Dr. Dorothea Kliche-Behnke
Vielen Dank. – Ich sprach von starken Frauen, allen voran Spitzenfrauen in den Gewerkschaften, beispielsweise bei der IG Metall oder der IGBCE. Aber ich möchte Ihnen heute von einer anderen Frau aus der Wirtschaft erzählen, von einer Unternehmerin. Sie gründete 1949 auf den Trümmern nach dem Zweiten Weltkrieg zusammen mit ihrem Mann eine Firma im heimischen Wohnzimmer. Das, was sie dazu gebracht hat, war eine ordentliche Portion Mut, Hoffnung für die Zukunft, waren aber auch betriebswirtschaftliche Kenntnisse, die sie glücklicherweise durch ein BWL-Studium erwerben konnte. Sie war eine der sehr wenigen Frauen, die damals an deutschen Universitäten BWL studierten, übrigens auch dank eines sozialdemokratischen Vaters, der alles dafür getan hat, dass seine Tochter dieselben Chancen bekommt wie die Jungen und Männer in ihrer Zeit. Diese Firma ist heute hier in Stuttgart ein größeres mittelständisches Unternehmen in der europäischen Fahrradbranche mit mehreren Hundert Beschäftigten. Die Frau, von der ich gesprochen habe, heißt Fernanda Lange. Die wenigsten werden sie kennen. Denn häufig ist es so, dass man die Namen der Frauen in der Wirtschaft gar nicht kennt. Fernanda Lange war meine Großmutter. Sie gab diese Firma später an zwei ihrer Söhne und an ihre Tochter, meine Mutter, weiter. So wuchs ich auf in einem Haus – wir haben auch alle zusammengelebt – mit zwei starken Frauen aus der Wirtschaft, mit zwei Führungsfrauen. Und ich hatte das große Glück – wahrscheinlich stehe ich deshalb auch heute hier –, weibliche Vorbilder zu haben, die gezeigt haben, was es heißt, Verantwortung zu übernehmen. Für mich war immer klar: Das können Frauen genauso wie Männer. (Beifall bei der SPD sowie Abgeordneten der Grü- nen, der CDU, der FDP/DVP und der AfD – Abg. An- dreas Deuschle CDU: Mindestens!) iode – 141. Sitzung – Donnerstag, 5. Februar 2026 Aber seien wir ehrlich, Kolleginnen und Kollegen: In diesem Land gibt es viel zu wenige solcher weiblichen Vorbilder. Das gilt für die Politik, aber leider eben auch für die Wirtschaft in Baden-Württemberg. (Beifall bei der SPD) Von meiner Großmutter ist überliefert, dass sie – sie bekam vier Kinder – bei den meisten der Geburten ihre Bilanzen und Unterlagen mit in den Kreißsaal nahm und noch in der Klinik arbeitete. Auch wenn uns das vielleicht ein wenig zum Schmunzeln bringt, zeigt sich da doch eine Lücke, die es in der Wirtschaft bis heute gibt: Wir haben keinen echten Mutterschutz für Selbstständige. Es ist daher – das muss ich sagen – ein großer Erfolg, dass diese Lücke jetzt durch den Koalitionsvertrag, vereinbart zwischen CDU/CSU und uns, der SPD, endlich geschlossen wird. Das ist ein großes Verdienst von Frauen aus der Wirtschaft, allen voran Handwerkerinnen, die lange für einen solchen Mutterschutz für Selbstständige gekämpft haben. (Beifall bei der SPD und Abgeordneten der CDU – Vereinzelt Beifall bei den Grünen und der FDP/DVP) Warum erzähle ich Ihnen das alles? Weil dieses Beispiel zeigt, dass soziale Sicherheit, soziale Errungenschaften und wirtschaftlicher Erfolg keine Gegensätze sind, sondern, wenn man es richtig macht, zwei Seiten derselben Medaille. Und dafür steht die SPD. Leider erleben wir dieser Tage immer öfter, dass genau dieser Zusammenhalt angezweifelt wird. Jede Woche kommt ein neuer Vorschlag. Soll man die Kosten für den Zahnersatz vielleicht gar nicht mehr übernehmen? Wie ist es mit der Zahnbehandlung für gesetzlich Versicherte? Mit der telefonischen Krankmeldung? Zudem wurde jetzt – da sind wir genau bei der CDU – die Frage nach der Teilzeit aufgeworfen. Jetzt haben wir einige gute Gegenargumente gehört; man merkt ja auch, dass Sie deutlich zurückrudern. (Abg. Raimund Haser CDU: Wir müssen gar nicht zurückrudern, weil wir gar nicht gerudert sind!) Es war auch zu lesen, dass Manuel Hagel – – Dieser Antrag, auch wenn Sie den Begriff „Lifestyle-Teilzeit“ jetzt aus dem Titel gestrichen haben, ist – das muss man sagen – in der Substanz doch bereits durch Ihre Antragskommission gegangen. (Abg. Florian Wahl SPD: Hört, hört!) Offensichtlich gibt es in Ihrer Partei sehr viele, die ein großes Interesse daran haben, Einschnitte am Recht auf Teilzeit vorzunehmen. (Beifall bei der SPD und Abgeordneten der Grünen)
