Thomas Poreski
Genau, ich würde gern sprechen. – Denn absolut sind die Ergebnisse in allen Bundesländern deutlich rückläufig. Dies hat die PISA-Studie in der vergangenen Woche nochmals drastisch verdeutlicht. Deshalb ist es richtig, dass die grün geführte Landesregierung ein besonderes Gewicht auf die Basiskompetenzen legt und dass wir ganz besonders auf die frühkindliche Bildung und die Grundschule setzen. Ministerin Theresa Schopper wird dies gleich noch näher ausführen. de – 82. Sitzung – Mittwoch, 13. Dezember 2023 Es ist im Übrigen auch richtig, dass wir mit dem Programm „Lernen mit Rückenwind“ landesweit den niedrigschwelligen Einstieg in multiprofessionelle Teams geschafft haben. (Beifall bei den Grünen und Abgeordneten der CDU) Sowohl die PISA-Studie als auch die IQB-Messungen haben übrigens vor dem Programm „Lernen mit Rückenwind“ stattgefunden; dessen positive Effekte, die auch die Opposition in diesem Haus inzwischen anerkennt, sind darin noch nicht erfasst. Unsere Bildungspolitik bewegt sich klar in die richtige Richtung. Ebenso klar ist allerdings auch: Maßstab unseres international im Wettbewerb stehenden Wirtschaftsstandorts muss die Champions League sein. Dem werden zwar einzelne Schulen, aber im Moment keines der Bundesländer in Gänze gerecht. Aus PISA zu lernen heißt somit, konsequent das zu intensivieren, was wir bereits begonnen haben, etwa eine systematische Diagnose und Förderung der Sprach- und Lesekompetenz, (Beifall bei Abgeordneten der Grünen) beginnend in der Vorschule und nach Bedarf bis in den Sekundarbereich. Wir benötigen eine systematische Weiterentwicklung der Unterrichtsformate, insbesondere einen individuell fördernden, adaptiven Unterricht. Dieser ist in den PISA-Siegerländern selbstverständlich und wird bei uns viel zu selten angeboten. Wir brauchen – auch damit haben wir begonnen – eine bedarfsgerechte und aufgabenorientierte Ressourcensteuerung, um die Chancen von Kindern und Jugendlichen aus sozioökonomisch benachteiligten Familien zu verbessern. Liebe Kolleginnen und Kollegen, Sie alle kennen die Bildungsforschung und ihre Kriterien für gute Bildung: Exzellenz – also hohe Leistung –, Equity – also hoher Bildungserfolg unabhängig von der Herkunft – und als Drittes Well-being – also das umfassende Wohlbefinden der Schülerinnen und Schüler. Das ist kein Widerspruch und erst recht keine Rocket Science, wie Andreas Schleicher, der Leiter der OECD-PISA-Studien, betont. Er sagt im Vorwort zum neuen PISA-Berichtsheft: Die neuesten PISA-Ergebnisse machen deutlich, dass es Bildungssystemen gelingen kann, sowohl eine hervorragende Unterrichtsqualität als auch gleiche Bildungschancen für alle zu gewährleisten, und dass sie schulische Spitzenleistungen fördern können, ohne dass dies auf Kosten des Wohlergehens der Schüler*innen geht. Im Gegenteil, sie schaffen dies, indem sie das Wohlergehen der Schüler*innen fördern. Dass uns das zu selten gelingt, ist vermutlich ein Grund für die bemerkenswert erfolgreiche Volksinitiative zu G 9. Die Kinder und Jugendlichen in unserem Land haben zu wenig Zeit für die Entwicklung grundlegender Fähigkeiten; sie müssen auch aufgrund überkommener Prüfungsvorgaben eine Unmenge Stoff reproduzieren, der dann viel zu schnell wieder vergessen wird. (Thomas Poreski) Bereitet dieses sogenannte Bulimielernen auf die Herausforderungen der Zukunft vor? Nein. Denn es geht künftig mehr denn je – auch dies formuliert PISA sehr klar – darum, selbstständig, logisch und kreativ zu denken. Es geht darum, Aufgaben aus der realen Lebenswelt anzugehen, die weder automatisiert noch mit Standardrezepten gelöst werden können. Menschen machen dort den Unterschied, wo das Wissen von Wikipedia und die sogenannte künstliche Intelligenz an ihre Grenzen stoßen, liebe Kolleginnen und Kollegen. (Beifall bei den Grünen und Abgeordneten der CDU) Die jungen Menschen müssen mit ihren fachlichen und fächerübergreifenden Kompetenzen in der Lage sein, sich unbekannten Herausforderungen des echten Lebens erfolgreich zu stellen. Die nötigen Future Skills – Kommunikation, Kooperation, Kreativität und kritisches Denken – erwerben junge Menschen in unserem Schulsystem bisher insgesamt zu wenig. Dies beklagen aktuell auch in der laufenden Enquetekommission „Krisenfeste Gesellschaft“ zu Recht große Teile unserer Wirtschaft, die Industrie ebenso wie das Handwerk und unsere Hochschulen. Denn was haben wir von Wissenschaftlerinnen oder Ingenieuren, die nicht kreativ sind? Wie sind wir gegen Fake News gewappnet, wenn junge Menschen kaum gelernt haben, klug zu hinterfragen, Ideologien zu entlarven und sich mutig eigene Gedanken zu machen? (Abg. Dr. Timm Kern FDP/DVP: Seit wann regieren Sie?) Viele junge Leute haben das längst begriffen und fordern offensiv nicht nur ein Update, sondern ein Upgrade unseres Bildungssystems, so wie der Landesschülerbeirat in seiner Stellungnahme zum Bürgerforum zu G 8/G 9. Dieses Bürgerforum hat sich für ein neues G 9 ausgesprochen und ausdrücklich nicht für eine Retroversion. Denn den Zufallsbürgerinnen und Zufallsbürgern war schnell klar: Die Ursachen für die Probleme des Gymnasiums liegen nicht im G 8, und G 9 ist alles andere als ein Allheilmittel. Es ist mehr als bedenklich, dass das Gymnasium in der neuesten PISA-Studie von allen Schularten den größten Einbruch erlebt. Schließlich ist es die Schulart mit der homogensten Schülerschaft und mit der vergleichsweise besten Ressourcenausstattung. Den Zufallsbürgerinnen und Zufallsbürgern ist ihre treffende Einschätzung nach gerade einmal sechs Sitzungen gelungen. Die Hälfte von ihnen hat kein Abitur, ein Drittel hat einen Migrationshintergrund. Sie fordern keine Schnellschüsse, sondern aus guten Gründen eine überlegte Reform, die die gesamte Schulwelt und alle Kinder und Jugendlichen in diesem Land in den Blick nimmt. Einen solchen Weitblick haben viele in der Opposition bis heute nicht bewiesen. Sie blamieren sich, indem sie das Bürgerforum als Alibiveranstaltung und als Schwatzbude schmähen. Schämen Sie sich dafür bitte. (Beifall bei den Grünen) Liebe Kolleginnen und Kollegen, neue und herausfordernde Zeiten erfordern einen offenen Blick, die Bereitschaft, sich iode – 82. Sitzung – Mittwoch, 13. Dezember 2023 auch unangenehmen Fragen zu stellen, sowie die Fähigkeit und den Mut, sich an den international Besten zu orientieren. Wir sind überzeugt, nein, wir wissen: Unser Land, unsere Köpfe und unsere Herzen haben das Potenzial dazu. Herzlichen Dank. (Beifall bei den Grünen und Abgeordneten der CDU)
