Dr. Sylva Rahm-Präger
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Vor dem Hintergrund der MeLa, der bundesweit größten Landesausstellung der Land-, Forst- und Ernährungswirtschaft in Mecklenburg-Vorpommern mit über 800 Ausstellern aus elf Ländern und einer breiten Präsentation der aktuellen technischen Entwicklungen, der Ergebnisse in den Zuchtverbänden und der aktuellen Trends und Themen, ist es genau der richtige Zeitpunkt für diese Aktuelle Stunde. Wir können und müssen über die aktuellen Probleme sprechen. Aber darauf möchte ich später zurückkommen. Eines müssen wir bei allen Problemen in der Welt bei uns im Land immer im Auge behalten: Mecklenburg-Vorpommern ist ein gesegnetes Land. Wir leben in einer klimatischen Gunstregion mit unserer unmittelbaren Nachbarschaft zur Ostsee und unseren vielen klimamitbestimmenden Binnenseen. Wenn andere Regionen in Europa und auch in Deutschland große Probleme mit der anhaltenden Trockenheit haben, dann haben wir am Morgen den Tau auf den Wiesen und Feldern. Wir zählen zu den Regionen auf der Welt, die auch in den kommenden Jahrzehnten sicher und ertragreich Landwirtschaft betreiben können. Der Osten unseres Bundeslandes – das differiert von Jahr zu Jahr zwischen der Insel Usedom und dem Südosten der Insel Rügen – ist die Region Deutschlands mit den meisten Sonnenstunden. Die Erträge von Solaranlagen sind ebenfalls in unserer Region auf das ganze Jahr gerechnet sehr stabil. Vor dieser Stelle müssen wir wachsam sein, an dieser Stelle, es stehen viele Investoren vor der Tür mit dem Slogan: „Solarenergie – wir pachten Ihre Flächen ab einer Größe von einem Hektar zu Höchstpreisen“. Es wäre gut, wenn unsere Städte und Gemeinden und unsere Landwirte selber perspektivisch den Strom ernten würden, damit die Energie zu günstigeren Preisen im Land von unseren Bürgern und Betrieben genutzt werden kann. (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD und DIE LINKE) Meine sehr geehrten Damen und Herren, und als Küstenkinder kennen wir die vielen windigen und auch stürmischen Tage im Herbst und Winter zur Genüge, und manchmal möchte man ihn, den Wind, einfach abschalten können. Aber auch dieser Wind ist eine Zukunftschance für unser Land. Und das, meine sehr geehrten Damen und Herren, bezeichne ich als gesegnetes Land. Ein Segen sind auch die guten bis sehr guten Ernteergebnisse unserer Landwirte in diesem Jahr beim Getreide mit einem Zuwachs von 8,6 Prozent gegenüber dem sechsjährigen Durchschnitt. Der Raps mit einem Ölgehalt von durchschnittlich 44,5 Prozent hochgerechnet und einer Ertragssteigerung von 25 Prozent gegenüber dem langjährigen Durchschnitt als wichtigste Ölfrucht in unserem Land bringt ebenfalls Einkommenssicherheit für die Landwirte. Die Unsicherheiten hinsichtlich des Absatzes und der Marktentwicklung haben auch zum verstärkten Anbau von Leguminosen und Sonnenblumen geführt, und auch das trägt zu einer Verbesserung der Bodenstruktur und Bodenfruchtbarkeit bei. Die lange Trockenheit im Sommer hat aber auch in unserem Land Spuren hinterlassen. Der Silomais wurde in einigen Regionen bereits in der ersten Augusthälfte geerntet. Normalerweise fällt die Silomaisernte in den September oder sogar erst in den Anfang des Oktobers. Auch konnte der zweite Schnitt auf dem Grünland aufgrund des fehlenden Aufwuchses an vielen Stellen nicht geerntet werden. Das lässt sich jetzt schon an