Thomas Poreski
Frau Präsidentin, liebe Kolleginnen und Kollegen! Lieber Kollege Dr. Kern, nehmen Sie es mir nicht übel: Wenn ich Ihnen zuhöre – das ist vermutlich auch jahreszeitlich bedingt –, fällt mir Loriot ein: (Abg. Dr. Timm Kern FDP/DVP: Das sieht man Ih- nen an! – Vereinzelt Heiterkeit) „Früher war mehr Lametta.“ Im Ernst: Die Lebensverhältnisse der Kinder und der Familien in unserer Gesellschaft haben sich in den letzten Jahrzehnten massiv verändert. Die Vielfalt, die Problemlagen und Herausforderungen – all das ist völlig anders gelagert als noch vor Jahrzehnten. Verändert haben sich auch die Bedarfslagen unserer Wirtschaft, weil diese im globalen Wettbewerb bestehen muss, um den Wirtschafts- und Technologiestandort Baden-Württemberg zu sichern. Die Bildungswissenschaft hat das alles längst erkannt und liefert praktikable, zukunftweisende Antworten. Und die FDP? Sie liefert stattdessen ätzende Kritik, garniert mit polemischen Anekdoten. Das hat bestenfalls Unterhaltungswert; denn Ihre systemischen Antworten sind durchgehend von gestern und vorgestern – gegen den Rat der nahezu kompletten Bildungswissenschaft und gegen die Bedürfnisse unserer Wirtschaft. (Zuruf des Abg. Dr. Hans-Ulrich Rülke FDP/DVP) Glauben Sie wirklich, damit der Welt von heute und morgen einen Gefallen zu tun? Das alles wirkt doch wie verkrampfte Denkfaulheit. – Ja, okay, früher war mehr Lametta. Wir sagen im Einklang mit der Wissenschaft: Es gibt kein Zurück in eine – angeblich – heilere Welt, die es so nie gegeben hat und die erst recht nicht in die heutige Zeit passt. (Beifall des Abg. Thomas Hentschel GRÜNE – Abg. Dr. Hans-Ulrich Rülke FDP/DVP: Immerhin, einer klatscht!) Wir sagen auch: Bildungspolitik ist immer eine Daueraufgabe. Sie braucht einen langen Atem, und sie ist nie fertig. (Thomas Poreski) (Beifall bei Abgeordneten der Grünen – Vereinzelt Beifall bei der CDU) Bildungspolitik muss selbst ein lernendes System sein, um nicht ideologisch zu erstarren. Deshalb lohnt sich ein evidenzund wissenschaftsbasierter Blick auf die Herausforderungen und die Ergebnisse. Jahrelang hat uns die Opposition dafür geschmäht, dass Baden-Württemberg in den innerdeutschen Bildungsvergleichen abgerutscht ist – der Kollege hat das gerade wiederholt. Das hat sich aber in den letzten Jahren mit dem grün geführten Bildungsministerium gründlich geändert. Im Bildungsmonitor der INSM – jahrelang d i e von der FDP zitierte Benchmark – belegen wir erstmals Spitzenplätze. Schade für die FDP, aber gut für das Land! (Beifall bei den Grünen – Zuruf: Ja!) Im Durchschnitt der Kriterien liegen wir auf Platz 4, mit einem deutlichen Positivtrend – weit entfernt von Ihren Untergangsszenarien. In der neuesten IQB-Studie – übrigens der größte und sehr renommierte Bildungsvergleich in Deutschland – sind wir deutschlandweit wieder unter den Top 3. Im IQB-Bericht steht schwarz auf weiß: „Baden-Württemberg hat als einziges Bundesland die Trendumkehr geschafft.“ Das kann kein anderes Bundesland von sich behaupten, egal, ob mit einer CDU- oder einer SPD-Regierung, und egal, ob die FDP dabei mitregiert oder nicht. (Abg. Dr. Timm Kern FDP/DVP: Wir brauchen kei- ne Trendumkehr, weil es vorher gut war!) Baden-Württemberg ist im deutschlandweiten Vergleich wieder auf dem Siegertreppchen. Das war ja mal Ihr Ziel – wir haben es erreicht. Und das ist keine Meinung, sondern eine Tatsache. (Beifall bei den Grünen und Abgeordneten der CDU) Um es aber ganz klar zu sagen: Das macht uns keineswegs selbstzufrieden – auf keinen Fall! Denn unser Maßstab ist die internationale Champions League, (Lachen des Abg. Anton Baron AfD – Abg. Anton Baron AfD: Oje!) und da war Deutschland und war auch unser Bundesland noch nie vorn. Den PISA-Schock gab es 2002, also deutlich vor 2011, auch in Baden-Württemberg, und zwar völlig zu Recht. Viele unserer Maßnahmen, darunter die beste frühkindliche Förderung aller Flächenstaaten, zielen in Richtung