Sarah Timmann
Ja, sehr geehrtes Präsidium, liebe Kolleginnen und Kollegen! Jeden Tag suchen Frauen, die Opfer von Gewalt geworden sind, Schutz. Sie haben Verletzungen, die man sieht, und Verletzungen, die man eben nicht sieht. Darüber haben wir heute bereits sehr viel gesprochen in all den unterschiedlichen Facetten, aber eine Frage kommt mir da gesamtgesellschaftlich doch ein wenig zu kurz: Warum müssen eigentlich Frauen lernen, Gewalt zu überleben, und nicht Männer lernen, keine Gewalt auszuüben? Wir haben in Deutschland ein Hilfesystem, das Frauen stärkt. Wir haben Notunterkünfte, wir haben Beratungsstellen, psychologische Begleitung. Frauen lernen Strategien, damit sie nicht sterben, damit sie wieder leben können, und das ist unfassbar wichtig. Aber was ist mit dem Mann, der sie verletzt hat? Er geht am nächsten Tag zur Arbeit, macht Witze in der Kaffeepause, sein Leben läuft weiter, als wäre nichts passiert, denn oft wird der Strafverfolgungsweg aus unterschiedlichsten Gründen nicht oder zu spät eingeschlagen. Eine internationale Untersuchung bringt es auf den Punkt: Frauen durchlaufen Therapien, um zu überleben, Täter durchlaufen selten Behandlungen, um sich zu verändern. Das zeigt, was falsch läuft, und die Gewalt – wir haben es heute gehört –, die fällt ja nicht vom Himmel. Sie beginnt früh: in Rollenbildern, in sexistischen Witzen, in toxischer Männlichkeit, in unreflektierten Wutmustern, in mangelnder emotionaler Kompetenz, in Gewalt, die innerhalb von Familien weitergegeben wird. Und sie verfestigt sich, wenn sie nicht konfrontiert wird. Deshalb ist Täterarbeit kein weiches sozialpädagogisches Projekt. Täterarbeit ist Sicherheitsarbeit und sie ist Opferschutz. Täterarbeit schützt Frauen nachhaltiger als Strafen allein. Und wir werden heute auch noch über die Veränderung des materiellen Strafrechts sprechen, wobei eigentlich fast alles schon vorweggenommen worden ist. Aber harte Strafen allein werden hier nichts bringen. Die schaffen vielleicht Gerechtigkeit für die Opfer und ihre Angehörigen, wenn es schon zum Äußersten gekommen ist, aber sie verhindern Taten eben nicht. Ich will sagen: Strafen sind wichtig, aber Strafen verändern niemanden automatisch. Und deshalb ist uns dieses Thema in Hamburg auch so wichtig. Ein paar Beispiele aus der Justizpolitik: Wir haben bundesweit ein einzigartiges Resozialisierungsgesetz. Im Justizvollzug arbeiten wir in verschiedenen Anstalten mit Antigewalttrainingstherapien und noch vielem mehr. Und natürlich fördern wir auch die ambulante Täterarbeit vor und nach der Inhaftierung. All das ist kein Nice-to-have, all das ist notwendig. Und ja, Täterarbeit ist anstrengend. Sie ist konfrontativ. Sie verlangt ganz viel Ressourcen, Personal und Geduld. An der Stelle ein großes, großes Dankeschön an all diejenigen, die es sich täglich zur Arbeit machen, hier Veränderungen zu erwirken. Aus justizpolitischer... Aus justizpolitischer Sicht vor allem ein großes Dankeschön an das vielseitige Personal im Justizvollzug. Sie leisten wahnsinnig viel, gerade in dieser angespannten Lage. Denn ihre Arbeit, sie erspart oder sie lindert zumindest Frauen und Kindern unendlich viel Leid. Und eines zum Schluss, und ich sag das auch ganz bewusst als junge Politikerin: Ich will nicht, dass wir noch jahrzehntelang Frauen beibringen, wie sie Gewalt überleben. Ich möchte, dass wir verdammt noch mal Männern beibringen, wie sie keine Gewalt mehr ausüben! Vielen Dank!
