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Oliver Hildenbrand

GRÜNE 16.05.2024 Sitzungen 17/96

Herr Präsident, meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen! Zunächst möchte ich der SPD-Fraktion dafür danken, dass wir heute hier im Landtag von Baden-Württemberg über das Thema Einsamkeit sprechen. Denn genau hier gehört dieses Thema hin: in die Mitte unserer Gesellschaft, in die politische und gesellschaftliche Debatte. (Beifall bei den Grünen und der SPD sowie Abgeord- neten der CDU und der FDP/DVP) Einsamkeit betrifft viele, ja, sehr viele Menschen. Laut Umfragen fühlte sich bereits vor der Coronapandemie etwa jede zehnte Person in Deutschland oft oder sehr oft einsam, und wir wissen, dass diese Zahl in der Folge der Pandemie noch einmal deutlich angestiegen ist. Vereinsamung ist also bei Weitem kein Randphänomen, und doch ist dieses Thema für viele Betroffene noch immer mit Scham und Stigmatisierung verbunden. Deshalb müssen wir mehr und offener über Einsamkeit sprechen, um das Thema aus der Tabuzone zu holen. Dazu kann die heutige Debatte im besten Fall einen Beitrag leisten. (Beifall bei den Grünen, Abgeordneten der CDU und der SPD sowie des Abg. Nikolai Reith FDP/DVP) Durch einschlägige Studien wissen wir, dass Einsamkeit für die Betroffenen gravierende Auswirkungen hat. Einsamkeit macht krank und tut weh – und zwar im wörtlichen Sinn. Denn Forschungen zeigen: Wenn Menschen sich dauerhaft isoliert und mit niemandem verbunden fühlen, sind bei ihnen ähnliche Hirnareale aktiviert wie bei körperlichem Schmerz. Einsame Menschen haben ein deutlich höheres Risiko für psychische und körperliche Erkrankungen wie Depressionen, Suchterkrankungen, Diabetes oder Demenz. Lange dachte man: Einsam, das sind in erster Linie die alten Menschen. Aber heute wissen wir: Es kann uns alle treffen, (Oliver Hildenbrand) und zwar in jeder Lebensphase. Neben älteren Menschen über 80 Jahren sind es mittlerweile gerade die jungen Menschen, es sind Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene unter 30 Jahren, die unter sozialer Isolation leiden. Noch etwas haben aktuelle Studien bestätigt: Menschen, die in ihrem Alltag Diskriminierungen ausgesetzt sind, haben ein erhöhtes Risiko, einsam zu sein. Dazu gehören Geflüchtete, Menschen mit Migrationserfahrung, Menschen mit einer Behinderung oder queere Menschen. Auch Alleinerziehende, Menschen in Armut oder pflegende Angehörige sind besonders gefährdet. Wir dürfen nicht übersehen – Kollegin Dr. Kliche-Behnke hat zu Recht darauf hingewiesen –: Chronische Einsamkeit hat nicht nur negative Auswirkungen auf der individuellen, auf der persönlichen Ebene, sondern sie betrifft unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt. Denn Einsamkeit hat einen negativen Einfluss auf die demokratische Teilhabe und das Vertrauen in die politischen Institutionen. Junge Menschen, die sich einsam und unverbunden fühlen, glauben eher an Verschwörungserzählungen, stimmen eher autoritären Haltungen zu und billigen eher politische Gewalt. Das hat eine Studie aus dem Jahr 2022 ergeben. Es gibt also viele und gute Gründe, warum sich die Politik des Themas Einsamkeit annehmen sollte, meine sehr geehrten Damen und Herren. (Beifall bei den Grünen und der SPD sowie Abgeord- neten der CDU) Die gute Nachricht ist: Das tut die Politik auch – im Bund und im Land genauso wie in vielen Kommunen. Dabei ist doch ganz klar: Es gibt nicht das eine Mittel gegen Einsamkeit. So komplex das Phänomen ist, so vielfältig müssen auch unsere politischen und gesellschaftlichen Antworten sein. Die Bundesregierung hat seit dem Jahr 2022 eine Strategie gegen Einsamkeit erarbeitet und im vergangenen Dezember verabschiedet. Sie umfasst mehr als 100 Maßnahmen zur Stärkung des sozialen Miteinanders. Auch Baden-Württemberg bekämpft Einsamkeit auf vielen unterschiedlichen Ebenen. So fördert das Land vielfältige Maßnahmen, die Begegnung und Teilhabe fördern, Generationen zusammenbringen, Diskriminierung und Ausgrenzung bekämpfen, die das Ehrenamt und das Vereinswesen stärken, die Integration voranbringen und die Folgen der Coronapandemie insbesondere bei Kindern und Jugendlichen auffangen helfen. Herr Minister Lucha, dafür haben Sie unsere volle Unterstützung. (Beifall bei den Grünen und Abgeordneten der CDU) Denn all das trägt auch dazu bei, den unterschiedlichen Formen von Einsamkeit vorzubeugen oder sie zu lindern. Viele Kommunen widmen dem Thema Einsamkeit verstärkt ihre Aufmerksamkeit. So hat beispielsweise die Landeshauptstadt Stuttgart Ende 2023 die Kampagne „GemEINSAMkeiten“ gestartet, um Mut zu machen, über Einsamkeit zu sprechen und miteinander aktiv zu werden. Liebe Kolleginnen und Kollegen, Einsamkeit ist vielschichtig und oft unsichtbar. Um sie zu bekämpfen, reicht Politik allein nicht aus. Dafür braucht es wirklich alle: die Zivilgeselleriode – 96. Sitzung – Donnerstag, 16. Mai 2024 schaft, die Kirchen, Vereine und Verbände, die Unternehmen und Gewerkschaften und nicht zuletzt jede und jeden Einzelnen von uns als aufmerksame und zugewandte Bekannte, Nachbarinnen und Freunde. Herzlichen Dank. (Beifall bei den Grünen und Abgeordneten der CDU)

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