Manuel Hagel
Frau Präsidentin, liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich möchte zitieren: Auschwitz ist ein Ort des Todes. Aber dort begreift man, dass man erzählen muss, um zu verhindern, dass diese Taten jemals vergessen werden. Das sind die Worte von Arie Pinsker. Er ist 94 Jahre alt, Holocaustüberlebender, Kämpfer im israelischen Unabhängigkeitskrieg, Vater, Großvater, Urgroßvater, Botschafter des Erinnerns. Bei allem schrecklichen Leid, das ihm als Kind widerfahren ist, ist er doch voller Lebensmut. Er war gestern Abend bei uns in Stuttgart im Neuen Schloss. Er hat uns dort seine Lebensgeschichte erzählt – tief bewegend, aber auch erschütternd. Geboren wurde er 1930 in Nordtranssilvanien in einer großen Familie – 18 Tanten und Onkel, er selbst hat acht Geschwister. Und dann kam 1944 das Eichmann-Kommando; Auftrag: die ungarischen Juden aus dem öffentlichen Leben auszuschalten und zu sammeln, danach zu registrieren, zu deportieren und sie mit Ausnahme der arbeitsfähigen Juden restlos zu vernichten. Auch Arie Pinsker und seine Eltern und Geschwister. Zuerst kamen sie in ein Ghetto, dann wurden sie wie Vieh nach Auschwitz verfrachtet. Seine Eltern und seine jüngeren Geschwister – das hat er uns sehr bewegt erzählt, nachdem er zum ersten Mal seit über 80 Jahren wieder in Deutschland war und Deutsch gesprochen hat – kamen direkt aus den Viehwaggons in die Gaskammern. Er und sein Bruder mussten grausamste medizinische Experimente erleiden. 1,5 Millionen Menschen wurden in Auschwitz ermordet. Mindestens 200 000 davon waren Kinder, so wie Arie Pinsker und sein Bruder. Nur 500 dieser 200 000 Kinder haben diesen Schrecken überlebt. Arie Pinsker hat uns gestern Abend auch von den Abertausenden Kinderschuhen erzählt, die man nach der Befreiung von Auschwitz dort gefunden hat. Herr Pinsker hat sich danach dafür eingesetzt, dass diese Schuhe nicht weggeworfen, sondern bewahrt und dass 8 000 dieser Kinderschuhe konserviert werden. Diese sind heute in Auschwitz ausgestellt und bleiben zur dauerhaften Mahnung erhalten. Arie Pinsker hat gestern Abend, finde ich, sehr emotional die treffenden Worte dafür gefunden. Ich darf ihn abermals zitieren: Diese Schuhe sind die stillen Stimmen der Kinder, die keine Zukunft mehr hatten. riode – 114. Sitzung – Mittwoch, 29. Januar 2025 Liebe Kolleginnen und Kollegen, viele von uns hier sind Mama oder Papa, sind Oma oder Opa, sind Tante oder Onkel, daher kennt es jeder von zu Hause, wenn man Kindern Schuhe anzieht: Es ist oft sehr mühsam, bis sie tatsächlich endlich mal reingeschlüpft sind. Aber wenn die Kinder dann in den Schuhen sind, dann spielen, springen und toben sie und erkunden mit ihrer wunderbaren kindlichen Freude und Neugierde die Welt. Und wenn sie dann nach Hause kommen – Sie alle kennen dieses Gefühl auch, wenn sie heimkommen – und mit dreckigen Schuhen und fröhlich durch den frisch geputzten Hausflur laufen, dann kommt eine ganz andere Freude auf. „Schuhe ausziehen“ ist die gängige Begrüßung im Hause Hagel, zumindest im Winter und im Herbst. Was sind das heute für frohe Sorgen, die wir haben? Damals in Auschwitz bedeutete Schuhe ausziehen für die Kinder ihr Todesurteil. Über 200 000 Kinder in Auschwitz durften ihre Schuhe nie wieder anziehen. Allein diese 8 000 Schuhe von Auschwitz sind ein riesiger Berg ungelebter und vernichteter Leben. Aber was sind diese Schuhe für uns alle heute, hier und jetzt, im Alltag, in der Familie, bei Social Media, in den nächsten Tagen, Wochen und Monaten? Ich finde, sie sollten für uns ein Aufruf sein, ein Aufruf zu: „Erinnert euch! Verhindert, dass sich so etwas jemals wiederholt! Tut etwas dafür, dass ein jedes Kind seine Schuhe immer wieder anziehen kann, dass jedes Kind voller Freude auch mit schmutzigen Schuhen durch den Hausflur laufen darf!“ Das ist unser Auftrag heute und hier. (Beifall bei der CDU, den Grünen, der SPD und der FDP/DVP sowie Abgeordneten der AfD) Wenn wir wie jetzt in den letzten Tagen an Auschwitz, an den Holocaust und an dieses schlimmste Verbrechen erinnern, dann höre ich oft: „Wehret den Anfängen!