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Dr. Stefan Fulst-Blei

SPD 25.09.2024 Sitzungen 17/103

Vielen Dank. – Herr Präsident, Kolleginnen und Kollegen! Ja, es ist richtig, das Thema Lehrkräftemangel im Bereich MINT beschäftigt uns in Baden-Württemberg – ebenso wie andere Bundesländer – schon sehr lange. Dabei geht es nicht um ein „Nice to have“, sondern mit Blick auf den Fachkräftemangel, die Start-up-Szene, neue Technologien wie Wasserstoff etc. um zentrale Kompetenzfelder. Kurz: Wir brauchen hier Lehrkräfte, weil wir in Baden-Württemberg, zumal als Wirtschaftsstandort, ganz viele Erfinderinnen und Erfinder sowie Fachkräfte brauchen. Ich möchte heute aber einmal einen anderen Schwerpunkt setzen. Denn der Wettbewerb besteht ja nicht nur zwischen den Bundesländern. Vielmehr ist er auch insbesondere mit der Wirtschaft als Arbeitgeber sehr groß. Aber wie steht es denn um die Attraktivität des Arbeitgebers Land Baden-Württemberg? Während Unternehmen mit attraktiver Bezahlung locken, schmeißt Baden-Württemberg frisch ausgebildete Referendarinnen und Referendare über die Sommerferien raus. Das ist völlig kontraproduktiv. (Beifall bei der SPD) ode – 103. Sitzung – Mittwoch, 25. September 2024 Ja, wir haben dank der Bundesregierung im Bereich der digitalen Ausstattung an unseren Schulen viele Fortschritte gemacht. Das Land selbst hat lange Zeit viel zu wenig investiert, zweimal eine Bildungsplattform mit hohen Kosten an die Wand gefahren und bis heute das Thema IT-Administration an unseren Schulen nicht zufriedenstellend gelöst. Auch das ist nicht attraktiv. Dieser Antrag – wie übrigens auch unser Antrag zur Lehrerarbeitszeit – zeigt, dass Sie überhaupt kein Interesse an einer fairen Arbeitszeiterhebung haben. Doch von attraktiven Arbeitszeiten hängt einiges ab. Sie sollten daher dem Vorschlag meiner Kollegin Katrin Steinhülb-Joos folgen und hierzu zeitnah zu einem runden Tisch einladen. (Beifall bei der SPD) Schließlich müssen Sie ehrlich prüfen, ob die Aufstiegsmöglichkeiten an unseren Schulen wirklich noch wettbewerbsfähig sind. Kurz: Fragen Sie sich selbst, ob das Land unter diesen Bedingungen ein attraktiver Arbeitgeber ist. Die Zahlen sagen, es reicht nicht aus, Ihre Politik reicht nicht aus. (Beifall bei der SPD – Zuruf der Abg. Nadyne Saint- Cast GRÜNE) Bei der Lehrkräfteausbildung gehen Sie nun mit der anstehenden Einführung des Modellversuchs dualer lehramtsbezogener Masterstudiengänge einen neuen Weg. Wir unterstützen diesen Ansatz ebenso wie die Befreiung der Lehramtsstudiengänge von der Zweitstudiengebühr. Letzteres ist übrigens schon längst überfällig. (Zuruf von der SPD: Allerdings!) Dass hier die Qualität der fachlichen sowie der methodischdidaktischen Befähigung im Vordergrund stehen muss – das wurde auch von der GEW gefordert –, steht außer Frage. Das gilt übrigens auch für Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger im Lehrberuf. Da sind die Rückmeldungen aus der Praxis auch nicht nur prickelnd. Um es mit den Worten eines Jugendlichen mir gegenüber aus der letzten Woche zu sagen: „Hat es drauf, kann es aber nicht vermitteln; bringt nichts.“ Konkret geht es also um ausreichende pädagogische Kompetenzen, also darum, komplexe Sachverhalte altersgerecht zu vermitteln. Richtig an dem dualen Modellversuch ist, dass frühzeitig eine Ausbildungsvergütung gezahlt wird. Das allerdings wirft immer mehr die Frage auf, ob wir mit Blick auf die derzeitigen Regelungen beim Referendariat eine erhöhte Vergütung auch für weitere Mangelfächer prüfen sollten. Was ich ebenfalls nicht verstehe, Frau Staatssekretärin, ist, dass wir zwar immer wieder über die hohen Abbrecherzahlen diskutieren, aber noch immer nichts Konkreteres darüber wissen. Eine Erfassung entsprechender Gründe lehnen Sie ab. Hier muss unseres Erachtens entgegengearbeitet werden und müssen bestehende Wege kritisch analysiert werden. Was helfen kann, sind Maßnahmen wie „Cooperation Schule–Hochschule“ – kurz: cosh – in Baden-Württemberg mit ihren beiden Kernteams für Mathematik und Physik. (Abg. Gabriele Rolland SPD: Genau! – Abg. Dr. Do- rothea Kliche-Behnke SPD: Allerdings!) (Dr. Stefan Fulst-Blei) Seit über 20 Jahren liefert durch ehrenamtliches Engagement getragene Arbeit konkrete Ergebnisse für einen besseren Studieneinstieg in MINT-Fächern und leistet auch einen wichtigen Beitrag gegen Studienabbrüche. Die Arbeit von cosh muss daher dauerhaft und verlässlich auf eine breitere und finanziell sichere Basis gestellt werden. Natürlich, Frau Kollegin – da gebe ich Ihnen recht –, haben wir noch einen Weg zu gehen in Bezug auf MINT-Lehrerinnen. Hier gilt es im Übrigen auch, frauenspezifisch früh das Interesse zu wecken. Dr. Julia Freudenberg von der Hacker School in Hamburg hat dazu auf dem MINT-Gipfel der SPD-Landtagsfraktion ein konkretes Beispiel ausgeführt. Sie hat mit Schülerinnen z. B. mithilfe von IT-Lösungen sensorgestützte Wasserspender für die Versorgung von Tieren entwickelt. Frauen, junge Frauen – so ihre These – wollen insbesondere mit wertebezogenen Themen wie z. B. Tier- oder Umweltschutz angesprochen werden. Auch hier ist noch Luft nach oben. Kolleginnen und Kollegen, ich fasse zusammen: Der MINT-Lehrkräftemangel ist eine Herausforderung für das Bildungssystem und ein Problem für die wirtschaftliche Entwicklung unseres Landes. Das Land geht hier neue Wege, um Interessentinnen und Interessenten zu gewinnen, schafft es aber gleichzeitig nicht, ausreichend als Arbeitgeber attraktiver zu werden. Wir sprechen Ihnen nicht ab, dass Sie sich bemühen. Aber Sie wissen auch, was „sich bemühen“ in einer Beurteilung heißt: Die Person ist zwar halbwegs motiviert, konnte aber mit ihren Fähigkeiten nicht überzeugen. Das ist zu wenig für unser Land. Ich danke Ihnen. (Beifall bei der SPD)

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