Andreas Sturm
Sehr geehrte Präsidentin, meine Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen! Letzte Woche hatte ich ein Déjà-vu. Ich war nämlich am Donnerstag mit meinen Kollegen Fulst-Blei und Poreski und mit Frau Plesch-Krubner von der Elterninitiative – die heute hier ist – beim Rhein-Neckar-Fernsehen in Heidelberg. Wir haben dort über G 9 diskutiert. Als ich dann auf dem Heimweg war, hatte ich dieses Déjà-vu. Denn ich kam auf der Strecke an meiner ehemaligen Schule in Südhessen vorbei, in der ich vor genau zehn Jahren mein Referendariat begonnen hatte. Wir hatten fast auf den Tag genau vor zehn Jahren über G 8/G 9 gesprochen, hatten genau die gleiche Diskussion geführt, hatten genau die gleichen Argumente, und die Schule, die Albertus-Magnus-Schule in Viernheim, hat dann den Wechsel zu G 9 gewagt. Ich war dort involviert, zuerst im pädagogischen Bereich als Lehrkraft, dann im administrativen Bereich im hessischen Kultusministerium und in der hessischen Lehrkräfteakademie. Da ich mir nicht sicher bin, wie viele Kolleginnen und Kollegen hier im Landtag schon diesen Wechsel begleitet haben – die Zahl ist wohl überschaubar –, möchte ich kurz zwei Empfehlungen des Bürgerforums kommentieren: erstens ein neu- (Andreas Sturm) es G 9, zweitens ein Aufwachsen des G 9 ab Klasse 5 bzw. die Ressourcenfrage. Bei der Empfehlung für ein neues G 9 stellen wir beim Blick auf das Gymnasium fest: Die Abiturnoten werden immer besser, aber – vorsichtig gesagt; nach Aussage der Ausbildungsbetriebe und Unis – die Qualifikationen steigen nicht im gleichen Maß an wie die Noten. Mancherorts gehen 50 % eines Jahrgangs aufs Gymnasium, bei manchen Abiturfeiern haben 40 % einen Notendurchschnitt mit einer 1 vor dem Komma. Was sich paradox anhört, ist jedoch auf den zweiten Blick nicht unlogisch. Wir sollten diese Entwicklung in unsere Entscheidung für die Zukunft einfließen lassen. Nein, wir wollen nicht das alte G 9 aus der Schublade. Wir haben schon in den letzten beiden Wahlprogrammen geschrieben, wir hätten gern ein G 9 mit einem G-8-Programm beispielsweise für die Begabtenförderung. Bei zahlreichen Empfehlungen des Bürgerforums, die sich auf ein neues G 9 beziehen, geht es nicht um strukturelle Fragen, sondern um ganz allgemeine Unterrichtsentwicklungen – Schritte, die man immer gehen muss. (Beifall bei der CDU und Abgeordneten der Grünen) Im Lateinischen heißt es: Ecclesia semper reformanda est – die Kirche muss sich immer erneuern. (Heiterkeit bei Abgeordneten der Grünen) Es heißt aber auch: Schola semper reformanda est – die Schule muss sich immer erneuern. Diese Entwicklungen und Neuerungen betreffen den Unterricht aller Schularten, nicht nur des Gymnasiums, und deshalb gilt das Zitat unseres Fraktionsvorsitzenden Manuel Hagel zum Update unseres Schulsystems. Nun kommen wir zur wahrscheinlich entscheidenden Frage, und zwar zur Ressourcenfrage, zum aufwachsenden Wechsel ab Klasse 5. Ressourcen sind für diese zukünftigen Entscheidungen zentral. Es geht um Personalressourcen, um Gebäuderessourcen, um Bildungspläne. Aber bei der Ressourcenfrage, meine Damen und Herren, dürfen wir kein Vertrauen verspielen. Es ist völlig klar und gängige Praxis – da mache ich gar keinen Vorwurf –: Die Opposition rechnet meist etwas günstig, und es wird teurer. Die Regierung rechnet es, wenn sie ein Projekt nicht will, teurer, als es eigentlich ist. (Abg. Sascha Binder SPD: Echt? Diese Regierung?) – Auch die Opposition. – Und die finanzielle