Daniel Lede Abal
Sehr geehrte Frau Präsidentin, sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen! 1995 habe ich W. S. kennengelernt. W. war Rentner, und ich war Zivildienstleistender in einem Wohnheim für geistig- und mehrfach behinderte Erwachsene hier in Stuttgart. W. war ein Mensch mit Downsyndrom, war ein Bewohner des Wohnheims und einer der auffällig wenigen Menschen im Rentenalter, die es damals dort gab. Das war aber nicht nur dort so, sondern in allen Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen. Der Grund dafür ist so einfach wie grausam: Menschen mit Behinderungen wurden vom nationalsozialistischen Regime gezielt in Behinderteneinrichtungen verbracht, um sie dort zu ermorden. 1939 wurden zunächst Kinder und Säuglinge, dann auch Jugendliche bis 17 Jahre über eine verpflichtende Meldeanordnung gezielt und systematisch erfasst. Die Angehörigen wur- (Daniel Lede Abal) den gedrängt oder sogar gezwungen, die Kinder in angebliche Kinderkliniken zu geben, wo sie ermordet wurden. Gegen Ende des Jahres 1939 wurden in der sogenannten Aktion T4 Euthanasiemaßnahmen auch gegen Erwachsene vorbereitet, also Morde zur angeblichen Verbesserung des Erbguts, und ab Jahresbeginn 1940 umgesetzt. An sechs Orten in Deutschland wurden diese staatlich angeordneten Morde durchgeführt. Im Südwesten geschah dies in Grafeneck. Innerhalb eines Jahres wurden in Grafeneck ca. 10 000 Menschen ermordet. W. hat diese Zeit überlebt, weil sich seine Familie und insbesondere seine Mutter hartnäckig und trotz Einschüchterung geweigert hatte, ihn an die Ärzte des Euthanasieprogramms auszuliefern. Für all die anderen, die dieses Glück nicht hatten, haben engagierte Menschen die Gedenkstätte Grafeneck geschaffen, die wahrscheinlich wichtigste Gedenkstätte zum Euthanasieprogramm der Nazis. Ich darf erwähnen: Zur Gedenkstätte Grafeneck hat Michael Blume mit zwei Gästen, auch mit Thomas Stöckle, ein Gespräch geführt und sich sehr intensiv und, wie ich finde, auch außergewöhnlich mit der Bedeutung der Gedenkstätte auseinandergesetzt. Deshalb sind wir sehr froh, dass der Bund jetzt den Ausbau der Gedenkstätte fördert und das Land dies unterstützt. (Beifall bei allen Fraktionen) Der Landtag von Baden-Württemberg bekennt sich heute mit diesem Beschluss zu dieser Gedenkstätte und will sie als Mahnung dauerhaft erhalten. Der Landtag beauftragt deshalb heute die Landesregierung, mit dem bisherigen Eigentümer des Schlosses Grafeneck, dem Trägerverein der Gedenkstätte, der Landeszentrale für politische Bildung und weiteren Institutionen eine dauerhafte und tragfähige Konzeption für den Umbau, den Erhalt und die politische Bildungsarbeit zu entwickeln. Ich möchte mich bei den Fraktionen der CDU, der SPD und der FDP/DVP bedanken, stellvertretend bei den Kollegen Deuschle, Binder und Haußmann, die sich gemeinsam mit zahlreichen anderen Kollegen hier im Haus in der Sache sehr stark und hilfreich engagiert haben. Wir alle sind der Überzeugung: Wir sind das den Opfern schuldig. (Beifall bei den Grünen, der SPD und der FDP/DVP sowie Abgeordneten der CDU und der AfD) Damit könnte eigentlich an dieser Stelle schon fast alles gesagt sein. Aber auch heute noch gibt es Menschen und Parteien, die in diesen Kategorien denken, die zwischen „wertem“ und „unwertem“ Leben unterscheiden, und die damit kokettieren, Menschen mit Behinderungen umbringen zu wollen. So hat ein Abgeordneter dieses Landtags in der vergangenen Woche bei einer Wahlkampfveranstaltung Folgendes geäußert: Ich meine, Söder ist ja nicht nur körperlich behindert, auch manchmal geistig. ... Aber wir lassen ihn leben – er ist ja immer mal wieder witzig. (Zurufe, u. a.: Oh! – Entsetzlich!) ode – 139. Sitzung – Mittwoch, 28. Januar 2026 Meine Damen und Herren, das ist absolut bodenlos und zeigt, warum Gedenkstätten wie Grafeneck mehr gebraucht werden denn je. (Beifall bei den Grünen, der CDU, der SPD und der FDP/DVP) Meine Damen und Herren, meine Fraktion und ich bitten Sie um Unterstützung für die Arbeit der Gedenkstätte und die Menschen hinter der Gedenkstätte. Bitte unterstützen Sie diesen Antrag. Wir sind es den Opfern schuldig, und wir sind es Menschen wie W. schuldig. Herzlichen Dank. (Beifall bei den Grünen, der CDU, der SPD und der FDP/DVP)
