Dr. Dorothea Kliche-Behnke
Frau Präsidentin, liebe Kolleginnen und Kollegen! Dieses Thema und diese Debatte sind etwas, bei dem es zugegebenermaßen schwer wird, Unterschiede herauszuarbeiten, denn diese sind offensichtlich nicht sehr groß. Ich sage es ehrlich: Ich stimme in ganz weiten Teilen den Reden meiner beiden Vorredner zu. (Beifall bei Abgeordneten der SPD sowie der Abg. Andreas Schwarz GRÜNE und Dr. Albrecht Schütte CDU) (Dr. Dorothea Kliche-Behnke) Ich sage aber auch ehrlich: Herr Salomon, ich habe Ihnen gern zugehört, was das mit dem Feuer alles bedeutet, aber trotzdem möchte ich darauf verweisen, welche Debatte Sie und Ihre Fraktion angemeldet haben. Da geht es um Hochschullehre, aber – Entschuldigung! – Sie haben überhaupt gar nichts zum Thema Hochschullehre gesagt. (Beifall bei der SPD und des Abg. Dennis Birnstock FDP/DVP) Das ist zum Glück außer mir auch noch ein paar anderen hier aufgefallen. (Zurufe) Völlig klar: Die Veröffentlichung von ChatGPT im November 2022 ist ein Meilenstein – ein Meilenstein in Bezug auf die Leistungsfähigkeit und Verfügbarkeit von Anwendungen, die auf der Basis künstlicher Intelligenz Texte erstellen. Jetzt versuche ich eine Annäherung an das Thema, das Sie gemeldet haben. Schon bald werden Textgeneratoren wie Chat-GPT in gängige Programme zur Textverarbeitung integriert werden. Beispielsweise lässt Google bereits sein Office-Programmpaket „Google Workspace“ mit KI-Funktion testen. Es ist davon auszugehen, dass die Anwendungen sowohl vielfältige Aufgaben in Bezug auf die Texterstellung übernehmen als auch spezialisierte wissenschaftliche Textsorten erstellen können. Seit einigen Monaten werden die Auswirkungen von generativen KI-Tools auf Bildung und Wissenschaft kontrovers und häufig natürlich auch emotional diskutiert. Das wurde schon deutlich. Die einen fordern, KI-Werkzeuge im Bildungssystem komplett zu verbieten, und auch, wenn wir uns hier offensichtlich weitgehend einig sind, dass das nicht der Ansatz sein kann, ist dies derzeit in unseren Universitäten teilweise tatsächlich wohl gängige Praxis. Andere verlangen eine ganz neue Ausrichtung des Bildungssystems. Stellt KI Studium und Lehre komplett auf den Kopf? Gilt jetzt zukünftig für wissenschaftliches Arbeiten: „Kann man abschaffen, das macht jetzt zukünftig eine KI“? Unbestritten wird künstliche Intelligenz die Hochschullehre enorm verändern. Das ist aber keine plötzliche Veränderung, sondern ein langsamer Prozess. Deshalb ist es umso wichtiger, dass die Rahmenbedingungen für KI-Anwendungen in den Hochschulen frühzeitig gesetzt werden. Wenn ein dialogbasierter Chatbot an der Hausarbeit mitschreibt, wird das niemand verhindern können. Dann müssen es aber alle tun können, und es muss klar sein, unter welchen Bedingungen das geschieht. Was z. B. ist die zu bewertende Leistung der schriftlichen Arbeit? Wohl kaum das darin enthaltene Wissen, sondern vielmehr die Frage, was die Studierenden im Nachgang selbst noch einmal an diesem kooperativen Text erstellt haben. Genauso wie übrigens auch in der Schule – da stellt sich die Frage natürlich analog – müssen wir unterscheiden: lernen trotz KI, lernen mit KI, lernen über KI, lernen durch KI und lernen ohne KI. Alle Dimensionen sind notwendig, alle gehören in die Hochschullehre. (Beifall bei der SPD und der Abg. Ayla Cataltepe GRÜNE) riode – 72. Sitzung – Donnerstag, 20. Juli 2023 Die Arbeit der Lehrenden wird sich viel stärker in die Richtung entwickeln müssen, z. B. Übersetzungen bewerten zu können. Die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift „Forschung & Lehre“ beschreibt die Entwicklung von humaner Übersetzung in Richtung Übersetzung mithilfe künstlicher Intelligenz als eine Entwicklung „vom Akkordarbeiter zum Gutachter“. Es ist also schon eine