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Thomas Poreski

GRÜNE 21.12.2023 Sitzungen 17/84

Frau Präsidentin, liebe Kolleginnen und Kollegen! Meine Kinder haben die Schulzeit hinter sich. Aber wenn ich heute ein zehnjähriges Kind auf einem Gymnasium anmelden würde und die Wahl zwischen G 8 und G 9 hätte, würde ich mich im Zweifel immer für G 9 entscheiden – so, wie die meisten von uns. (Abg. Gabriele Rolland SPD: Ich dachte, für die Ge- meinschaftsschule!) – Das ist eine gute Alternative. – Wir wissen bei Zehnjährigen nicht, wie ihre Pubertät verläuft, welche Interessen und welche Aktivitäten sie außerhalb der Schule entwickeln werden. (Zuruf des Abg. Sascha Binder SPD) Wir sehen, wie es vielen Kindern heute im Gymnasium ergeht. Familien stöhnen unter einer enormen Stofffülle, viele Kinder scheitern, wenn sie zu Hause keine umfangreiche Unterstützung erhalten und wenn sich die Eltern die Angebote der milliardenschweren Nachhilfeindustrie nicht leisten können. (Abg. Dr. Stefan Fulst-Blei SPD: Wie lange habt ihr das probiert?) Insofern sind die Motive der Volksinitiative für G 9 sehr nachvollziehbar, ihr anerkennenswerter Erfolg ist keine wirkliche Überraschung, und sie haben sich auch wirklich gute Gedanken darüber gemacht, wie die Gymnasien inhaltlich besser aufgestellt werden könnten. (Beifall bei Abgeordneten der Grünen – Vereinzelt Beifall bei der CDU) Was dabei verständlicherweise nicht im Fokus stand, sind Überlegungen zum Schulsystem als Ganzem. Wenn wir auf die jüngsten Bildungsvergleiche – IQB und PISA – schauen, haben wir jedoch genau dazu allen Anlass. Deutschland liegt im OECD-Vergleich sogar einen Hauch über dem Schnitt, und doch haben uns die Siegerländer klar abgehängt. In den frühen 2000er-Jahren, als die Bildungswelt aus Sicht der FDP angeblich so viel heiler war als heute, (Abg. Dr. Timm Kern FDP/DVP: Ja!) ode – 84. Sitzung – Donnerstag, 21. Dezember 2023 lagen wir in Deutschland unter dem Schnitt aller untersuchten Länder; auch Baden-Württemberg lag nur leicht darüber. Und es kann auch nicht beruhigen, dass wir im bundesdeutschen Vergleich bei IQB nun wieder unter die Top 3 gerückt sind; denn insgesamt ist das Niveau gesunken. Wir sind meilenweit von der internationalen Champions League in der Bildung entfernt. Und – das ist wichtig – diese Befunde gelten insbesondere auch für die Gymnasien. Diese zeigen in der gerade veröffentlichten PISA-Studie den größten Einbruch und erleben seit 2012 einen Kompetenzverlust, der eineinhalb Schuljahren entspricht – und das mit der homogensten Schülerschaft: Die allermeisten Kinder haben eine Gymnasialempfehlung, die Gymnasien haben die geringste Integrations- und Inklusionsquote, und die Leistungsschwächeren haben bis zum 15. Lebensjahr – das Alter, in dem die PISA-Tests durchgeführt werden – das Gymnasium längst wieder verlassen. Den Einbruch erleben übrigens bundesweit alle Gymnasien, auch die mit G 9. Ist G 9 deswegen sinnlos? Wohl kaum; das habe ich ja schon ausgeführt. Aber G 8 ist nicht die Ursache für die Probleme des Gymnasiums, und G 9 ist nicht die Lösung, sondern allenfalls ein Beitrag dazu. (Beifall bei Abgeordneten der Grünen – Vereinzelt Beifall bei der CDU) Genau dies ist auch eine zentrale Erkenntnis des Bürgerforums zu G 8/G 9. Seine Mitglieder haben sich für G 9 ausgesprochen und zugleich eine weit darüber hinausgehende Reform des gesamten Bildungssystems gefordert. Dieses Bürgerforum bestand zur Hälfte aus Leuten, die selbst kein Abitur haben, und zu einem Drittel aus Menschen mit Migrationshintergrund. Sie gemeinsam, allesamt keine Bildungsfachleute, haben in nur sechs Sitzungen mehr Einblick gewonnen und Weitblick entwickelt als Sie von der FDP in vielen Jahren, von der Fraktion ganz rechts ganz zu schweigen. (Abg. Dr. Timm Kern FDP/DVP: Wie billig!) Fangen wir also an, die Erkenntnisse der jüngsten PISA-Studie und die daraus resultierenden Empfehlungen ernst zu nehmen. Es gibt ja einige hier, die PISA zwar selbstverständlich zitieren, sich gleichzeitig aber jeglicher Konsequenz verweigern und lieber auf ihren überholten Denkmustern beharren. Das sind zum Teil die gleichen, die mit dem Bildungsausschuss in Kanada waren, dort die PISA-Sieger bewundert haben – und schon die Rückreise damit verbrachten, sich Ausreden zu suchen, warum das alles bei uns angeblich überhaupt nicht umsetzbar sei. Dass dies barer Unsinn ist, hat Andreas Schleicher, Direktor für Bildung bei der OECD und Leiter der PISA-Studie, mit seinem deutschen Forscherteam in der Pressekonferenz zur aktuellen Studie klargestellt. Zitat: This is not rocket science ... Wesentliche Elemente der Topperformer sind übertragbar; wenn man will, ist es sehr wohl machbar. Einiges, was