Volker Schebesta
Sehr geehrter Herr Präsident, sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! In dieser Debatte will ich zunächst festhalten: Wir können mit dem aktuellen Stand der Leistungen der Schülerinnen und Schüler in Baden-Württemberg, der sich aus Erhebungen ergibt, nicht zufrieden sein. Wir wollen, dass die Leistungen besser werden, und zwar nicht deshalb, weil wir für Baden-Württemberg einen besseren Rang in den Vergleichsstudien haben wollen, sondern weil die Schülerinnen und Schüler eine bessere Bildung brauchen, um die Voraussetzungen zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, auf dem Arbeitsmarkt und in ihren Beschäftigungsverhältnissen mitzubringen. Wir haben zu viele Schülerinnen und Schüler unter den Mindeststandards. Wir haben zu wenige Schülerinnen und Schüler auf den Optimalstandards, die für die Schulen definiert sind. Deshalb ergreifen wir in Baden-Württemberg verschiedene Maßnahmen: eine Stärkung von Basiskompetenzen, wie wir es in den Grundschulen mit der Stärkung von Mathe und Deutsch schon gemacht haben, und dort jetzt auch zusätzlich die neuen Lesebänder sowie vergleichbare Instrumente für den Mathematikunterricht. Außerdem gibt es eine Stärkung in den neuen Stundentafeln für die Sekundarstufe I, die ebenfalls eine Stärkung der Basiskompetenzen beinhalten. Deshalb das Programm „SprachFit“, um für die Schülerinnen und Schüler, die vor ihrem Eintritt in die Schule einen Sprachförderbedarf haben, die sprachliche Grundlage für das, was in der Schule vermittelt wird, zu schaffen. Deshalb das Qualitätskonzept mit einer datengestützten Qualitätsentwicklung mit dem, was wir im Referenzrahmen Schulqualität als Instrumente dafür haben, mit Statusgesprächen sowie Ziel- und Leistungsvereinbarungen auf der Grundlage des Schuldatenblatts. Das sind die Maßnahmen, die wir für die Verbesserung der schulischen Leistungen auf den Weg bringen. Das ist damit auch Bestandteil dessen, was wir tun, um die Ausbildungsreife der Schülerinnen und Schüler zu verbessern. Bei dieser Diskussion um die Ausbildungsreife ist aber auch im Blick zu behalten, dass sich die Anforderungen in den Berufen natürlich verändert haben und gestiegen sind, dass sich auch die Anforeriode – 125. Sitzung – Mittwoch, 25. Juni 2025 derungen an die formalen Bildungsabschlüsse in den Ausbildungsberufen erhöht haben und dass es heute ohne eine berufliche Ausbildung mit einem Abschluss fast keine berufliche Perspektive mehr gibt. Und die Zugangsvoraussetzung dafür ist ein Schulabschluss. Früher gab es für diejenigen, die keinen Schulabschluss hatten, sehr viel mehr Beschäftigungsmöglichkeiten. Deshalb können wir bei diesem Thema nicht nur sagen, die Schule, die Lehrerinnen und Lehrer sollten handeln, sondern – Herr Dr. Fulst-Blei und Frau Fink-Trauschel haben auch darauf hingewiesen – wir müssen darauf hinweisen, dass die Ausbildungsreife und die überfachlichen Themen insgesamt ein gesellschaftliches Thema sind und dass wir diese Thematik nicht allein an der Schule verorten können – bei allen notwendigen Dingen, die wir in den Schulen machen. Aber die Wege, die wir einschlagen, um zu Verbesserungen zu kommen, sind Wege, die von denjenigen Bundesländern in Deutschland ergriffen werden, von denen man sagt, sie hätten Verbesserungen erreicht, die wissenschaftlich