Dr. Wolfgang Reinhart
Fahren Sie bitte fort, Frau Ministerin. Ministerin für Kultus, Jugend und Sport Theresa Schopper: Entsprechend ist es mir wichtig, zu fragen: Warum ist diese Schulstruktur wichtig und notwendig gewesen? An dieser entzündet sich jetzt die Debatte. Die Gemeinschaftsschule entstand an vielen Orten durch die Umwandlung einer Werkrealschule oder einer Realschule. Das war nicht nur ein neues pädagogisches Konzept, sondern es war für viele Gemeinden die einzige Möglichkeit, die Schulstandorte in der Gemeinde zu erhalten. (Vereinzelt Lachen) Das ist wichtig. Das ist für die Gemeinden, aber auch für alle anderen wichtig, weil eine Schule am Ort ein wichtiger Faktor für das kommunale Leben ist, damit nicht das Wort gilt: In der Kirche ist niemand, das Wirtshaus ist zu, der Tante-Emma-Laden ist nicht mehr da, und die Schule ist auch noch weg. (Zuruf des Abg. Dr. Rainer Balzer AfD) ode – 137. Sitzung – Mittwoch, 10. Dezember 2025 Das alles sind wir in unterschiedlichen Bereichen angegangen. Mit den Gemeinschaftsschulen haben wir sowohl ein neues pädagogisches System hervorgebracht als auch Schulstandorte erhalten; das wurde schon besprochen. Wer pilgert denn nach Wutöschingen? Wer sieht, was dort alles gemacht wird? Wer sieht, dass das die Schulen der Zukunft sind? Wer gewinnt die Schulpreise? Ich war bei der Verleihung in Berlin. Die Ernst-Reuter-Schule aus Karlsruhe ist die Schule, die den Themenpreis Demokratiebildung gewonnen hat. Wie viele innovative Konzepte gehen aus diesen Schulen hervor? Das ist doch auch ein wichtiger Punkt. Aus den Privatschulen diffundiert vieles in das allgemeine Schulwesen hinein, und dort haben wir innovative Ansätze. Die Gemeinschaftsschulen sind die Schulform, um die vielen Ansätze umzusetzen, die wir von den PISA-Siegern übernehmen können: längeres gemeinsames Lernen, Differenzierung, bei der man sieht, dass die Talente unterschiedlich verteilt sind; man kann zum einen auf dem Gymnasialniveau, zum anderen auf dem mittleren Niveau lernen. So zu tun, als wäre das die Schulform, die man nicht gebraucht hätte, ist nicht die richtige Antwort, die wir heute in der Debatte geben dürfen. (Beifall bei Abgeordneten der Grünen – Zuruf: Völ- liger Quatsch!) Ich will noch mal etwas sagen, was jetzt noch nicht angesprochen wurde, obwohl ich finde, dass das ein absolut wichtiger Punkt sowohl für das deutsche Schulsystem als auch das baden-württembergische Schulsystem ist: 90 % der Kinder gehen auf eine öffentliche Schule. Ich finde, das ist ein absolut wichtiger demokratischer Faktor, dass sehr viele Kinder, egal, aus welchen Schichten, das öffentliche Schulsystem nutzen. Es gibt ein hohes Vertrauen der Elternschaft, dass das öffentliche Schulsystem den Kindern in unserem Land genau die richtige Bildung vermittelt. Trotzdem beklagen wir – nicht erst seit 15 Jahren, sondern schon länger –, dass der Schulerfolg massiv von dem Hintergrund der Eltern abhängt. (Abg. Dr. Stefan Fulst-Blei SPD: Ja!) Das ist der Punkt, an dem wir einfach arbeiten müssen. Für mich war die Qualitätsfrage wirklich immer wichtig, natürlich schon allein unter wirtschaftlichen Aspekten: Für die Zukunftsfähigkeit unseres Landes brauchen wir gut ausgebildete