Hans-Peter Storz
Herr Präsident, liebe Kolleginnen und Kollegen, meine sehr geehrten Damen und Herren! Er ist groß, grau, gefährlich, mit scharfen Zähnen, großen Augen und hat eine Vorliebe für Großmütter und kleine Mädchen mit roten Käppchen. (Heiterkeit des Abg. Dr. Markus Rösler GRÜNE) So hatten wir ihn kennengelernt: im Märchenbuch zwischen dem Knusperhäuschen und der bösen Stiefmutter. Der Wolf, das ultimative Schreckgespenst. Wer mit diesen Geschichten aufgewachsen ist, der weiß: Der Wolf ist böse; der muss und der darf weg. So ist es dann auch passiert. Der Wolf wurde bei uns Mitte des 19. Jahrhunderts ausgerottet und war für viele Generationen verschwunden. Erst in den Siebzigerjahren hat ein Umdenken stattgefunden und der Wolf wurde unter Schutzstatus gestellt. (Zuruf des Abg. Jochen Haußmann FDP/DVP) Nun ist er zurück. In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Zahl der Wölfe in Europa fast verdoppelt. Ca. 1 600 Wölfe in etwas über 200 Rudeln soll es in Deutschland geben. In der Folge hat natürlich auch die Zahl der Nutztierrisse zugenommen. Die Konflikte, die sich aus der Spannung zwischen erfolgreichem Artenschutz und menschlicher Zivilisation ergeben, hat das EU-Parlament jetzt zum Anlass genommen, den Schutzstatus des Wolfes von „streng geschützt“ auf „geschützt“ zu ändern. Die Mitgliedsstaaten erhalten so mehr Spielraum beim Management von Wolfspopulationen und können die Maßnahmen an regionale Besonderheiten anpassen und die Auswirkungen wachsender Wolfsbestände besser bewältigen. Kollege Hailfinger hat schon darauf hingewiesen: Die Bundesregierung nimmt diese Entscheidung auf EU-Ebene zum Anlass, unverzüglich auch das deutsche Recht zu ändern und den Wolf ins Jagdrecht zu übernehmen und dann natürlich auch das Umweltrecht entsprechend zu ändern. (Zuruf des Abg. Anton Baron AfD) Aber was passiert nun in Baden-Württemberg? Hier leben – wir haben es gehört – gerade mal drei bis vier Wölfe, gelegentlich streift mal ein weiterer durch den Schwarzwald; Wolfsrudel gibt es bei uns keine; die einzige Wölfin mit einem Welpen kam, wie übrigens die meisten Wölfe in Deutschland, bei einem Autounfall ums Leben. eriode – 124. Sitzung – Donnerstag, 22. Mai 2025 Trotzdem gibt es Konflikte, gravierende Vorfälle: Schafe und Ziegen werden gerissen, sogar Rinder. Und was macht die Landesregierung? Der grüne Koalitionspartner im Umweltministerium macht deutlich: Die Umstufung hat keinen Einfluss auf das Wolfsmanagement. Der Koalitionspartner von der CDU sagt im Landwirtschaftsministerium: Die Herabstufung eröffnet weiter gehende Maßnahmen. Der eine sagt hü, der andere sagt hott, passieren tut nichts, und die Menschen in unserem Land werden mit ihren Problemen weiter alleingelassen. (Beifall bei der SPD) Dabei hätten wir jetzt die Chance, Zeichen zu setzen, indem man aufgrund der Änderung des Schutzstatus den Wolf in unser Jagd- und Wildtiermanagementgesetz aufnimmt. Der Name sagt es schon: Es ist kein Tierabschussgesetz, sondern ein Managementgesetz. Damit ist es geradezu prädestiniert, in Ruhe die Weichen dafür zu stellen, wie wir mit dem Wolf bei uns umgehen wollen, bevor in der Fläche der Handlungsdruck zu groß wird. Klar ist auch, dass der Wolf im Jagdrecht mit ganzjähriger Schonzeit und Abschussverbot geschützt bleibt. Wenn aber ein Wolf wiederholt Schaden anrichtet, Zäune überwindet und Tiere reißt, müssen wir nicht mit Panik, sondern mit Augenmaß reagieren können. Klar ist auch, dass Problemwölfe schon jetzt rechtssicher entnommen werden können. Durch die Aufnahme ins JWMG können die Jägerschaft und das Wolfsmanagement mit eingebunden werden. Es braucht keine zusätzlichen Verwaltungsstrukturen. Die Jäger sind mit ihren Revierkenntnissen präsent und sie haben die notwendigen Fertigkeiten für eventuell notwendige Entnahmen. Klar ist auch, dass an Herdenschutzmaßnahmen kein Weg vorbeiführt. Da muss aber in der Praxis – da bin ich anderer Meinung, Kollege Rösler – nachgebessert werden. Wiederholt wurde ein Schutzzaun nach einem Riss als unzureichend begutachtet, weil in einem steilen Gelände mit Steinen und Löchern eine Litze vielleicht einen etwas größeren Abstand hat, als es die Maßgaben vorsehen. Niemand vom Umweltministerium kommt vorher und kontrolliert einen Herdenschutzzaun. Wenn aber ein Riss stattgefunden hat, wird festgestellt, dass es ein paar Zentimeter zu weit war, dass etwas gefehlt hat, und das sorgt für Unmut bei den Landwirten in unserem Land, die dann als Schuldige dastehen und eben nicht der Wolf. (Abg. Dr. Markus Rösler GRÜNE: Die werden un- terstützt!) Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir müssen aufhören, die Natur entweder zu romantisieren oder zu dämonisieren. Der Wolf ist weder Heiliger noch Teufel, er ist ein Wildtier und wie alle Wildtiere hat er seine Daseinsberechtigung. Wir müssen aber mit entsprechenden Gesetzen dafür sorgen, dass sein Platz in unserer Kulturlandschaft klar geregelt ist. Die größte Gefahr für den Wolf ist ein Verlust der Akzeptanz durch einen nicht mehr zeitgemäßen Schutz. Wir müssen zeitnah eine Strategie für ein Wolfsmanagement festlegen.