der Entwicklung der Heu- oder Heulagepreise ablesen. Zusammenfassend kann man sagen, dass tierhaltende Betriebe aufgrund der Defizite in der Futterernte stärker unter Druck geraten sind und zumindest in diesem Winter und im kommenden Frühjahr sein werden. Dies schlägt sich momentan am meisten in dem hohen Erzeugerpreis für Milch nieder. Die gestiegenen Energiekosten schlagen natürlich auch in der Landwirtschaft zu Buche. Das betrifft die Kosten für den Diesel, denn die Feldbearbeitung geht nicht ohne Energieeinsatz und die Pflanze ist kein Perpetuum mobile. Das betrifft die Trocknung und Lagerung des Erntegutes und das betrifft im höchsten Maße die Düngemittelpreise und deren Verfügbarkeit. Die Beschaffung der Düngemittel wird für die Ernteergebnisse im Jahr 2023 essenziell sein. Meine sehr geehrten Damen und Herren, ich möchte noch einmal auf die wirtschaftliche Leistung der Landwirtschaft in unserem Land zurückkommen. Bezogen auf unsere Landesgröße realisieren wir die größte und eine sehr modern aufgestellte Landwirtschaft in Deutschland. Das durchschnittliche Erntevolumen liegt bei 3 Millionen Tonnen Getreide, 1,8 Millionen Tonnen Zuckerrüben, 580 Tonnen Raps und 5 Millionen Tonnen Mais und circa 1,6 Millionen Tonnen Milch. Das sind nur Beispiele für Erträge. Auch Energie oder Bioenergie in Mecklenburg-Vorpommern wird gespeist durch die Erträge unserer Landwirte, und im Moment ist es gut, dass wir sie haben. Das sind circa 500 Biogasanlagen mit einer Produktion von 270 Megawatt am Netz und Biomethananlagen mit einer Einspeisung in das Energienetz von circa 70 Millionen Kubikmeter Biomethan. Das entspricht circa 745 Gigawattstunden. Die Landwirtschaft in Mecklenburg-Vorpommern ist essenziell für die Produktion der Nahrungsgrundlage für unsere Bevölkerung, aber auch für die Versorgung der Bevölkerung in Ostafrika, gerade mit Weizen- und Ölsaaten. Sie ist essenziell für die Pflege und Erhaltung unserer Kulturlandschaft und sie leistet einen Beitrag zur Sicherheit in der Energieversorgung. Meine sehr geehrten Damen und Herren, jetzt verlassen wir die Landwirtschaft und kommen zu den Lebensmitteln aus Mecklenburg-Vorpommern. Wussten Sie, dass die Lebensmittel aus Mecklenburg-Vorpommern mehr als 30 Prozent des gesamten Exportes unseres Bundeslandes realisieren? Genau gesagt waren es im Jahr 2020 31,2 Prozent. Das ist ein stattliches Ergebnis und auf die rückliegenden Jahre geschaut kein Ausreißer, sondern eine kontinuierliche Verlassgröße. Dazu ist es wichtig zu wissen, dass diese Branche zu 99 Prozent geprägt wird durch kleine und mittelständische Unternehmen. Wie ist die aktuelle Lage? Meine sehr geehrten Damen und Herren, die Energiepreise schlagen in den Betrieben der Ernährungswirtschaft in mehrfacher Hinsicht zu Buche. Und das möchte ich Ihnen kurz am Beispiel von Milchprodukten im Lebensmitteleinzelhandel erläutern. Die Milchpreisentwicklung von durchschnittlich 35 Cent je Liter auf 53 Cent je Liter ist der Energiepreisentwicklung, aber auch der Konkurrenz von Futter- und Lebensmitteln und der niedrigeren Erträge in der Futtermittelproduktion geschuldet. Fast jeder hat sich über die Preissprünge beim Quark gewundert, so er denn gerne Quark isst, natürlich nur, aber für ein Kilo Quark werden 3,5 Liter Milch benötigt, und dann sind das nicht nur 1,22 Euro Rohstoffeinsatz für ein Kilo Quark, sondern gleich 1,85 Euro. Der Verpackungsbecher