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Dr. Stefan Fulst-Blei

SPD 03.12.2025 Sitzungen 17/136

Vielen herzlichen Dank. – Frau Präsidentin, Kolleginnen und Kollegen! Erst mal herzlichen Dank an die CDU-Fraktion für die Beantragung der Debatte zu diesem wichtigen Thema, auch wenn ich ehrlich sagen muss, dass mir der Neuigkeitswert nicht so richtig klar geworden ist. (Abg. Katrin Schindele CDU: Letzte Woche ESA- Ministerratskonferenz! – Abg. Rüdiger Klos AfD: Das spricht nicht für die SPD!) – Ja, aber zu Ihren Ausführungen sozusagen. – Aber das gibt uns auch die Gelegenheit, an zwei oder drei Stellen mal auf Probleme hinzuweisen. Ein Thema, das z. B. ganz fehlt – ich (Dr. Stefan Fulst-Blei) habe mich damit mal etwas befasst –: das Kessler-Syndrom. Kennen Sie das? (Zurufe, u. a.: Eher Kessler Sekt! – Ja!) Falls nein, empfehle ich Ihnen die Lektüre meiner Kleinen Anfrage Drucksache 17/9376 samt der Antwort des MWK; herzlichen Dank dafür. Der Astronom Donald J. Kessler hat 1978 Fragmentationsprozesse im Asteroidengürtel statistisch modelliert und auf den erdnahen Orbit übertragen. (Abg. Raimund Haser CDU: Ach, der war das! – Abg. Rüdiger Klos AfD: Weltraumschrott!) Was hat das mit uns zu tun? Leider mehr, als wir gern hätten. Die These ist nämlich, dass durch den zunehmenden Weltraumschrott im mittleren Erdorbit die Gefahr besteht, dass es zu einem Kaskadeneffekt kommen kann. Das heißt, schon jetzt haben wir die Situation, dass kleinere Schrottteile beispielsweise auf Satelliten treffen können. Wenn das passiert, würden die perforiert werden, (Abg. Katrin Schindele CDU: In Empfingen wird der Weltraumschrott beobachtet!) und es würde zu einem Dominoeffekt kommen. Dieses Phänomen wird aktuell durch die massenhafte kommerzielle Nutzung – durch Starlink etwa – im mittleren Erdorbit verschärft. Wenn ein übles Ende anzunehmen ist, dann würde am Ende die totale Zerstörung der Satelliteninfrastruktur im mittleren Erdorbit im Raum stehen. Würde dies zutreffen, Kollegin Hartmann (Abg. Sarah Hagmann GRÜNE und Abg. Katrin Schindele CDU: Hagmann!) – Hagmann, Entschuldigung –, dann hätten wir massive Probleme etwa mit Blick auf die Klimaforschung, aber auch hinsichtlich der von Ihnen angesprochenen militärischen Aspekte. Wer das hier jetzt möglicherweise für eine dunkle Sci-Fi-Dystopie hält, den muss ich leider darauf hinweisen, dass mein Fraktionsvorsitzender Andreas Stoch und ich unlängst einen Besuch beim Institut für Raumfahrtsysteme an der Universität Stuttgart hatten. Dort hat Professor Fasoulas das Eintreffen des Kessler-Effekts als „hoch wahrscheinlich“ bezeichnet; das ist ein Zitat. Er wies beispielsweise auch darauf hin, dass Starlink schon in den Jahren 2024 und 2025 ungefähr 250 000 Ausweichmanöver pro Jahr vollziehen musste. Was ein Totalschaden der Satelliten, die in einer Höhe zwischen 500 und 800 km schweben, für die Gesellschaft oder für die Börsenkurse bedeuten würde, überlasse ich einmal Ihrer Fantasie. Die bessere Nachricht: Das Problem ist nicht nur bei der Forschung angekommen – wenngleich hier meines Erachtens eine deutlich höhere Förderung notwendig wäre –, sondern es ist auch bei den Unternehmen der Luft- und Raumfahrt angekommen, wie jüngst die gut besetzte Veranstaltung der IHK Reutlingen auf dem Stuttgarter Fernsehturm zeigte – Stichwort VLEO. VLEO steht für „Very Low Earth Orbit“. Die Unde – 136. Sitzung – Mittwoch, 3. Dezember 