anerkannt werden – deshalb wird auch über Baden-Württemberg gesagt, wir seien auf dem richtigen Weg – und die auch international bei erfolgreichen Ländern festzustellen sind. Viele schauen nach Kanada; auch Kanada hat eine Kompetenzorientierung in den Vorgaben. Viele schauen nach Singapur; auch Singapur hat die Kompetenzorientierung. Sie, Herr Hörner, haben angeführt, dass aus der Wirtschaft gesagt werde, die Ausbildungsreife sei ein Thema. Das habe ich auch angesprochen. Ja, das ist so. Aber ich habe von Ihnen nicht gehört, dass irgendein Beleg in diesen Stellungnahmen dafür herhalten könnte, dass das, was Sie daraus für Konsequenzen ziehen, das Richtige ist, und dass das auch Unternehmerverbände einforderten. Das ist doch nicht so. Im Ausbildungsbündnis sitzen wir mit der Wirtschaft zusammen und besprechen die Themen. Aber wir sprechen da nicht darüber, dass das Zurückfahren der Kompetenzorientierung dasjenige wäre, welches als Einziges oder als Hauptpunkt – so ist es jedenfalls in der Debatte und in Ihrem Antrag nahegelegt – das wäre, was uns weiterhilft. Sie haben mit dem Hauptpunkt Ihrer Kritik die Kompetenzorientierung in den Bildungsplänen angesprochen, und Sie, Herr Hörner, haben davon gesprochen, dass da im Jahr 2016 eine Schwerpunktverschiebung erfolgt sei. Wissen Sie eigentlich, dass die Kompetenzorientierung auch im Bildungsplan 2004 beinhaltet gewesen ist? Ja, warum sagen Sie dann: „2016 eine Schwerpunktverschiebung“? Wenn Sie das in der zweiten Runde wollten, kann ich nicht daraus schließen, dass Sie es tatsächlich schon wussten, bevor ich es angesprochen habe. Das muss ich einfach so sagen. Und, Entschuldigung, wenn Sie glauben, dass 2016 eine Schwerpunktverschiebung zu mehr Kompetenzorientierung, zu weniger Inhaltsbezug erfolgt sei: 2016 hat man eher wieder eine Veränderung dergestalt gemacht, mehr inhaltliche Kompetenzen, mehr Fachlichkeiten in den Bildungsplänen zu beschreiben. Also ist die Verschiebung der Schwerpunktsetzung 2016, die Sie angesprochen haben, überhaupt nicht nachvollziehbar. (Beifall bei den Grünen und der CDU sowie der Abg. Alena Fink-Trauschel FDP/DVP) (Staatssekretär Volker Schebesta) Dann sollten wir immer auch evidenzbasiert und nicht nur aus dem Bauch heraus Politik machen. Deshalb will ich Olaf Köller zitieren, anerkannter Bildungsforscher in Deutschland, Co-Vorsitzender der Ständigen wissenschaftlichen Kommission der Kultusministerkonferenz. Was sagt er zur Frage PISA-Ergebnisse/Leistungsvergleiche/Kompetenzorientierung? Zitat mit – – Nein, wir sind nicht in einer Aktuellen Debatte; ich brauche nicht um die Erlaubnis zu bitten, ein Zitat vorzutragen. Zitat: Einige Dinge waren von der Idee gut, aber die Umsetzung ist nicht gelungen. Dazu zählen zum Beispiel die Bildungsstandards und die damit verbundene Kompetenzorientierung. ... Wir haben im Zuge von PISA 2022 eine Ergänzungsstudie zum Mathematikunterricht gemacht. Wir sehen – ich zitiere weiter – eine Aufgabenkultur, wie wir sie bei PISA 2003 schon hatten. Daran zeigt sich, dass der ganze Gedanke der Kompetenzorientierung gar nicht in der Praxis angekommen ist. Das heißt nicht, dass der Gedanke nach wissenschaftlicher Erkenntnis falsch wäre, sondern das heißt, dass er nicht ausreichend umgesetzt ist. Das ist das Gegenteil dessen, was Sie hier