Schülerinnen und Schüler, gute Absolventinnen und Absolventen aller Schularten, weil es für alle Menschen aus allen Schularten Arbeitsplätze gibt. Die Paradoxie, die es heutzutage gibt, ist, dass wir zeitgleich auf der einen Seite einen großen Fachkräftemangel, auf der anderen Seite durch die Transformation aber auch einen großen Weiterbildungs- und Fortbildungsbedarf haben. Diese Paradoxie spiegelt sich ja auch in unserem Schulsystem wider, indem wir mehr auf die berufliche Orientierung eingehen. Das ist doch ein Bereich, wo wir die Wirklichkeit, die Realität, die sich gesellschaftlich abbildet, auf das Schulsystem adaptieren und im Schulsystem umsetzen müssen. (Ministerin Theresa Schopper) Daran haben wir in den letzten viereinhalb Jahren – ich kann es für mich sagen; da bin ich noch mal näher dran –, aber, wie ich das beobachtet habe, sowohl in der Zeit von Frau Dr. Eisenmann als auch in der ersten Legislaturperiode in grüner Regierungsverantwortung, einerseits mit Inklusion, mit Ganztag und indem wir damit begonnen haben, den einzelnen Talenten im Schulsystem mehr Raum zu geben, angeknüpft. Hier jetzt eine Debatte zu führen und in dieser zu suggerieren, man wüsste, wie es immer gegangen wäre, ist, denke ich, zu wenig Antwort auf die Komplexität, die wir in unserem Schulsystem haben. (Beifall bei den Grünen und Abgeordneten der CDU) Für mich waren die IQB-Ergebnisse von 2022 wirklich ein Alarmsignal: 20 % der Kinder haben nicht die Mindeststandards erreicht – das war damals die dritte Klasse –, 20 % der Kinder haben nicht die Regelstandards erreicht – die Regelstandards waren früher das, worüber man geredet hat. Das war ja nicht der Mindeststandard. Es gibt bei uns ein massives Problem, den Kindern in der Schule Bildung und Wissen zu vermitteln. Das Jahr darauf – IQB neunte Jahrgangsstufe – waren es 30 % der Kinder, die in Deutsch nicht den Mindeststandard erfüllt haben. Das ist gesellschaftlich eine absolute Alarmstufe. Deswegen haben wir umgesteuert. Deswegen bin ich wirklich dankbar dafür, dass wir in Richtung frühkindliche Bildung gegangen sind. Denn wir wissen: Das Wissen erlangt man nicht plötzlich wie bei Kai aus der Kiste, also dass man plötzlich die entsprechenden Basiskompetenzen in Lesen, Schreiben, Rechnen hat. Vielmehr müssen wir das gezielt fördern, weil der Rucksack ansonsten immer größer wird und wir nicht nur eine persönliche Perspektive haben. Denn es sind die Kinder und Jugendlichen, die jeder und jede für sich einen Platz in unserer Gesellschaft finden müssen. Dazu gehört natürlich auch eine Qualifizierung für den Arbeitsmarkt. Es ist aber auch für die Wirtschaft in unserem Land katastrophal, wenn 30 % der jungen Leute an unseren Schulen nicht ausbildungsfähig sind und sie mehr oder weniger Gefahr laufen, die Schule als funktionale Analphabeten zu verlassen. Das können wir nicht hinnehmen, und da haben wir umgesteuert. (Beifall bei den Grünen und Abgeordneten der CDU) Natürlich hat man auch schon 2015 umgesteuert. Das, was Stefan Fulst-Blei gesagt hat, ist ja die Realität. Frau Dr. Eisenmann hat genau hier gestanden und hat selbst gesagt, dass es nicht eine Konsequenz aufgrund der Strukturfragen von 2011 sei, sondern dass wir einfach aufgrund