Olga Fritzsche
Sehr geehrtes Präsidium, liebe Hamburgerinnen und Hamburger, liebe Kolleg:innen. Ja, also zu den Zahlen ist einiges gesagt worden. Frau Warnecke, das ist völlig klar, dass die Analyse... Da stimme ich Ihnen komplett zu. Und ich freue mich auch, dass wir es noch mal im Ausschuss diskutieren. Ich konzentriere mich jetzt trotzdem noch mal auf drei Punkte, die ich kritisch bewerten möchte und die mir auch wichtig sind. Mehr als die Hälfte der obdachlosen Menschen und fast ein Drittel der Wohnungslosen oder verdeckt Wohnungslosen geht selbst bei Krankheiten nicht zum Arzt. Und viele nutzen medizinische Unterstützung im Hilfesystem, obwohl sie eigentlich auch krankenversichert sind. Die gehen aber nicht zu dem regulären Arzt, sondern sie nutzen das Hilfesystem. Und das hat Gründe. Das hat Gründe, dass sie schlechte Erfahrungen gemacht haben, dass sie Angst haben, Angst, diskriminiert zu werden, dass sie fehlende Informationen haben oder andere Hürden. Und Aussagen wie "Ich möchte wie ein Mensch behandelt werden, nicht wie zweite Klasse" oder "Respekt, Ernstnehmen und Zeit ist der größte Anspruch" zeigen, wie groß eigentlich der Bedarf an Gleichbehandlung ist. Und viele wünschen sich eben vor allem dieses: mehr Respekt, mehr Zeit, weniger Stigmatisierung. Gerade Suchtkranke berichten von viel Diskriminierung im normalen Gesundheitsbereich. Und wenn Menschen lieber krank bleiben, als medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen, die ihnen zusteht, liegt das aber nicht an fehlender Bereitschaft. Dann stimmt da nicht was mit den Hilfebedürftigen, sondern das liegt daran, dass ihnen Wege versperrt werden, dass es Hürden gibt, die weg müssen. Und genau das müssen wir. Wir müssen diese Hürden abbauen. Und es muss möglich sein, dass diese Gruppe von Menschen einen echten Zugang zu regulären Arztpraxen und Krankenhäusern bekommt. Und da ist noch einiges zu tun. Zweiter Punkt. Der Umgang des Senats, da geht es mir wie Herrn Grutzeck, der Umgang des Senats mit den Ergebnissen, der ärgert mich richtig. Wenn die Sozialsenatorin sagt: "Wir sind nicht überrascht." Das hat sie in zwei Presseerklärungen und Pressekonferenzen gesagt. Dann heißt das: Man wusste, dass Menschen ausgeschlossen werden und dass sie unfassbar krank werden, immer kränker – und ließ es einfach laufen. Und Ehrlichkeit ersetzt dabei keine Verantwortung. Und Probleme vorher zu sehen oder vorherzusehen, ist einfach... ersetzt nicht, dass man was dagegen tut. Menschen... Menschen sind nicht ohne medizinische Versorgung, weil sie scheitern oder weil das System für sie oder sie zu dem System nicht passen, sondern das System hat sie nicht mitgedacht. Und wir haben viele Möglichkeiten aufgezeigt, wie das besser ginge. Und Sie haben sich immer darüber erhoben und haben gesagt: "Nee, wir machen schon alles. Wir machen das schon alles super." Und das muss aufhören. Sie müssen anerkennen, dass die Verantwortung da ist. Und Strukturen wie das Social Hub, die sind vielleicht geeignet zum Koordinieren, auch darüber könnte man noch streiten, aber sie lösen keine einzige Ursache. Und eine Koordinierungsstelle ersetzt auch keine funktionierende Versorgungs- oder Infrastruktur und auch keinen Wohnraum. Man kann nichts koordinieren, was einfach fehlt. Drittens sage ich noch einen Punkt zu dem Umgang mit der Veröffentlichung der Zahlen. Zwischen der Erhebung und der Veröffentlichung, sagte Herr Grutzeck, da liegen fast zwei Jahre. Zwei Jahre, in denen Fachleute hätten reagieren und damit arbeiten können. Und Sie enthalten uns diese Zahlen vor. Sie veröffentlichen die einfach nicht, weil die Sozialbehörde noch nicht zu Potte gekommen ist mit ihrer Reaktion dadrauf und mit ihren Vorschlägen, wie man damit umgehen sollte. In einer Situation, wo Menschen so krank sind, weil sie keinen Zugang zum System finden. Das so lange zurückzuhalten, das ist einfach unredlich. Und es ist kein Einzelfall. Das ist bei dem Bericht der Psychiatriekommission vorgekommen, mit dem Maßregelvollzug vorgekommen, mit allen möglichen Missständen in der Sozialverwaltung. Das macht man so nicht! Das ist einfach unredlich den Bürgerinnen und Bürgern gegenüber, egal ob sie auf der Straße leben oder irgendwo anders.
