Marie Kleinert
Ja, liebe Kolleginnen und Kollegen, verehrtes Präsidium, liebe Hamburger:innen! Lassen Sie uns heute weiter über großes Engagement sprechen. Und ich muss sagen, ich habe richtig gute Laune bei diesem Antrag. Ich bin ja froh, dass auch durch den Druck von links dieser Antrag jetzt hier vorliegt, auch wenn das hier noch Prüfauftrag ist und die Strategie und die Umsetzung dann hoffentlich nicht allzu lange auf sich warten lassen. Das ist aber ein erster guter Schritt, und wir werden dem Antrag auch zustimmen. Man kann über den Zeitpunkt des Antrags jetzt natürlich noch mal munkeln. Nachdem der Senat gerade noch Verträge mit Microsoft unterschrieben hat, jetzt den Antrag einzubringen, ist natürlich ein bisschen sich rauswinden aus der Hintertür, aber... ja, und auch vor dem Hintergrund, dass man nicht weiß, wie lange diese Verträge überhaupt geschlossen wurden mit Microsoft. Das ist nicht veröffentlicht, und da frage ich mich, wo ist hier die Transparenz? Ich will aber meine Zeit nutzen, um darüber zu sprechen, was Open Source eigentlich bedeutet und um unsere Wertschätzung gegenüber denen auszudrücken, die dazu beitragen, die Open-Source-Kultur am Laufen zu halten. Sprechen wir über Public Money, Public Code: Die seit 2017 von der Free Software Foundation Europe getragene Kampagne bringt das Prinzip auf den Punkt: Also Software, die mit Steuergeld bezahlt wurde, soll der Allgemeinheit gehören und unter freier Lizenz veröffentlicht werden. Was die Bürger:innen bezahlen, sollen sie also auch nutzen und weiterentwickeln können. Wir erinnern uns: Hamburg hat ja schon einmal mit dem Hamburgischen Transparenzgesetz – das war 2012 – bundesweit Maßstäbe gesetzt. Wie öffentliche Information öffentlich zugänglich gemacht wird, damals wesentlich getragen vom Chaos Computer Club Hamburg, von "Mehr Demokratie" und von Transparency International. Open-Source-Software in der Verwaltung ist die logische Fortsetzung dieser Tradition. Transparenz nicht nur über die Dokumente, sondern auch über die Werkzeuge, mit denen diese Dokumente erzeugt und verwaltet werden. Hamburg übernimmt 2026 den Vorsitz der Digitalministerkonferenz. Das ist doch eine Chance, das Thema digitale Selbstbestimmung und demokratische Transformation durch Open Source bundesweit voranzubringen, aber nur, wenn die Stadt selbst glaubwürdig handelt. Während wir hier sprechen, findet bei "dock europe" in Altona eine regionale Variante der globalen DebConf, der jährlichen internationalen Konferenz des Debian Linux Projektes statt. Debian wird getragen von Tausenden Ehrenamtlichen weltweit und ist eines der größten ehrenamtlich geführten Softwareprojekte der Welt. Wo immer Linux in deutschen Behörden, Schulen oder kritischer Infrastruktur läuft, läuft mit großer Wahrscheinlichkeit Debian. Und schauen wir uns doch etwas genauer auch an, was in openDesk eigentlich drin ist: Die Nextcloud hat sich seit 2016 zur tragenden Säule selbst gehosteter Cloudspeicher in Europa entwickelt und ist seitdem extrem relevant geworden. Heute laufen weltweit über 500.000 Nextcloud-Server. Ein erheblicher Teil der Code-Basis stammt aus der Community. Die Nextcloud GmbH hat dazu noch rund 150 Angestellte in 26 Ländern. Anderes Beispiel: Jitsi begann 2003 als studentisches Projekt von Emil Ivov an der Uni Straßburg unter dem Namen SIP Communicator. Seit 2014 existiert Jitsi Meet als browserbasierte Videokonferenzplattform. 2020, während Corona, erreichte Jitsi insgesamt über 20 Millionen aktive monatliche Nutzer:innen und wurde damit zur wichtigsten freien Alternative zu Zoom und Microsoft Teams. LibreOffice ist der Überbau der in openDesk verwendeten Software Collabora Online. LibreOffice ist seit der Gründung 2010 die freie Office-Alternative für alle und wird weltweit verwendet. Die Code-Basis umfasst heute rund 10 Millionen Codezeilen in über 30 Programmiersprachen. Im vergangenen Jahr haben rund 300 Entwickler:innen mitgewirkt, drei Viertel davon ehrenamtlich. Sie schreiben rund 17 Prozent der Commits, Tausende einzelne Bugfixes, Übersetzungen, Dokumentationsverbesserungen und Erweiterungen, die in Summe das Office-Paket ausmachen, das heute auf Rechnern in ganz Europa läuft. Wenn Hamburg, wie der Antrag der Koalition es nahelegt, in ferner Zukunft tatsächlich auf openDesk umsteigt, wird die Stadt eine Software einsetzen, deren Code-Basis in jahrzehntelanger Arbeit entstanden ist. Diese Arbeit wurde nicht in Konzernen geleistet, sondern an Küchentischen, in Hackspaces, an Hochschulen, in Vereinen – meist unentgeltlich. Diese Menschen verdienen mehr echte Anerkennung, die sich in Förderpolitik, in steuerlicher Anerkennung von Gemeinnützigkeit, von Open-Source-Arbeit, in Beiträgen Hamburgs zu den Trägervereinen und in Aufträgen niederschlagen sollte. Wir danken den unzähligen Menschen, die an Debian beteiligt sind, den mehr als 2.500 ehrenamtlichen Entwickler:innen von Nextcloud, den 221 Ehrenamtlichen, die im vergangenen Jahr an LibreOffice mitgestaltet haben, und den Hunderten Entwickler:innen von Jitsi Meet. Wir danken den Übersetzer:innen, die LibreOffice in über 110 Sprachen verfügbar gemacht haben. Wir danken den Bugreportern, den Reviewer:innen, den Autor:innen der Software-Dokumentation "Adminer", der Testinfrastruktur. Vielen Dank!