2025 ternehmen sind sich zunehmend der Bedeutung des niedrigeren Orbits unter 400 km bewusst. Dieser unterliegt nämlich nicht dem Problem Weltraumschrott oder dem Kessler-Effekt, da aufgrund der Erdnähe dieses Orbits Schrottteile absinken und verglühen. Hier liegt also nicht nur technisch viel Potenzial, sondern auch wirtschaftlich. Was bei dieser Veranstaltung auch deutlich wurde – das hat u. a. ein Vertreter von Arianespace ausgeführt –: Die maßgeblichen Innovationen stammen zwar aus Europa, das große Geld aber wird einmal mehr in den USA damit gemacht. Bevor es jetzt zum Kessler-Syndrom kommt, ist damit zu rechnen, dass viel aufgerüstet und investiert wird. Das heißt, die Bedeutung der Raumfahrt wächst auch an dieser Stelle, aber nicht nur an dieser. Wirtschaftsexperten rechnen in den nächsten Jahren bei der globalen Raumfahrtindustrie mit einem Wachstum von 10 %. In Baden-Württemberg – es wurde bereits ausgeführt – generieren 16 000 Beschäftigte in dieser Industrie bereits einen Umsatz von 5 Milliarden € – abgesehen davon, dass Satelliten auch Teil der kritischen Infrastruktur sind. Dies betont übrigens auch Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius, den wir, die SPD-Landtagsfraktion, vor einer Woche in Berlin getroffen haben. (Abg. Katrin Schindele CDU: Ist das jetzt doch wich- tig?) Für den Schutz im Weltraum plant Deutschland bis 2030 Investitionen von 35 Millionen €. Der Bund handelt also, und das ist auch gut so. (Beifall bei der SPD und des Abg. Daniel Born [frak- tionslos] – Abg. Rüdiger Klos AfD: 35 Millionen, das ist nichts! – Zuruf: Milliarden!) – Milliarden. Danke, Herr Kollege. Pistorius fordert ausdrücklich auch eine stärkere Einbindung der Industrie, insbesondere kleiner und mittlerer Unternehmen, und betont, dass Deutschland und Europa im Bereich Weltraumsicherheit aufholen müssen und dass dies nur durch gemeinsames Handeln von Politik, Wirtschaft, Forschung und Gesellschaft erreicht werden kann. Wir alle sind also gefordert. Da kann man schon einmal kritisch die Frage stellen, ob die grün-schwarze Landesregierung dies – trotz aller Lobeshymnen heute Morgen – auch tatsächlich verstanden hat. (Zuruf von der FDP/DVP: Nee!) Wenn ich die heutige Debatte verfolge, kommen mir daran Zweifel. Zweifel kommen mir auch durch Rückmeldungen aus der Luft- und Raumfahrtbranche, die – kurz zusammengefasst – lauten: Während Bayern voranschreitet, pennt „THE LÄND“. Im November fand in der Tat in Bremen die wichtige ESA-Ministerratskonferenz statt; parallel dazu fand in Stuttgart die Jahresveranstaltung des Strategiedialogs Automobilwirtschaft statt. Wie gut, Kolleginnen und Kollegen, wäre es gewesen, dort das Thema Raumfahrt mit Automotive zu verbinden. (Abg. Katrin Schindele CDU: Jesses!) (Dr. Stefan Fulst-Blei) Es gibt viele Anknüpfungspunkte: 5G/6G, Navigation insbesondere durch die Konstellation rund um LEO-PNT der ESA, Telekommunikationsabdeckung für autonomes Fahren oder Serienherstellung für die Raumfahrt, wie es übrigens der bayerische Zulieferbetrieb Brose vormacht. Während viele Politikerinnen und Politiker sowie Staatssekretäre aus Bayern die ESA-Ministerratskonferenz in Videos auf LinkedIn durchaus kompetent bewerteten, konnte man lange auf eine Einordnung von „THE Aerospace LÄND“ warten. Das ist keine Einschätzung von mir, sondern die eines Praktikers. Aus Bayern war Wirtschaftsstaatssekretär Tobias Gotthardt in Bremen vor