Dr. Dorothea Kliche-Behnke
Sehr geehrter Herr Präsident, liebe Kolleginnen und Kollegen! „Ich bin einsam“, was für ein Satz! Diesen habe ich in den letzten Wochen und Monaten mehrmals gehört, immer wieder von Menschen, denen es verständlicherweise sehr schwergefallen ist, diesen Satz zu äußern. Da war die Frau, die vor einigen Jahren mit ihrem Mann in ein Dorf in meinen Wahlkreis gezogen ist. Der Mann verstarb wenige Wochen nach dem Umzug. Seit Jahren bekommt die Frau in diesem Ort keinen Anschluss. Da war ein Mann, der wirtschaftliche, existenzielle Probleme hatte und mir von seinem Suizidversuch nach Einsamkeit berichtet hat. Oder ich denke an eine Jugendliche, die lange Zeit immer wieder in mein Wahlkreisbüro kam, weil sie sonst niemanden in der Stadt zum Reden hatte. Das alles sind Menschen, die von Einsamkeit betroffen sind. Sie sind nur wenige Beispiele für ein Phänomen, das grassiert, das auch bei uns im Land Baden-Württemberg ein großes Thema ist. Seit einigen Monaten sind deshalb wir Sozialpolitikerinnen und Sozialpolitiker der SPD-Fraktion im ganzen Land auf einer – ich nenne es einmal so – Einsamkeitstour unterwegs gewesen. Mit lokalen Gruppen, mit Trägern von der Sozialhilfe, mit Initiativen vor Ort haben wir diskutiert und machen Veranstaltungen zum Thema Einsamkeit. Wir stoßen Netzwerke an und überlegen, welche Maßnahmen es braucht, um der Einsamkeit zu begegnen. Auf dieser Tour fällt mir auf, wie viele Gesichter Einsamkeit hat. Die meisten von uns denken, wenn sie das Wort Einsamkeit hören, wahrscheinlich an alte Menschen. Das ist auch richtig und ein sehr wichtiges Thema. Aber wir wissen aus Studien, insbesondere aus einer Studie im vergangenen Jahr, dass Einsamkeit mittlerweile auch ein sehr großes Thema der jungen Generation ist. Besonders stark leiden junge Menschen zwischen 16 und 23 Jahren unter emotionaler Einsamkeit, also unter dem Gefühl, dass enge, vertrauensvolle Beziehungen fehlen. Wir wissen: 14 % der Befragten geben an, ihnen fehle immer Gesellschaft, zu jeder Zeit. Einsamkeit trifft manche Gruppen in unserer Gesellschaft – das können wir uns denken – besonders stark: Menschen mit Beeinträchtigungen, Menschen mit Migrationshintergrund, Menschen mit kleinen Einkommen. Wir wissen, dass Einsamkeit zunimmt. Das hat gesellschaftliche Ursachen. Familienstrukturen verändern sich. Die Bindekraft großer Organisationen, der Kirchen geht zurück. Einsamkeit gab es natürlich schon vor Corona. Doch im Schatten der Pandemie kam es zu einer weiteren Epidemie. Einsamkeit hat flächendeckend zugenommen. Einsamkeit geht uns alle an, nicht nur, weil sie jeden von uns treffen kann. Die Langzeitfolgen von Einsamkeit sind bedeutend, nicht nur für die einzelnen Menschen, sondern auch für die gesamte Gesellschaft. Sie ist ein Thema der Gesundheitspolitik, denn wir wissen: Einsamkeit macht krank. Das Risiko für Depressionen oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen steigt signifikant. Die Lebens- (Dr. Dorothea Kliche-Behnke) erwartung von einsamen Menschen sinkt. Expertinnen und Experten gehen mit Blick auf die Lebenserwartung tatsächlich davon aus, dass das Phänomen vergleichbar ist mit den Auswirkungen von Alkoholmissbrauch oder dem täglichen Konsum von 15 Zigaretten. Einsame Menschen empfinden ihre persönliche Wirksamkeit oft negativ. Sie beteiligen sich, wie wir wissen, seltener an Wahlen und sind anfälliger für Populismus und Verschwörungstheorien. 