einfordern, indem Sie die Kompetenzorientierung als den Punkt herausgreifen, der falsch wäre. Dann haben Sie gesagt, Wissen und Kompetenzen seien kein Gegensatz. Wer macht denn einen Gegensatz auf? Die Kompetenzorientierung in den Bildungsplänen macht doch nicht aus Fachlichkeit und Kompetenzorientierung einen Gegensatz. Sie produzieren doch diesen Gegensatz, indem Sie sagen, die Kompetenzorientierung führe dazu, dass man die fachlichen Inhalte nicht mehr vermittle. Sie bauen diesen Gegensatz auf. Denn die Bildungsplanarbeit, die Kompetenzorientierung heißt doch nicht, dass wir auf Wissen verzichten würden, sondern heißt, dass wir den Unterricht darauf ausrichten, dass nicht nur Wissen angeeignet wird, sondern dass die Anwendung von Wissen, dass die Kompetenz, das Wissen in konkreten Situationen anzuwenden, auch im Unterricht im Blick ist und dass wir das zum Inhalt in der Arbeit machen. Der eigentliche Unterschied zu den früheren Ansätzen ist, dass wir nicht mehr definieren, was der Lehrer im Einzelnen als Unterrichtseinheit machen soll, sondern dass wir das Ergebnis definieren, das bei den Schülerinnen und Schülern ankommen soll. Das halte ich schon vom Grundsatz her ohne Evidenzbasierung, vom Bauchgefühl her, für einen völlig nachvollziehbaren Ansatz. Denn das ist doch ein Thema, dass wir nicht auswendig gelerntes Wissen wiedergeben können sollen und das in Prüfungen abfragen, sondern dass die Schülerinnen und Schüler das anwenden müssen und dass wir darauf sehr viel größeren Wert legen müssen. Deshalb ist der Ansatz genau der richtige, und deshalb haben wir das auf diesem Weg auch gemacht. Ich gehe kurz noch darauf ein, dass Sie angesprochen haben: Leistung und Anstrengung müssen sich lohnen. Das ist so. Dazu haben Sie dann im nächsten Tagesordnungspunkt die nächsriode – 125. Sitzung – Mittwoch, 25. Juni 2025 te Debatte. Deshalb will ich gar nicht viel dazu sagen. Ich verstehe nur nicht, dass Sie als Beispiel dafür, was schlecht sei, den Blick auf individuellen Lernfortschritt und das Lerntagebuch genannt haben. Was genau soll das als Beispiel, dass man angeblich keine Leistung und keine Anstrengung verlangt? Denn das heißt doch gerade, dass wir nicht zulassen, dass ein Schüler oder eine Schülerin sich in der Klasse verstecken kann, sondern man auf die Schülerentwicklung des einzelnen Kindes schaut und ihm mit einem Lerntagebuch vor Augen führt, was die nächsten Schritte im Lernen sind. Dass der Lehrer, die Lehrerin mit dem individuellen Lernfortschritt betrachtet, wie sich das Kind entwickelt, das ist doch gerade ein Einfordern von Anstrengung und Leistung und nicht das Gegenteil dessen. (Abg. Anton Baron AfD: Ja, ja, Überforderung!) Deshalb werden wir den Weg weitergehen, dass wir Verbesserungen mit den wirklich effektiven, mit den evidenzbasierten und wissenschaftlich begleiteten richtigen Ansätzen angehen, und werden uns weiterhin darüber austauschen, wie wir das noch besser umsetzen können. Ich bin froh darüber, dass das von den anderen Fraktionen so unterstützt wird – bei aller Diskussion um die Versetzung. Aber ein Punkt, in dem wir uns einig sind, ist, dass die Ansätze, die Sie vonseiten der AfD verfolgen, nicht der richtige Weg sind, um die Bildung in Baden-Württemberg voranzubringen. Herzlichen Dank. (Beifall bei den Grünen und der CDU)