Ort, aus Baden-Württemberg wurde zumindest niemand wahrgenommen von der Branche. (Lachen bei Abgeordneten der AfD) Auch die europäische Mondmission scheint ein gefundenes Fressen für Bayern zu sein. Aus der Wirtschaft erreicht uns die Frage: Wo bleibt Baden-Württemberg? (Zuruf von den Grünen) Kollegin Schindele, die Gelder fließen eben nicht von selbst nach Baden-Württemberg. Bayern läuft uns hier den Rang ab, und das ist eben nicht „auch gut“. (Beifall bei der SPD sowie der Abg. Rudi Fischer FDP/DVP und Daniel Born [fraktionslos]) Baden-Württemberg muss mehr Sichtbarkeit zeigen. Die Unternehmen signalisieren uns ständig: „Wir brauchen euch in Berlin, aber wir brauchen euch auch in Brüssel. Bitte werbt für Technologieprogramme, die allen Unternehmen zugutekommen und wodurch die Arbeit mit der Forschung, mit Start-ups und mit KMUs für Innovationen in der Fläche sorgt.“ Bei aller Wertschätzung: Das ist etwas anderes, als die „Schwarzwald Marie“ ins All zu schicken. Bayern schickt Euros nach München. Da müssen wir auch hinkommen – insbesondere wenn ich daran denke, dass bei den Professuren am Institut für Raumfahrtsysteme in Stuttgart noch deutlich mehr gehen könnte. Auch das kam in unserem Gespräch zum Ausdruck. Wer hier nicht wirklich entschieden handelt, handelt fahrlässig, Kolleginnen und Kollegen. (Beifall bei der SPD sowie der Abg. Julia Goll, Rudi Fischer FDP/DVP und Daniel Born [fraktionslos]) Es gibt weitere Unstimmigkeiten. Auch wir, die SPD, wollen, dass mehr Arbeitskräfte in der Raumfahrt unterkommen. Ja, dazu gibt es spezifizierte Weiterbildungsangebote an der Hochschule in Karlsruhe und an der Universität Stuttgart, bezahlt aber allein durch die Raumfahrtunternehmen. Warum wird hier nicht stärker gefördert? Warum wird dies nur für akademische Fachkräfte gemacht? Wir brauchen auch Facharbeiterinnen und Facharbeiter in dieser Branche. Warum kommen Sie bei der MINT-Förderung auch nicht wirklich voran? (Zuruf des Abg. Dr. Uwe Hellstern AfD) Das zeigen beispielsweise die Zahlen an den Schulen und den Universitäten. iode – 136. Sitzung – Mittwoch, 3. Dezember 2025 Wo Sie sich überhaupt nicht als fähig erwiesen haben, wo Sie auch Versprechen gebrochen haben, ist bei den Studiengebühren für internationale Studierende. Ich hatte in Stuttgart-Vaihingen ein Gespräch mit einem jungen Raumfahrtingenieur, der ursprünglich aus Argentinien stammt und heute im Neckar-Odenwald-Kreis bei einem Unternehmen der Luft- und Raumfahrtbranche arbeitet. Wissen Sie, was der zu mir gesagt hat? „Hättet ihr damals schon, als ich zum Studieren hierhergekommen bin, Studiengebühren für internationale Studierende erhoben, wäre ich nicht hierhergekommen.“ Dann hätten wir noch eine Fachkraft weniger. An dieser Stelle haben Sie nicht geliefert; da haben Sie schlichtweg versagt. Das ist wirtschaftsfeindlich. (Beifall bei der SPD – Vereinzelt Beifall bei der FDP/ DVP) Fazit: Was dieses Land braucht, ist eine effektivere MINT-Förderung, die sofortige Abschaffung aller Studiengebühren, eine effektivere finanzielle Förderung und vor allem ein wirklich engagiertes, lobbymäßiges, politisches Eintreten aus Baden-Württemberg für die Raumfahrtindustrie. Dazu braucht man mehr als Sonntagsreden und offensichtlich auch eine starke SPD in der nächsten Landesregierung. (Beifall bei der SPD – Abg. Anton Baron AfD: Ogott- ogott! Jesses Maria!)

Alle Reden von Dr. Stefan Fulst-Blei Protokoll ↗