“ Meine sehr geehrten Damen und Herren, ich frage mich: welche Anfänge eigentlich? Wir sind schon wieder mittendrin, wenn „Du Jude“ wieder ein gängiges und völlig akzeptiertes Schimpfwort auf Schulhöfen in unserem Land wird, wenn Menschen angespuckt, angepöbelt und geschlagen werden, nur weil sie ihr Jüdischsein bekennen, wenn am Ende von Pro-Israel-Demos im Herzen unserer Landeshauptstadt vor dem Stuttgarter Rathaus über das Mikrofon der Aufruf erfolgt, auf dem Heimweg doch besser die Kippas abzuziehen und die Israelfahnen wieder in den Rucksack zu packen. Meine sehr geehrten Damen und Herren, das sind keine Anfänge; wir sind mittendrin. Antisemitismus ist heute in unserem Land leider Realität – vielleicht war er auch nie ganz weg –, egal, ob dieser Antisemitismus analog daherkommt – durch alte oder neue Nazis –, ob er in Form von Schmierereien an Hauswänden daherkommt oder ob er in Form von Hetze im Internet und auf Social Media digital daherkommt. Deshalb: Wenn Antisemiten heute mehr tun, um ihr Gift zu verbreiten, müssen auch wir Demokraten mehr tun, um unser Land gegen diese Leute zu verteidigen. (Beifall bei der CDU, den Grünen, der SPD und der FDP/DVP – Vereinzelt Beifall bei der AfD) Deshalb wird es nicht reichen, nur an Gedenktagen und vor Mahnmalen zu mahnen, zu erinnern und wohlfeile Worte zu (Manuel Hagel) finden. Wir müssen mehr tun und mehr handeln. Darauf kommt es an. In der Osterwoche des vergangenen Jahres war ich mit einigen Kolleginnen und Kollegen meiner Fraktion, der CDU-Landtagsfraktion, in Israel. Wir waren dort in einem Kibbuz, der überfallen worden war. Ich sehe die Bilder noch vor mir: ein verlassenes Dreirad in diesem Kibbuz, ein umgestürztes Fahrrad, ein Kinderroller vor einem Haus, in dem alle Bewohner bestialisch massakriert wurden. Dieses Bild von einer kindlichen Normalität in dem einen Moment und einem abscheulichen Mord im nächsten Moment werden wir, denke ich, unser Leben lang nicht mehr vergessen. Am 7. Oktober 2023 hat die Hamas Israel überfallen. Über 1 200 Menschen wurden brutal ermordet, Kinder, Babys aus den Armen ihrer Eltern gerissen, Menschen aus Alten- und Pflegeheimen als Geiseln entführt. Viele von ihnen sind bis heute – auch zu dieser Stunde, in der wir heute hier tagen – in Kellern und Tunneln der Hamas gefangen. Ich finde, wir sollten heute auch an diese Menschen denken. (Beifall bei der CDU, den Grünen, der SPD und der FDP/DVP sowie Abgeordneten der AfD) Ganze Familien wurden ausgelöscht. Es war Hass in seiner grausamsten und reinsten Form. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht. Wenn wir Zeitungen lesen, Gespräche über diesen grausamen Krieg im Heiligen Land führen, stellen wir fest, dass es immer mehr Leute gibt, die uns irgendwie glauben machen wollen, die Hamas und ihre Freunde, die Huthi, die Hisbollah oder die Mullahs im Iran, seien Freiheitskämpfer. Es gehe diesen Leuten um irgendeinen Freiheitskampf, es sei ein regionaler, verzwickter, jahrhundertealter politischer Konflikt. Aber, meine sehr geehrte Damen und Herren, ich finde, der Charakter der heutigen Debatte hier in diesem Haus sollte sein, dass wir all diesen Relativierern sagen: Es ist Antisemitismus. Und Antisemitismus ist ein Gift. Es tötet, es zerstört die Menschlichkeit, und am Ende zerstört Antisemitismus uns alle, liebe Kolleginnen und Kollegen. (Beifall bei der CDU, den Grünen, der SPD und der FDP/DVP sowie Abgeordneten der AfD) Ich möchte ein letztes Mal auf Arie Pinsker zurückkommen. Das war ein sehr bedeutender Moment – ganz persönlich. Ich war gemeinsam mit den Kollegen Oliver Hildenbrand und Theresa Schopper dort. Ich habe zum ersten Mal in meinem Leben einen Holocaustüberlebenden getroffen. Er hat mir anschließend erzählt, dass seine Familie am Vorabend ihrer Deportation trotz des Wissens, was am nächsten Tag passiert, Pessach gefeiert hat – in Erinnerung an die Befreiung Israels aus der ägyptischen Sklaverei. Der Vater hat aus der Haggada gelesen, woraus auch Herr Pinsker gestern Abend vorgetragen hat. Ich darf zitieren: In jeder Generation gibt es solche, die sich gegen uns erheben und versuchen, uns zu vernichten. Aber der Heilige, gepriesen sei Er, rettet uns aus ihren Händen. Mich hat tief beeindruckt, welch starke, tiefe innere Kraft der Hoffnung gegen alle Widerstände und den eigenen Tod vor ode – 114. Sitzung – Mittwoch, 29. Januar 2025 Augen hier deutlich wird. Gegen jede Bedrohung, Angriffe, Anfeindungen, welche Hoffnung muss in diesem Moment für diese Familie vorhanden gewesen sein, welche Hoffnung muss dieser Papa seiner Ehefrau und seinen Kindern in diesen Stunden vermittelt haben! Hoffnung allein rettet keine Leben. Sie kann uns aber die Kraft verleihen, das Richtige zu tun. Was ist nun aber das Richtige für uns heute, im Jahr 2025 in Baden-Württemberg? Ich finde, das Richtige ist, dem jüdischen Leben in unserer Mitte einen ganz normalen Platz zu geben. So selbstverständlich, wie heute die Vertreterinnen und Vertreter der Israelitischen Religionsgemeinschaften in unserer Mitte sind, so selbstverständlich, wie sie in unseren Städten und Gemeinden unterwegs sind, so selbstverständlich, wie sie trotz aller Anfeindungen ihre Arbeit machen und einstehen und hinstehen – dafür vielen Dank aus tiefstem Herzen! (Beifall bei der CDU, den Grünen, der SPD und der FDP/DVP sowie Abgeordneten der AfD)