wir aus PISA lernen können, packt unsere Kultusministerin Theresa Schopper schon an. Wir investieren vermehrt in die Sprachbildung im frühkindlichen Bereich und in (Thomas Poreski) der Grundschule. Wir ermöglichen multiprofessionelle Teams über das Programm „Rückenwind“ sowie über eine sozialindexbasierte Ressourcensteuerung, weil das zur Bildungs- und Chancengerechtigkeit beiträgt. (Beifall bei den Grünen – Vereinzelt Beifall bei der CDU) Und Baden-Württemberg realisiert als erstes Bundesland genauso wie die PISA-Siegerstaaten eine datengestützte Schulentwicklung. PISA führt uns ein zentrales deutsches Qualitätsproblem in allen Schularten vor Augen, das wir endlich entschlossen lösen müssen: das auch von Andreas Schleicher so genannte „Bulimielernen“. Kinder und Jugendliche werden in unserem Schulsystem mit wirklichkeitsfremden Prüfungsvorgaben darauf getrimmt, vorgegebenes Wissen zu reproduzieren. Zu kurz kommt das, was PISA abbildet und was die Zukunft verlangt: die Fähigkeit, kreativ Probleme zu lösen und Wissen intelligent zu verbinden. In der Welt von heute und von morgen müssen junge Menschen Kreativität mit kritischem Denken verknüpfen. Sie benötigen neben eigenem Wissen die Kompetenz, mit anderen kommunikativ und kooperativ neue Lösungen zu entwickeln. So können sie auch kritisch hinterfragen und einordnen, damit sie der Flut demokratieverachtender Fake News widerstehen können. Die fachlichen und fächerübergreifenden Future Skills entscheiden über die Zukunftsfähigkeit unseres Landes, darüber, ob wir in der Champions League vorn mit dabei sind. Diese Notwendigkeit und der hohe Nachholbedarf, den wir haben, wurden in der Enquetekommission „Krisenfeste Gesellschaft“ wiederholt thematisiert, und zwar gleichermaßen von der Wirtschaft, den Gewerkschaften und den Hochschulen. Wir reden also nicht über ein „Nice to have“, sondern über erfolgskritische Faktoren und Kompetenzen für unser Land. Wenn wir tatsächlich wollen, dass sich die Potenziale der Kinder und Jugendlichen in unserem Land bestmöglich entfalten, dann müssen wir noch kräftiger in die frühen Bildungskarrieren und in die Basiskompetenzen investieren. (Beifall bei den Grünen und Abgeordneten der CDU) Gleichzeitig müssen wir über die zweite Säule neben dem Gymnasium eine gelingende Bildungskarriere für alle Kinder und Jugendlichen bis zum jeweils höchsten Abschluss ermöglichen, auch wenn es nicht immer das Abitur sein muss. Ein gutes und gelingendes Leben mit wertvollen Beiträgen für unsere Gesellschaft ist selbstverständlich auch ohne Abitur möglich. (Beifall bei Abgeordneten der Grünen und der CDU) Für eine individuell erfolgreiche Bildungsbiografie braucht es in jedem Fall die passenden Bedingungen. Das gilt insbesondere für Kinder und Jugendliche, die das Potenzial haben, über die zweite Säule zum Abitur zu kommen. Auch hier können wir aus PISA lernen. Zu den Erfolgsfaktoren gehören eine zukunftsfähige Lernund Prüfungskultur, aber eben auch eine gebundene Ganztagsbeschulung. Beides bieten heute schon gute Gemeinschaftsschulen – Frau Kollegin! –, und deshalb entscheiden sich auch de – 84. Sitzung – Donnerstag, 21. Dezember 2023 Eltern von leistungsstarken Kindern aus guten Gründen für diese Schulart. Ein gebundener Ganztag packt die Übungseinheiten klassischer Hausaufgaben oder auch die ansonsten privatisierte Nachhilfe in die Schulzeit. Das nutzt beruflich eingespannten Familien genauso wie Kindern, denen in ihren Familien eine vollumfängliche Unterstützung fehlt. Ein zentraler Befund aus PISA ist: Kindern aus benachteiligten Verhältnissen eröffnet ein hochwertiger, gebundener Ganztag die gleichen Chancen, wie sie Kinder aus sozioökonomisch bessergestellten Familien haben. Davon sind wir in Deutschland momentan weit entfernt. Das wollen wir ändern. (Beifall bei den Grünen) Das Bürgerforum hat recht: Ein Schnellschuss, der wieder einmal an PISA vorbeigeht, wäre verfehlt. Wir brauchen nicht einfach ein vielleicht etwas erweitertes G 9, nicht nur ein Update, sondern ein Upgrade unseres Schulsystems, eine Reform, die das große Ganze im Blick hat und so allen Schülerinnen und Schülern eine passgenaue, hochwertige Bildung ermöglicht. Das ist unser Maßstab. Wir werden diese Reform daher nicht als „sofortistischen“ Schnellschuss angehen, (Zuruf der Abg. Gabriele Rolland SPD) sondern mit der notwendigen Sorgfalt und unter Einbeziehung aller Beteiligten. Denn genau so kommen wir – das versprechen wir – sehr zeitnah zu einer klugen, zukunftsfähigen (Zuruf des Abg. Sascha Binder SPD) – Sie werden es sehen – und gesellschaftlich breit getragenen Lösung. Herzlichen Dank. (Beifall bei den Grünen und Abgeordneten der CDU)

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