Martina Feldmayer
Nächster Redner ist der Abgeordnete Müller von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN. Bitte schön. Hans-Jürgen Müller (Witzenhausen) (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN): Frau Präsidentin, werte Kolleginnen und Kollegen! Erst einmal freue ich mich sehr, dass mit dem Kollegen Jourdan jetzt ein weiterer Landwirt dem Haus angehört, der auch weiß, wovon er spricht, wenn über Landwirtschaft gesprochen wird. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, CDU und SPD) Die AfD behauptet, Hessen profitiere vom Klimawandel. Das basiert wieder einmal auf einer extremen Verkürzung und Ausblendung der tatsächlichen Zusammenhänge. Mehr CO ist gut, sagt die AfD. Aber so funktioniert Natur nicht, so funktioniert auch Landwirtschaft nicht. Ja, CO – das wurde schon gesagt – kann Pflanzenwachstum fördern; das ist unstrittig. Aber das ist nur ein Faktor unter vielen: Wasser, Nährstoffe, Temperatur, Boden. Entscheidend ist – Herr Jourdan hat es gesagt –: Diese Faktoren geraten durch den Klimawandel zunehmend aus dem Gleichgewicht, Herr Gagel. Genau das zeigt auch die Forschung sehr klar. Der sogenannte CO -Düngungseffekt, den Sie hier hervorheben wollen, ist begrenzt oder nur vorübergehend und wird durch Wasserstress, Hitze und Nährstoffmangel vollkommen überlagert. Wenn man sich auch nur ein bisschen sachlich mit der Materie auseinandersetzt, wird sehr schnell klar: Die negativen Folgen des Klimawandels überwiegen so was von eindeutig. Genau das sehen wir auch in Hessen, das ist Alltag auf den Höfen. Wer wissen will, wie es wirklich aussieht, sollte einmal mit Landwirtinnen oder Landwirten sprechen – wenn die Sie überhaupt auf den Hof lassen –, (Beifall Hartwig Jourdan (CDU)) oder Sie nutzen hier die Gelegenheit, mit dem Kollegen Jourdan oder mit mir zu sprechen. (Lena Arnoldt (CDU): Das würde ich mir nicht antun!) In der Praxis geht es um ganz andere Probleme, zum Beispiel eine zunehmende Ausbreitung von Schädlingen, die durch den Klimawandel begünstigt wird. Der Maiszünsler breitet sich aus, warmes und trockenes Wetter hilft ihm bei der Entwicklung und beim Einbohren in die Pflanzen. Die Schilf-Glasflügelzikade ist ein wachsendes Problem, sie befällt Kartoffeln und Zuckerrüben, überträgt Krankheiten, und im schlimmsten Fall sind Teile der Ernte nicht mehr vermarktbar. Das ist die Realität. In sämtlichen Kulturen steigt der Schädlingsdruck, Bekämpfung und Vorbeugung werden immer schwieriger. Das sind reale wirtschaftliche Risiken für Betriebe. Ebenso deutlich wird das beim Blick in unsere Wälder. Der aktuelle Waldzustandsbericht zeigt eines der wärmsten Jahre seit Beginn der Aufzeichnung: nur etwa 80 % der üblichen Niederschläge und eine fünfmonatige Trockenperiode. Die Folge sind so viele stark geschädigte Bäume wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Die Borkenkäfer und die Dürre haben ganze Bestände zerstört. Herr Gagel, die Waldbrandgefahr steigt. Sie sprechen ernsthaft davon, dass Hessen vom Klimawandel profitiert? In welcher Blase leben Sie eigentlich? (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, vereinzelt CDU und Lisa Gnadl (SPD)) In welcher Blase leben Sie? Wir erleben extreme Trockenheit und gleichzeitig Starkregen. Wir erleben verschobene Vegetationsperioden. In Witzenhausen blühen die Kirschbäume früher. Das erhöht das Risiko, dass die Spätfröste die Blüten zerstören. Das sind die konkreten Herausforderungen, denen sich die Betriebe jedes Jahr stellen müssen. Die Folge ist vor allem eines: Unsicherheit. Die Planungssicherheit nimmt ab. Die Erträge werden unberechenbarer. Die Risiken steigen. Das ist der Alltag auf den hessischen Höfen. Sie greifen sich einen einzelnen Nebeneffekt heraus und blenden den Rest aus. Das ist Rosinenpickerei. Sie machen aus einem begrenzten Effekt eine vermeintliche Lösung und ignorieren den Gesamtzusammenhang. Ich frage mich, wie Sie Ihr Studium absolvieren konnten. Sie müssen auch einmal den Gesamtzusammenhang sehen. Das hilft keinem Betrieb. Das Gegenteil ist der Fall. Das verharmlost die realen Herausforderungen: Wenn Sie die Landwirtinnen und Landwirte ernst nehmen, sollten Sie einmal über Lösungen sprechen. Wir brauchen eine Landwirtschaft, die resilienter, also widerstandsfähiger wird. Etliche Landwirte nutzen bereits mehrere renversicherungen zur Absicherung. Aber auch dazu man sagen: Das ist in erster Linie Symptombekämpfung. Wir brauchen einen besseren Wasserrückhalt, gesündere Böden, vielfältige Fruchtfolgen, mehr Ökolandbau regenerative Ansätze, die die Systeme stabiler Wir brauchen Agroforstsysteme, die Wasser speichern die Erträge absichern. Wir brauchen im Wald einen sequenten Umbau hin zu stabilen naturnahen Mischbeständen. Aber die AfD-Fraktion bietet hier wieder einmal Antworten auf komplexe Zusammenhänge. Aber Antworten helfen niemandem, wenn sie an der vorbeigehen. Die Realität ist: Hessen profitiert nicht Klimawandel. Hessen befindet sich mitten in der krise. Unsere Aufgabe ist es, darauf mit faktenbasierter Analyse und konkreten Lösungen zu reagieren. Das sehen wir leider auch, und auch das gehört zur heit: Gleichzeitig meine ich, dass die Landesregierung beim Klimaschutz nicht konsequent genug vorgeht. würden wir uns tatsächlich mehr Engagement wünschen. – Vielen Dank für das Zuhören. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
