Erzieher nicht unmittelbar pädagogisch arbeiten, sondern vielmehr hauswirtschaftlich in den Kindergartenalltag eingebunden sind. Entlasten wird das sicherlich insbesondere kleine Einrichtungen in jedem Fall. Schließlich wird so mehr Zeit für die unmittelbare Arbeit am Kind frei. Betrachten wir aber nun noch mal die Fachkraft-Kind-Relation in unserem Land, so ist diese so schlecht, dass auch die Alltagshelfer/-innen zentrale Probleme nicht final werden lösen können. Gut ist, und das heben Sie ja auch immer lobenswerterweise hervor, dass wir in der Tat einen hohen Teil an qualifiziertem Personal aufweisen können. Das kann aber nicht, meine Damen und Herren, darüber hinwegtäuschen, dass es dennoch viel zu wenige Erzieher/-innen gibt, die proportional zu viele Kinder in zu großen Gruppen betreuen. Dass unsere Erzieher/-innen eine herausragende Arbeit leisten und diese schwierigen Rahmenbedingungen so gut wie möglich zu kompensieren versuchen, möchte in diesem Raum wohl niemand in Abrede stellen. Dass die Arbeitsbelastung dadurch aber höher ist als in anderen Bundesländern, können wir auch nicht ignorieren. Denn was passiert in der Praxis? Lassen Sie uns einen Blick in eine Krippe werfen! Gehen wir von einer für Mecklenburg-Vorpommern noch kleinen Gruppengröße von zwölf Kindern aus. Die Bertelsmann Stiftung empfiehlt im Übrigen einen Schlüssel von 1 : 3, die Realität in M-V sind ungefähr 1 : 5,8. Aber was bedeutet das konkret? Stellen Sie sich vor, Sie sind Erzieherin oder Erzieher dieser Gruppe und entsprechend dem Schlüssel verantwortlich für die Hälfte, also für sechs dieser Kleinkinder. Diese sind im Säuglingsalter, sind dem gerade erst entwachsen, können zum Teil noch nicht laufen, tragen eine Windel, brauchen viel Körperkontakt und individuelle Zuwendung, um gesund zu wachsen. Dass dies erfüllt wird, ist auch der berechtigte Anspruch aller berufstätigen Eltern, die ihre Kinder morgens zu Ihnen bringen. Stellen wir uns eine Szene am Mittagessentisch vor: Sie decken den Tisch. Die 1- bis 2-jährigen Kinder sind müde, sie sind hungrig. Ich bin mir sicher, die Eltern unter uns wissen, was es bedeutet, wenn Kinder Hunger haben. Zwei weinen, ein Kind hat gerade die Windel vollgemacht und es windet sich neben Ihnen auf dem Stuhl. Was machen Sie denn jetzt? Wenn Sie aufstehen, um im Bad das Kleine zu wickeln, sitzt Ihre Kollegin nicht nur mit den eigenen sechs, sondern mit zusätzlich fünf weiteren Kindern in dem Raum, von denen viele noch gefüttert werden wollen. Wenn Sie alle Ihre Kinder mitnehmen wollen, gelingt es Ihnen möglicherweise nicht, schließlich weinen zwei und müssen erst mal getröstet werden, abgesehen davon, dass die alle auch noch Hunger haben. Wenn Sie sitzen bleiben und das Wickeln verschieben, wird das Kind mit der vollen Windel ziemlich wahrscheinlich wund werden. Ein Alltagshelfer kann Ihnen nun vielleicht zumindest das parallele Tischdecken abnehmen. Windeln wechseln, trösten, füttern, kuscheln und Sie Ihrer Aufsichtspflicht entbinden, kann er oder sie jedoch nicht. Vielleicht wundern Sie sich ein bisschen über diese detaillierte Szene, aber mir ist es extrem wichtig, dass wir von diesem abstrakten Begriff der Fachkraft-Kind-Relation einmal wegkommen und uns vor Augen halten, was es für unsere Erzieherinnen und Erzieher jeden Tag in der Praxis bedeutet, mit diesen Schlüsseln umgehen zu müssen. (Beifall vonseiten der Fraktion der FDP) Danke! Hunger, Müdigkeit, ein sauberer Körper – Sie sehen, wir sprechen hier über die Grundbedürfnisse der Kinder. Es kann nicht sein, dass wir Kinder staatlich betreuen lassen unter Rahmenbedingungen, die es beim besten Engagement und auch einer guten Ausbildung der Erzieher/-innen mehr als schwer machen, diese zu erfüllen. Es kann nicht sein, dass wir uns einerseits dafür feiern, besonders viele Kinder zu betreuen und deutschlandweit die meisten Kitaplätze zur Verfügung zu stellen, wenn diese Angebote dann am Ende nicht kindgerecht sind. Das Prinzip „Masse statt Klasse“ können wir bei den Jüngsten in unserer Gesellschaft einfach nicht gelten lassen, meine Damen und Herren! Allein ein Blick in den Arbeitsalltag, wie eben von mir beschrieben, zeigt doch, dass hier mindestens eine Fachkraft in der Gruppe fehlt, um so kleinen, noch sehr stark pflegebedürftigen Kindern gerecht zu werden. Diese Rahmenbedingungen sind im Übrigen auch sehr unfair gegenüber all den engagierten Erzieher/-innen. Da beißt sich doch die Katze in den Schwanz. Zu wenig Personal verschlechtert nicht nur die Qualität, sondern auch die Arbeitsbedingungen. Und wie wollen wir denn unter diesen Bedingungen junge Menschen für den Beruf gewinnen beziehungsweise hier im Land halten und dann noch dazu kommen, dass sie herausragende Arbeit leisten? Wir brauchen also Arbeitsbedingungen, die attraktiv sind und die Pädagog/-innen eine individuelle Arbeit am Kind auch ermöglichen. Meine Damen und Herren, das Befriedigen der Grundbedürfnisse, eine entwicklungsgerechte Bildungsarbeit im Sinne der Kinder und faire, gute Arbeitsbedingungen für das Personal brauchen mehr Erzieher/-innen vor Ort! Die Träger bieten bereits vielerorts Teilzeitprogramme, bessere Work-Life-Balance und so weiter an, doch bei der Refinanzierung der Personalkosten sind sie natürlich auf das Land angewiesen. Insofern, ja, bitte rechnen Sie den Stellenanteil von Auszubildenden die ersten beiden Lehrjahre nicht mehr an, aber verbessern Sie auch dringend die Fachkraft-Kind-Relation, und zwar so, dass man es merkt! 1 : 14 im Kindergartenbereich, wie in Ihrem Koalitionsvertrag vorgesehen, sind zu wenig! Gehen Sie hier weiter und nehmen Sie auch dringend den Krippenbereich und die Horte in den Blick! – Vielen Dank für Ihr Zuhören! (Beifall vonseiten der Fraktionen der CDU, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und FDP)

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