Frage kann zum Knackpunkt werden. Ich habe die bisherigen Schätzungen gesehen; da ist die Spannbreite groß. Aber da es momentan gar kein Konzept gibt, können wir noch gar keine Schätzungen abliefern. Denn wir wissen gar nicht, wie viel wir in der Mittelstufe wirklich kürzen; wir wissen auch nicht, wie viele Stunden Aufwuchs wir in der Oberstufe haben. Bei allen zukünftigen Schätzungen brauchen wir erst das Konzept, bevor wir eine wirkliche Schätzung abgeben können. (Beifall bei der CDU und den Grünen) Herr Fraktionsvorsitzender Dr. Rülke hat es schon gesagt: Alle anderen Bundesländer in Westdeutschland haben wieder ode – 84. Sitzung – Donnerstag, 21. Dezember 2023 von G 8 auf G 9 umgestellt. Überall gibt es Berechnungsbeispiele. Beispielsweise hat meine ehemalige Schule in Viernheim bereits im vergangenen Jahr den ersten G-9-Abiturjahrgang gehabt. Das heißt, es gibt Vergleichswerte, an denen wir uns orientieren können, und dazu gilt es, zu beachten: Von den jetzigen Hochschulzugangsberechtigungen werden schon ein Drittel nicht über G 9 erworben, sondern außerhalb des G-9-Gymnasiums. Man braucht nicht an jeder Schule neue Klassenräume; denn G 9 hatte über Jahrzehnte Bestand, und was über Jahrzehnte Bestand hatte, kann nicht plötzlich ganz unfinanzierbar sein. (Beifall bei der CDU und Abgeordneten der FDP/ DVP) Als dritten Punkt habe ich, weil Weihnachten ist, aber doch noch etwas auf dem Wunschzettel: Wir müssen natürlich über Kosten reden. Nicht jeder Wunsch ist erfüllbar, auch nicht jeder meiner Wünsche. Wir müssen darüber reden, wie viel Freizeit Kinder haben sollen, wir müssen aber auch über Bildung allgemein reden. Deutschland ist über Jahrhunderte das Land der Dichter und Denker gewesen, weil wir eben einen Schwerpunkt auf die humanistische Bildung gelegt haben. (Vereinzelt Beifall bei den Grünen) Bildung ist das, was übrig bleibt, wenn man das, was man auswendig gelernt hat, vergessen hat. Im Zuge von G 8 und G 9 gab es zahlreiche Rationalisierungen. Einige von Ihnen gehen gern ins Theater; ich habe schon einige von Ihnen bei Goethe-, Schiller- oder Shakespeare-Aufführungen gesehen. Doch vor 20 Jahren haben wir angefangen, zu fragen, ob man Goethe, Schiller oder Shakespeare denn noch im Original lesen kann. Momentan diskutieren wir darüber, ob man sie überhaupt noch lesen soll. Grund dafür sind Rationalisierungen. Liebe Kolleginnen und Kollegen, Baden-Württemberg ist eben SAP und die Schwarz-Gruppe, es ist aber auch Schiller. Baden-Württemberg ist Hightech, aber auch Hesse, Hölderlin und Hegel. (Beifall bei der CDU) Erfolgreiche Unternehmen und große Denker gehören zusammen gedacht, und alle großen Politiker haben das bisher getan und tun das auch. Wir dürfen deshalb bei dieser Diskussion nicht vergessen: Bei allen strukturellen Fragen, bei allen Fragen um Rationalisierung müssen wir wieder die Lust an Bildung vermitteln. Wir müssen ein Versprechen abgeben, dass durch beste Bildung sozialer Aufstieg möglich ist, und wir müssen mehr Bildung wagen. (Beifall bei Abgeordneten der CDU und der Grünen) Hierfür müssen wir jetzt die Grundlage schaffen, in der frühkindlichen Bildung natürlich, aber auch bei einem qualitativ hochwertigen Gymnasium. Durch dieses Bürgerforum und die Empfehlung haben wir die Chance auf ein umfassendes Bildungs-Update und einen Konsens über die Fraktionen hinweg. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. (Beifall bei der CDU sowie Abgeordneten der Grü- nen und der FDP/DVP)