58 % der einsamen Jugendlichen stimmen der Aussage zu, die Regierung verheimliche wichtige Informationen vor der Öffentlichkeit. Der Aussage – Zitat – Einige Politiker haben es verdient, wenn die Wut gegen sie auch schon mal in Gewalt umschlägt stimmen tatsächlich 34 % der Menschen zu, die sich selbst als einsam bezeichnen. Gerade in diesen Tagen, an denen wir von Angriffen auf politisch aktive Menschen hören, sollte uns das hellhörig machen. Gesundheitliche und soziale Folgen von Einsamkeit sind Grund genug, über notwendige Strategien gegen Einsamkeit nachzudenken. Aber wenn wir das hören, wird deutlich: Es geht hier um nichts weniger als unsere Demokratie. (Beifall bei der SPD sowie Abgeordneten der Grü- nen, der CDU und der FDP/DVP) Wie gut es uns gelingt, Einsamkeit zurückzudrängen, entscheidet sich natürlich sehr häufig vor Ort, in den Kommunen. Daran muss gerade jetzt, in der letzten Sitzung vor der Kommunalwahl, erinnert werden. In den Kommunen können Netzwerke und Räume entstehen, die es braucht, um konkret etwas zu unternehmen. Aber das Land kann und muss die Städte und Gemeinden dabei unterstützen, vor Ort aktiv zu werden. Wir müssen in Wohn- und Quartiersstrukturen investieren und Treffpunkte für alle Generationen schaffen. Das können wir, das Land, unterstützen, indem wir in der Landesstrategie „Quartier 2030“ und in Landesprogrammen die Prävention von Einsamkeit explizit berücksichtigen. Wir müssen Schulsozialarbeit, psychotherapeutische Beratungsangebote an den Studierendenwerken, Familienzentren und Begegnungsstätten für Ältere ausbauen. Wir brauchen genügend Plätze in der Kinder- und Jugendpsychiatrie – ein dringendes Thema bei uns im Land. Wir brauchen Netzwerke, die sich die Überwindung von Einsamkeit zum Ziel setzen. Es bedarf der Unterstützung von Alleinerziehenden und Seniorinnen und Senioren sowie einer Wohnungspolitik, die Einsamkeit vorbeugt. Wir brauchen gesundheitspolitische Maßnahmen. Es geht um eine Präventionsstrategie im öffentlichen Gesundheitsdienst. Nicht vergessen werden darf auch die Bedeutung von Kultur und Sport, von Chören, Orchestern, dem Turnverein, der Volkshochschule. All das muss aus unserer Sicht, aus Sicht der SPD-Fraktion, umfassend in einer Landesstrategie gegen Einsamkeit gebündelt werden. Krankenkassen, lokale Initiativen, Sozialverbände, Religionsgemeinschaften und Vereine sollten in einem Kompetenznetzwerk Einsamkeit an einen Tisch gebracht werden. iode – 96. Sitzung – Donnerstag, 16. Mai 2024 Und warum nicht endlich eine eigene Staatsrätin für Einsamkeit einsetzen? (Abg. Petra Krebs GRÜNE: Dafür oder dagegen?) Liebe Kolleginnen und Kollegen, Einsamkeit ist kein Thema für politisches Klein-Klein. Einsamkeit zu bewältigen, das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Menschen brauchen Verbundenheit und Zusammenhalt, und zwar überall, als Individuen, in den Gemeinden, in Vereinen und Unternehmen, in Schulen und Hochschulen. Da stimmt einmal mehr der Satz aus den Siebzigerjahren: „Das Private ist politisch.“ Die Antwort der Landesregierung auf unsere Große Anfrage ist ein Sammelsurium von Programmen und alten Förderungen. Vieles davon halten wir auch – zumindest in Ansätzen – für richtig. Aber von einer echten Strategie zur Bekämpfung von Einsamkeit sind Sie meilenweit entfernt. Und nichts weniger fordern wir heute von Ihnen als Regierung. Herzlichen Dank. (Beifall bei der SPD)
