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Esther Kalveram

SPD 14.05.2025 Sitzungen 21/40

Sehr geehrte Frau Präsidentin, sehr geehrte Damen und Herren! Ich möchte zunächst für die wirklich sehr bewegende Feierstunde, die wir eben abgehalten haben, und auch für die sehr eindringlichen Worte von unserer Präsidentin Astrid Wallmann danken. (Beifall SPD, CDU, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, Freie Demokraten und Dirk Gaw (fraktionslos)) Meine Großmutter war am 8. Mai 1945 34 Jahre alt, Witwe mit zwei kleinen Kindern – meine Mutter war da gerade sechs –, evakuiert bei Verwandten in Helmarshausen, einem kleinen Ort in Nordhessen. Meine Heimatstadt Kassel war zu diesem Zeitpunkt schon zu 80 % zerstört. Kassel gehört neben Dresden, Hamburg, Pforzheim und Darmstadt zu den deutschen Städten mit der höchsten Opferzahl durch alliierte Luftangriffe. Mein Großonkel wurde als politischer Gefangener zu Beginn der Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten misshandelt und in einem Konzentrationslager inhaftiert. Nach dem Krieg verstarb er viel zu früh an den Folgen dieser Misshandlung. Aber für ihn gab es einen Weg aus dem Konzentrationslager zurück. Für Millionen andere Menschen galt das nicht. Neben dem brutalen systematischen Mord an über sechs Millionen Juden durch den Holocaust ermordeten die Nationalsozialisten auch Millionen Kriegsgefangene, Widerstandskämpfer und solche, die sie für Widerstandskämpfer hielten, Sinti und Roma, Menschen mit Behinderungen, politische Gegner oder schlicht Andersdenkende, Homosexuelle, Menschen mit dunkler Hautfarbe, Kriminelle und Menschen, die man als „asozial“ bezeichnet hat. Das ist ein Verbrechen von einem so beispiellosen Ausmaß, dass es bis heute schwerfällt, dieses zu erfassen. Es ist unser aller Verpflichtung, dafür zu sorgen, dass so etwas nie wieder passieren kann, nie wieder. (Anhaltender Beifall SPD, CDU, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, Freie Demokraten und Dirk Gaw (fraktionslos)) Auch in meiner Familie gab es, wie wohl in jeder deutschen Familie, aber nicht nur Menschen, die dem Nationalsozialismus kritisch gegenübergestanden haben. Nicht alle erlebten den 8. Mai als einen Tag der Befreiung. In einer Allensbach-Umfrage aus dem Jahr 1985 erklärten noch 58 % der Befragten, dass sie an den Nationalsozialismus geglaubt haben. Aus den Köpfen verschwand die Nazi-Ideologie am 8. Mai nicht, aus manchen bis heute nicht. In einer gerade erschienenen Studie stimmen 38,1 % der Befragten der These zu, dass man endlich einen Schlussstrich unter die Zeit des Nationalsozialismus ziehen müsse. Das ist zum ersten Mal eine relative Mehrheit. Als höre der Nationalsozialismus dieser dunklen Zeit Deutschlands damit einfach auf, zu existieren, als bräuchten wir uns nicht mehr zu erinnern. Auch deshalb bleibt die engagierte Erinnerungs- und Gedenkarbeit, die in den unterschiedlichen NS-Gedenkstätten in Hessen geleistet wird, so wichtig. Unsere Antwort darauf muss sein, diese zu intensivieren und zu modernisieren. (Beifall SPD, CDU, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und Freie Demokraten) Als ich 15 Jahre alt war, erzählte mir der Großvater meiner französischen Austauschschülerin, dass er Kassel kenne, weil er dort in Kriegsgefangenschaft gewesen sei. Mir war das furchtbar unangenehm. Aber er sagte: Dafür kannst du doch nichts. Du bist nicht schuld. Du bist unser Gast. Diese Bereitschaft zur Versöhnung ist ein Geschenk, das wir auch heute noch hegen und pflegen müssen. Es ist nicht selbstverständlich. Die wirtschaftliche Zusammenarbeit in der Europäischen Union und vor allem auch das Friedensprojekt der Europäischen Union haben meiner Generation ein Leben in Frieden und Wohlstand gesichert. Meine Kinder touren heute durch Europa und genauso selbstverständlich durch ein wiedervereinigtes Deutschland. Vorgestern haben wir 60 Jahre diplomatische Beziehungen zwischen Deutschland und Israel gefeiert. Das war 20 Jahre zuvor unter dem Eindruck des Holocausts noch vollkommen undenkbar. Gute Freunde stehen sich zur Seite und beschützen der, ertragen aber auch notwendige kritische Worte, wie Bundespräsident Steinmeier gerade gefunden hat. Das Gedenken an den 8. Mai ist auch ein Gedenken einen Neuanfang. Unsere Gegenwart ist nicht ohne das Bewusstsein für unsere Vergangenheit. demokratischen Werte fußen auf den Erfahrungen, die sere eigenen Vorfahren im dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte gemacht haben. Heute gilt es, all diese zu verteidigen, unsere Werte, unseren Frieden, unsere mokratie. Es ist gut, wenn wir dabei unsere europäischen Freunde an unserer Seite haben. Auch ich möchte mit Worten von Margot Friedländer enden: „Seid Menschen. Das ist es, was ich euch bitte tun.“ Herzlichen Dank. (Beifall SPD, CDU, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und Freie Demokraten)

Alle Reden von Esther Kalveram Protokoll ↗