Daniel Born
Sehr geehrter Herr Präsident, meine lieben Kolleginnen und Kollegen! Heute Morgen um 7:30 Uhr sind die Sofia und die Mona, der Noah und der Yusuf zu ihrer Kita oder ihrer Tagesmama gebracht worden – ein Ort, an dem sie jeden Tag willkommen geheißen werden, ein Ort, der verlässlich ist und an dem eine hohe pädagogische Qualität geleistet wird, ein Ort, an dem die Erzieherinnen und Erzieher fürs Trösten, fürs Spielen und fürs Streitschlichten Zeit haben, die Zeit haben, dass man lernen kann, sich selbst die Schuhe anzuziehen – was viel Zeit kostet. Dies hat sich heute Morgen nicht nur vier Mal ereignet. Dies hat sich heute Morgen hunderttausendfach in Baden-Württemberg ereignet. Dies konnte sich hunderttausendfach ereignen, weil pädagogische Fachkräfte in den frühkindlichen Einrichtungen hervorragende Arbeit leisten. Die pädagogischen Fachkräfte sind wirklich die Leistungsträgerinnen und Leistungsträger in unserem Land. (Beifall bei der SPD sowie Abgeordneten der Grü- nen, der CDU und der FDP/DVP) Unsere frühkindliche Bildungslandschaft lebt von der Arbeit dieser Leistungsträgerinnen und Leistungsträger. Unsere Bildungslandschaft lebt von ihrer Vielfalt. Darum ist es richtig, die Kindertagespflege endlich im Gesetz anzuerkennen. Unsere frühkindliche Bildungslandschaft lebt von der engen Partnerschaft zwischen Eltern und Bildungseinrichtungen. Darum ist es richtig, dass die Beteiligung der Eltern endlich auch auf Landesebene organisiert und institutionalisiert wird. Wer auf die Realitäten der frühkindlichen Bildung in Baden-Württemberg geschaut hätte, der wäre schon viel früher der SPD-Position gefolgt und hätte diese Gesetzesverbesserung vorgenommen; das wäre hilfreich und pragmatisch gewesen. Aber man hat auch an den Beiträgen eben gemerkt, dass Sie große Schwierigkeiten haben, die Realitäten der frühkindlichen Bildung in Baden-Württemberg zu sehen. Sie erwähnen en passant in der Begründung, dass man beim Mindestpersonalschlüssel vereinfacht, flexibler Änderungen (Daniel Born) vornehmen lassen könnte. Das wird sogar als einziges Beispiel für Ihren Änderungsantrag genannt. Der Mindestpersonalschlüssel heißt so, weil er aus fachlicher Sicht die Mindestanforderungen an die Personalausstattung einer guten Kita definiert. Wir lassen nicht zu, dass Sie an diesem wichtigen Tag, an dem wir die Kindertageseinrichtungen und Bildungseinrichtungen in Baden-Württemberg stärken, über die Hintertür wieder die Standards schleifen. Das lassen wir nicht zu. Darum haben wir diesen Entschließungsantrag gestellt. (Beifall bei der SPD) Denn eine Politik, die den Mindestpersonalschlüssel immer wieder infrage stellt, ist eine Politik gegen die Verlässlichkeit der Kita. Der Stress im System nimmt weiter zu. Die Fachkräfte gehen schon heute auf dem Zahnfleisch, und das hat Folgen: Kitabeschäftigte fehlen im Durchschnitt 30 Tage pro Jahr. Die Tendenz steigt. Vor allem die psychische Belastung nimmt zu, auch weil das wenige vorhandene Personal die Ausfälle ausgleichen muss. Immer mehr Fachkräfte geben auf, obwohl es ihr Traumberuf ist. Jede dritte will schon heute das Feld verlassen oder Stunden reduzieren. Die diesjährige ver.di-Arbeitszeitbefragung zeigt, dass sich über 80 % der Kitabeschäftigten nach der Arbeit ausgebrannt fühlen. 82 % der Kitaleitungen fühlen sich von der Landesregierung im Stich gelassen. Bis zu einem Drittel der Auszubildenden brechen die Ausbildung ab. Es geht bei den Standards nicht um irgendetwas, was wir aufgeschrieben haben, um es schwerer zu machen. Es geht bei den Standards um Qualität, die der Baustein, das Fundament dafür ist, dass die frühkindlichen Bildungseinrichtungen ihre Arbeit machen können, dass die Menschen, die sich entscheiden, in den frühkindlichen Bildungseinrichtungen zu arbeiten, das tun können, was sie tun wollen, nämlich die Entwicklung der Kinder fördern, und es geht darum, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu ermöglichen. (Beifall bei der SPD) Liebe Kolleginnen und Kollegen von Grün und Schwarz, dass 60 000 Kitaplätze in Baden-Württemberg fehlen, ist nicht die Schuld der Fachkräfte. Darum: Spielen Sie den Schwarzen Peter nicht immer wieder an die Fachkräfte zurück, indem Sie über die Standards in den Kitas diskutieren. Ihr ständiges Flirten mit der Absenkung von Standards schafft auf Dauer keinen Kitaplatz und gefährdet die Verlässlichkeit immer weiter. Mit einer Zustimmung zu unserem Entschließungsantrag machen Sie deutlich, dass Sie diesen schlechten Flirt endlich beenden, dass Sie die Leistung der Fachkräfte schätzen und respektieren und dass Sie mit uns dafür kämpfen wollen, dass Sofia und Mona, Noah und Yusuf und all die anderen Kinder in Baden-Württemberg eine frühe Bildungseinrichtung besuchen können, auf die sie und ihre Eltern sich jeden Tag verlassen können. (Beifall bei der SPD)