der unterschiedlichen Heterogenität der Schülerschaft insgesamt umdenken müssen, wie wir bei uns Schule machen. Deswegen hat sie sich hingesetzt und hat in gemeinsamen Runden überlegt, wie wieder mehr Qualität an die Schulen gebracht werden kann. Das ist der Ursprung der datengestützten Qualitäts- und Unterrichtsentwicklung und weshalb wir das ZSL und das IBBW gegründet haben. Ich weiß, dazu wird immer wieder mal gesagt, dass es dessen nicht gebraucht hätte. Aber es ist wichtig, dass wir die Qualität in den Fokus stellen – was das Kultusministerium sowohl ab 2016 wie auch ab 2021 getan hat. de – 137. Sitzung – Mittwoch, 10. Dezember 2025 (Beifall bei den Grünen und Abgeordneten der CDU – Zuruf von der CDU: Sehr gut!) Natürlich ist der Lehrkräftemangel ein Thema, und natürlich versuchen wir, Lehrkräfte an die Schulen zu bringen. Gott sei Dank ist der Lehrkräftemangel an den Grundschulen, der größte Mangel, mit dem ich konfrontiert war, als ich angefangen habe, u. a. durch die Erhöhung der Zahl der Studienplätze in der letzten Legislaturperiode nicht mehr in diesem Maß vorhanden. Wir haben genügend gut ausgebildete Grundschullehrkräfte, um die Stellen zu besetzen, damit die Kinder keinen fachfremden Unterricht und keinen Unterricht durch nicht pädagogisch ausgebildete Fachkräfte haben. (Beifall bei den Grünen und des Abg. Andreas Sturm CDU – Abg. Nadyne Saint-Cast und Abg. Andreas Schwarz GRÜNE: Sehr richtig!) Mit dem Direkt- und dem Seiteneinstieg haben wir bekanntlich an den beruflichen Schulen ein Erfolgsmodell. Ich sage immer: Einen Orthopädieschuhmachermeister, der Orthopädieschuhmacher ausbildet, backe ich mir nicht an der Hochschule, sondern dem muss ich das mit dem Seiteneinstieg ermöglichen. Da haben wir große Erfolge, die wir jetzt auch auf die allgemeinbildenden Schulen übertragen. Die dualen Studiengänge sind zugegebenermaßen in der Anzahl noch „zart“, aber wir versuchen, damit zu eruieren, (Abg. Nadyne Saint-Cast GRÜNE: Ja!) ob wir z. B. auch eine andere Klientel für ein Studium gewinnen können. Der MINT-Bereich steht in Baden-Württemberg traditionell im Fokus. Im MINT-Bereich gibt es in keinem anderen Bundesland so viele Stunden wie bei uns. Wir haben den MINT-Bereich in den Oberstufen noch einmal ausgebaut. Darum beneiden uns andere Bundesländer immens. Wir haben 31 außerschulische Forschungszentren. Sie waren sicherlich alle schon einmal an einem dieser Forschungszentren. (Zuruf: Ja!) Bad Saulgau ist sozusagen die Wiege dieser außerschulischen Forschungszentren, ist sozusagen auch die Wiege für das MINT-Exzellenzgymnasium, für das wir im Übrigen eine sehr gute Bewerberlage haben. Wir könnten die Plätze doppelt und dreifach besetzen. Daran sieht man, dass wir mit diesem MINT-Exzellenzgymnasium eine Lücke schließen. Auch mit dem Landesgymnasium für Hochbegabte in Schwäbisch Gmünd haben wir die Möglichkeit, Schülerinnen und Schüler, die besondere Käpsele sind, in ihren Talenten speziell zu fördern und diese herauszukristallisieren. Dafür ist die MINT-Strategie, die wir auch in dieser Legislaturperiode verfolgt haben, ein wirklich wichtiger Punkt. Aber man darf das andere nicht vergessen. Ehrlicherweise gesagt, Herr Balzer, Sie kommen mit dem, was Sie