Horst Förster
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! „Für ein gutes Leben im Alter“, ja, das hört sich alles ganz gut an, und ich will Ihnen die gute Laune hier gar nicht verderben, aber ich glaube schon, dass es nicht unbedingt eines neuen runden Tisches bedarf. Wir haben die Situation, dass vieles kreativ in der Gesellschaft von alleine funktioniert. Es gibt Ehrenamtsförderung, Ehrenamt in Hülle und Fülle, und vieles entwickelt sich von unten ganz alleine. Also die staatliche Fürsorge, ob die wirklich hier so notwendig ist, da habe ich meine Bedenken. Insbesondere, glaube ich, vergessen wir bei dem Ganzen, wie das denn alles so wirklich aussieht. Also da hat ja so jeder seine Erfahrung. Ich habe es bei meiner Mutter erleben dürfen, die zwar recht alt geworden ist, aber glauben Sie mal, wenn Sie dann auf der Zielgeraden sind – und die ist oft sehr lang –, dann sieht das Leben völlig anders aus. Da reden Sie nicht über digitale Teilnahme, da sind Sie froh, wenn der Betreffende auch noch lange vor dem Ziel den Notknopf bedienen kann. Also die Antragsteller, so habe ich angefangen, sorgen sich um die Alten in unserer Gesellschaft und wollen etwas gegen Tendenzen von Vereinsamung und Isolation tun, ein löblicher Ansatz. Vereinsamung und Isolation im Alter hängen aber ganz eng mit dem Lebensstil davor zusammen. Wer vor der Rente sein Leben aktiv gestaltet und am gesellschaftlichen Leben teilgenommen hat, der wird es auch danach tun, und er bedarf dazu nicht der staatlichen Anleitung oder Betreuung. Wer jedoch zuvor seine Freizeit im Wesentlichen vor dem Fernseher verbracht hat und Bewegung scheut wie die Katze das Wasser, für den werden Vereinsamung und Isolation oft unvermeidliche Spätfolgen sein. Und um es ganz klar zu sagen, dann ist das eben so, denn ein sich verstetigter Lebensstil lässt sich im Alter kaum noch korrigieren. Die Wirklichkeit sieht allerdings, wenn ich das heute mit meiner Jugendzeit vergleiche, doch recht erfreulich aus. Die Alten sind vergleichsweise ungeheuer aktiv und unternehmungslustig. Viele, die ihren Partner verloren haben – meist bleiben die Frauen übrig –, blühen oft nach einer Phase der Trauer auf und führen ein neues, entspanntes und aktives Leben. Und dazu gehört natürlich auch, dass man sich um den anderen, der sich zurückzieht, kümmert und ihn anspornt, hier oder da wieder mitzumachen. Das alles geschieht doch und ist – jedenfalls hier bei uns im ländlichen Milieu, wo die überkommene Gesellschaftsstruktur noch nicht umgekrempelt ist – gelebte Realität. Im Antrag wird die Überalterung der Gesellschaft als Kern des Problems angesprochen. Die richtigen Konsequenzen werden indessen nicht gezogen. Die demografische Entwicklung oder besser Katastrophe führt dazu, dass 2050 nur noch die Hälfte der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter ist. Auf den Punkt gebracht, es fehlen die Kinder. Und das ist die Folge einer viel zu geringen Geburtenrate. Fehlende Kinder können im Alter leicht zu einer Vereinsamung der Alten führen, denn wer im Alter keine Kinder hat, die sich um einen kümmern und Dinge erledigen, die man alleine nicht mehr erledigen kann, ist eben arm dran. Das Leben ist auch vorher ein ganzes Stück ärmer, wenn man mangels Kindern auch keine Enkelkinder hat, für die man nicht da sein kann, wenn ein dringender Betreuungsbedarf besteht. Meine Damen und Herren, ist Ihnen eigentlich bewusst, wie bedeutsam die Oma und auch der Opa – und da meine ich nicht die staatlich organisierte Wunschoma –, die wirkliche Oma und auch der Opa nicht nur für das Glück im Alter, sondern auch für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sind? In vielen Fällen funktioniert das Betreuungskonstrukt arbeitender Eltern doch nur dadurch, dass im E-Fall die Oma einspringt, ohne die der Laden schon längst sonst zusammengebrochen wäre. Die einzig richtige Antwort auf die Überalterung der Gesellschaft wäre eine Familienpolitik, die sich der Ursachen annähme und die Familie als Kern der Gesellschaft in den Mittelpunkt rücken würde. Dazu gehört auch, auch wenn Sie es nicht hören wollen, das Frauenbild dahin zu korrigieren, dass die Rolle der Frau als Mutter wieder die gebotene Wertschätzung erfährt und ein gesellschaftliches Klima befördert wird, wonach das Kind elementar zum Frausein dazugehört (Dr. Anna-Konstanze Schröder, SPD: Nein.) und damit das Gegenteil eines Vor- und Nachteile abzuwägenden Projekts einer alternativen Anschaffung wäre. Das gilt selbstverständlich auch für den Mann und dessen Vaterrolle. Oder noch deutlicher sinngemäß mit den Worten des Papstes: Wenn immer mehr junge Paare mit ihren Hunden flanieren, anstatt den Kinderwagen zu schieben, dann ist das gelebte Dekadenz. Die digitale Teilhabe älterer Menschen ist nun wirklich nicht das Problem. Diejenigen, die bislang mit IT nichts zu tun hatten, haben auch kein Interesse an einer Nachschulung im Alter. Zudem steht in intakten Familien das Enkelkind meist als IT-Betreuer zur Stelle. Das, was die älteren Menschen, die nicht mit dem Laptop großgeworden sind, brauchen, ist Verständnis und Rücksichtnahme. Und da praktiziert die Landesregierung mit ihrer digitalen Datenabfrage für die Grundsteuer gerade das genaue Gegenteil. Und noch eines: Sprechen Sie ein normales Deutsch mit unseren älteren Mitbürgern, denn das verstehen sie und darauf haben sie einen Anspruch! Das in Mode gekommene Denglisch, und dazu gehören auch der seniorTrainer und der SilverSurfer (Zuruf von Anne Shepley, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) und die von den Antragstellern favorisierte Gendersprache – da müssen Sie ja jetzt nicht, Sie müssen ja nicht sogar, „Vorleser“, haben Sie, glaube ich, gesagt, Ministerin, das ist ja völlig falsch, Sie müssten ja an sich modern sagen „Vorlesende“, gut, dass Sie bei den Älteren dann doch noch vom „Vorleser“ reden –, also das irritiert sie genauso wie die Computerfachsprache. Die Strukturen für die gesellschaftliche Teilhabe älterer Menschen, die Strukturen sind hinreichend vorhanden. Es bedarf keiner neuen Strukturen, es bedarf wie bisher intensiver Förderung des Ehrenamtes. Das ist völlig in Ordnung. Das Kernproblem, das Kernproblem, die Ursache der Vereinsamung lassen Sie völlig außen vor, denn das ist und bleibt die zu geringe Geburtenrate, die mit jeder neuen Statistik ein Weckruf für eine neue Familienpolitik sein müsste. (Beifall vonseiten der Fraktion der AfD – Zuruf von Rainer Albrecht, SPD) Den guten Willen der Antragsteller goutieren wir mit Enthaltung. – Vielen Dank! (Beifall vonseiten der Fraktion der AfD)