aus Polypropylen hat um 3,2 Cent zugelegt auf 11,8 Cent. Polypropylen ist ein Erdölprodukt. Im Moment haben wir keinen Ersatz dafür. Es wäre sehr schön, wenn wir in Forschung und Wissenschaft investieren könnten und endlich einen nachhaltigen, eine nachhaltige Kohlenstoffverbindung finden würden, die dieses Produkt ersetzen kann. Aber noch, wie gesagt, sind wir auf Erdöl angewiesen für diese Verpackungen. Zum Glas: Das Glas ist um 7 Cent auf 18,8 Cent gestiegen – ich rede von einem 250-Milliliter-Verpackungsglas – und der dazugehörige Aluminiumdeckel- oder Schraubverschluss gleich um 4 Cent auf 8,6 Cent. Dazu kommt der Umkarton. Aber vielleicht noch ein Wort zum Glas: Jeder, der ein bisschen energiebewusst ist oder ökologisch denkt, denkt natürlich, ich möchte meinen Joghurt – oder mein Bier natürlich sowieso – aus einer Mehrwegflasche und einem Mehrwegglas beziehen. Das ist richtig. Und so weit ist es auch gut. Aber Glas ist schwer. Wenn ich Transportpreise von 22 Cent je Kilogramm Transport ansetze, auf einer Düsseldorfer, das heißt auf einer halben Europalette, dann bezahle ich zur Hälfte das Glas. Da bezahle ich nicht das Produkt, was ich transportiere, sondern das schwere Glas. Und wir haben in Deutschland nur drei Rückführungslager für Glas. Das weit im östlichsten liegende, für uns erreichbare ist in Bremen. Es gibt kein Auffanglager für das ganze Mehrwegglas. (Zuruf von Thore Stein, AfD) Das heißt, wir fahren tonnenweise Glas durch die Gegend, um es dann wieder zu reinigen, zu prüfen, ob es unversehrt ist, und in die Betriebe zurückzubringen. (Zuruf von Jens-Holger Schneider, AfD) Aber das ist ein anderes Thema, das ist auch ein Problem. Fast jeder hat gehört von Hakle. Hakle hat dichtgemacht. Die Papierpreise, das heißt für die Umkartons, für die Verpackungen sind auch im Preis gestiegen, sie haben sich verdoppelt. Während wir vorher bei einem Cent gelegen haben, den wir anrechnen mussten auf einen Artikel, sind es jetzt fast 4 Cent, 65 Cent je Karton, der danach im Lebensmitteleinzelhandel einfach weggeschmissen wird. Und erst danach beginnt die Berechnung der Lohnkosten, der Energiekosten und der Transportkosten. Bei den Lebensmitteln im Einzelhandel potenzieren sich die Energiekosten und Engpässe am Rohstoffmarkt. Während der Landwirt in Größenordnungen ab zehn Tonnen verkauft, und das ist weit nach unten gegriffen, verkauft der Erzeuger von Lebensmitteln vorzugsweise in einer Abpackung von 150 Gramm bis 500 Gramm. Daher haben wir für die Lebensmittel derzeit neben der Energie die höchste Inflation zu verzeichnen. Mit über neun Prozent liegt sie auf einem Rekordhoch, und es ist zu erahnen, dass hier noch nicht alle Preissteigerungen eingepreist sind. Hier gilt natürlich auch die Regel, je größer ein Unternehmen und je größer die Marktmacht, desto besser sind seine Verhandlungspositionen. Aber wie beschrieben, unsere Unternehmerschaft in Mecklenburg-Vorpommern sind Kleinstbetriebe, kleine und mittelständische. An dieser Stelle möchte ich eine Lanze für unsere Partner im Lebensmitteleinzelhandel brechen. Wir alle sitzen im gleichen Boot und nur miteinander können wir diese Krise bewältigen und für die Zukunft Lehren ziehen. Meine sehr geehrten Damen und Herren, Importwaren kommen momentan unzuverlässig an den Regalen an, sodass Regalplätze leer bleiben. Rohstoffe, deren Produktion in Europa nahezu aufgegeben wurde ...