gesagt haben – dass wir keinen Wert mehr auf die Sprachbildung legten und mehr mit Comicfiguren arbeiten würden –, schon ein bisschen schlicht daher. (Abg. Dr. Rainer Balzer AfD: „Schlicht“!) (Ministerin Theresa Schopper) Aber manchmal ist es natürlich schon so – das gilt auch für die Schülerinnen und Schüler –: Der Wurm muss nicht dem Angler schmecken, sondern dem Fisch. (Zuruf des Abg. Dr. Timm Kern FDP/DVP) In der Schule muss man natürlich auch kindgerechte Ansätze verfolgen. Aber das hat nichts damit zu tun, dass beispielsweise bei Kompass 4 über eine Zeichnung die entsprechende Aufgabe gestellt wird. Das ist nichts, bei dem man gleich „Donner und Doria“ schreien müsste, weil man meint, da würde gleich die ganze Sprachbildung hintangestellt. Wir machen in der frühkindlichen Bildung Sprachbildung alltagsintegriert, weil das natürlich der Grundstock dafür ist, dass wir in der Sprachbildung überhaupt vorankommen. (Beifall bei den Grünen und Abgeordneten der CDU) Eine gewisse Paradoxie bekommt man ja doch immer mit: Einerseits sagen Sie, Sie seien die Helden der G-9-Landschaft. Das ist z. B. für einen Abgeordneten aus diesem Haus das wichtigste Anliegen, weil ich weiß, seine zwei Söhne trugen ein Trauma davon. Das wurde uns da auch immer entsprechend mitgegeben. (Abg. Dr. Dorothea Kliche-Behnke SPD: Aber hal- lo!) Als wir die G-9-Reform gemacht haben, ging es Ihnen doch gar nicht schnell genug. Sie haben im Volksantrag gesagt, wir könnten das sofort bis Klasse 10 einrichten. (Zurufe von der CDU, u. a. Abg. Raimund Haser: Aha!) Jetzt sagen Sie, das wäre völlig überhastet, die seien darauf gar nicht vorbereitet. (Abg. Dr. Stefan Fulst-Blei SPD: Das ist handwerk- lich nicht sauber!) Da muss ich wirklich einmal sagen: Ich weiß nicht, wie ich mich – – (Abg. Dr. Stefan Fulst-Blei SPD: Nein, das ist hand- werklich nicht sauber! – Abg. Petra Krebs GRÜNE niest.) – Gesundheit, Kollegin Krebs. (Abg. Dr. Hans-Ulrich Rülke FDP/DVP: Das ist halt eine Allergie! – Gegenruf des Abg. Dr. Stefan Fulst- Blei SPD: Das denke ich gerade auch! – Weitere Zurufe: Gesundheit!) Man kann natürlich auch immer fragen: Aus welcher Schranktür muss ich heraus? Aber ehrlicherweise ist eine solche Bildungsreform, wie wir sie jetzt mit dem Umstieg von G 8 auf G 9 gemacht haben, etwas, was auch Zeit braucht. Wenn wir damit nicht schon zum letzten Schuljahr gestartet wären, dann hätte ich doch hören wollen, (Abg. Dr. Stefan Fulst-Blei SPD: Das entschuldigt nicht diese unsaubere handwerkliche Arbeit! Das ent- schuldigt das doch nicht! Wenn ihr was macht, dann macht es doch richtig! – Weitere Zurufe) ode – 137. Sitzung – Mittwoch, 10. Dezember 2025 was für ein Rohrspatzentheater Sie aufgeführt hätten, dass das alles gar nicht so ernst gemeint wäre und wir das G 9 wahrscheinlich gar nicht wollten. (Abg. Dr. Stefan Fulst-Blei SPD: Zu Recht! Weil Sie dazu viel zu lange gebraucht haben! Ihr habt doch noch nicht mal die G-9-Modellversuchsschulen nach ihren Erfahrungen gefragt! – Weitere Zurufe) – Sie müssen sich ehrlich mal – – (Abg. Dr. Stefan Fulst-Blei SPD: Ja, sagen Sie mal! – Glocke des Präsidenten) – Sie haben ja mal eine Anfrage gestellt. (Abg. Dr. Stefan Fulst-Blei SPD: Sie haben damit an- gefangen!)