Champions League. Nein, im internationalen Vergleich sind wir noch nicht spitze – aber ein Anfang ist gemacht. Wenn Sie die Rückmeldungen aus den Schulen hören, dann wissen Sie, dass sich die Versorgungslage – die übrigens ausnahmslos in ganz Deutschland prekär ist – zumindest ein wenig entspannt hat. Doch um es ganz offen zu sagen: Selbst mit einer deutlich besseren Versorgungslage gäbe es auf viele Probleme und Herausforderungen unseres Bildungssystems noch keine wirkliche Antwort. Die Lebensrealität der Schülerinnen und Schüler hat sich massiv verändert, der Anteil der Kinder und Jude – 137. Sitzung – Mittwoch, 10. Dezember 2025 gendlichen aus sozioökonomisch benachteiligten Familien ist gewachsen. Der Umgang mit den sogenannten sozialen Medien ist eine Mammutaufgabe – Stichwort „Digitale Mündigkeit“. Schulen müssen mehr denn je ein guter Lebensraum für Kinder und Jugendliche sein – Stichwort „Mentale Gesundheit“. Ein Viertel der jungen Menschen – die Bundesschülerkonferenz hat das zu Recht thematisiert – bezeichnen ihre Lebensrealität als schlecht. Etwa ein Fünftel verletzt sich selbst. Mental Health, also die seelische und mentale Gesundheit der jungen Menschen, ist angesichts der erschreckenden Befunde vordringlich. Geben wir damit den Leistungsanspruch auf? Nein, im Gegenteil. Andreas Schleicher hat bei der Vorstellung der jüngsten PISA-Studie klar formuliert: Die Champions League in der Bildung ist erfolgreich, weil und nicht obwohl sie die seelische Balance der Schülerinnen und Schüler voranstellt. (Beifall bei den Grünen) Da müssen auch wir besser werden, auch angesichts der demografischen Entwicklung und der Anforderungen einer ungewissen Zukunft. Demokratiebildung, Bildung für nachhaltige Entwicklung und Future Skills müssen das Bulimielernen ablösen, also das sture und wenig nachhaltige Faktenpauken auf die nächste Klausur. Zukunftweisende Veränderungen werden mit pädagogisch kluger Einbindung digitaler Formate und KI inzwischen von vielen Schulen, von vielen Lehrkräften in unserem Land mit viel Engagement auf den Weg gebracht, (Lachen bei Abgeordneten der AfD) darunter Schulen, die z. B. mit dem Deutschen Schulpreis der Robert Bosch Stiftung ausgezeichnet wurden. Dass diese unglaublich innovativen und unorthodoxen Schulen mit ihren hoch engagierten Schulgemeinschaften zudem bemerkenswert erfolgreich sind, wundert nur diejenigen, die in einer sehr, sehr engen Denkwelt gefangen sind. Für sie dürfte es wahrscheinlich solche Schulen gar nicht geben. Zukunftweisender Wandel ist auch auf gute Rahmenbedingungen angewiesen. Zu Recht fordern unsere im internationalen Vergleich erfolgreichen Schulen Prüfungsformate, die auch in Zeiten von ChatGPT stimmig sind. Sie fordern mehr fächerübergreifendes und projekthaftes Lernen, weil die Wirklichkeit vernetzt ist und weil nur in Zusammenhängen wirklich nachhaltig gelernt wird, Stichwort „Deeper Learning“. Um diesen Anforderungen gerecht zu werden, haben wir erste Schritte unternommen, mit mehr Freiheiten für die Schulen und einem Rahmen für mehr Projektlernen an allen Sekundarschulen. Um hier weiter voranzukommen, braucht es evidenz- und wissenschaftsbasierte Maßstäbe, an denen wir Grünen uns orientieren können. Es geht um Excellence, also die beste Entfaltung aller Talente. Es geht um Equity, also Chancengerechtigkeit, und darum, dass das Aufstiegsversprechen durch Bildung erneuert wird. Und es geht dabei immer und vorrangig um Mental Health, also die mentale und seelische Gesundheit der Schülerinnen und Schüler sowie ebenso der Lehrerinnen und Lehrer in unserem Land. Das Retro-Weltbild der FDP erinnert (Thomas Poreski) vor diesem Hintergrund an einen sehr erfolgreichen Buchtitel des Psychologen Paul Watzlawick: „Anleitung zum Unglücklichsein“. Der wesentliche Unterschied ist allerdings: Watzlawick meinte das ironisch. Sie meinen es ernst. Vielen Dank. (Beifall bei den Grünen und Abgeordneten der CDU)