massive Veränderung. Den Umgang mit der Anwendung künstlicher Intelligenz zu lernen betrifft aber nicht nur die Hochschulen. Das ist ja ein Merkmal von Schlüsselqualifikationen: Sie brauchen sie überall. Sich als Abgeordnete oder Abgeordneter eine Rede von ChatGPT schreiben zu lassen ist im Dezember 2022 nicht mehr als ein Taschenspielertrick, im Dezember 2024 vielleicht schon der neue Standard, wenn man sich über die Nutzung von künstlicher Intelligenz in Plenardebatten einigt. Auch dann wird es noch immer gute und bessere Landtagsdebatten geben. In Studium und Lehre an Hochschulen ist ein generelles Verbot von ChatGPT und Co. auf jeden Fall nicht zielführend. (Beifall bei der SPD und des Abg. Dr. Albrecht Schüt- te CDU) Die Hochschulen müssen definieren, wann und unter welchen Voraussetzungen KI-Schreibwerkzeuge von Studierenden eingesetzt werden können. Das erfordert die Definition von Lernzielen in Bezug auf KI-Schreibwerkzeuge, die Integration der Schreibwerkzeuge in Lehr-, Lern- und Beratungssettings und die Reflexion darüber, ob und in welcher Weise schriftliche Prüfungen angepasst werden müssen. Ich habe in den letzten Tagen, nachdem Sie die Debatte angemeldet haben, mit einigen Professorinnen und Professoren gesprochen. Egal, aus welchem Fach, die Rückmeldung war eindeutig. Zitat: „Man darf das nicht verdammen, sondern muss lernen, es sinnvoll zu nutzen. Den Einsatz generell zu verbieten ist sicher die schlechteste Lösung.“ Aber dafür muss die Politik dann auch die Voraussetzungen schaffen. Um Handlungssicherheit zu schaffen, müssen Rechtsfragen zur Urheberschaft, zur Kennzeichnungspflicht, zu wissenschaftlichem Fehlverhalten und zu eventuellem Regelungsbedarf geklärt werden. Lehrende müssen informiert, beraten und geschult werden. Sie brauchen Freiraum und Entlastung, damit sie Zeit haben, diese neue Technik aufzunehmen und zu integrieren. Unsere Hochschullehrkräfte haben durchaus die Fähigkeit, im KI-Zeitalter zu bestehen. Dafür braucht es aber Ressourcen für Prüfungen und besonders in unseren Rechenzentren. Dazu haben sich die beiden Redner der Regierungsfraktionen leider in keiner Weise geäußert. Das wäre ein wichtiges Thema für die eigene Debatte gewesen. (Beifall bei der SPD) Liebe Kolleginnen und Kollegen, kaum ein Lebensbereich wird in Zukunft vom Einsatz von KI unberührt bleiben. Es war immer klar, dass dazu auch Studium und Lehre gehören werden. Als Gesellschaft müssen wir klären, wann, wo und wie wir künstliche Intelligenz nutzen können, aber auch wollen. Man kann angesichts der technischen Veränderungen in aufgeregte Diskussionen oder in Sonntagsreden verfallen, (Dr. Dorothea Kliche-Behnke) oder man macht sich daran, diese Veränderungen zu gestalten. Die Kompetenz dazu – das wurde zu Recht gesagt – ist bei uns im Land unzweifelhaft deutlich vorhanden. Es ist gut, dass man hier eine Ahnung bekommt, was eine europäische KI sein kann, die wir auch in der Zukunft umso mehr brauchen werden. Alarmismus ist also genauso wenig angezeigt wie Naivität. Ein befreundeter Professor hat mir dazu geschrieben – noch mal ein Zitat –: Das Gros der Studierenden ist sehr erwachsen. Sie wollen lernen, und sie wissen auch selbst, dass sie in der Klausur auf sich gestellt sind und sich deshalb selbst schaden, wenn sie während des Semesters alles generieren lassen. Vielleicht ist es auch keine Katastrophe, wenn meine Kolleginnen und Kollegen im Tal – Klammer auf: da sitzen die Geisteswissenschaften, da, wo ich herkomme – nicht mehr einfach seitenlange Schreibaufgaben als Fleißarbeit aufgeben. Ich habe übrigens auch mit ein paar Studierenden gesprochen. Denn die Hochschullehre betrifft ja nicht nur die Seite der Lehrenden. Die meisten Studierenden haben mir gesagt, sie haben selbstverständlich schon längst Erfahrung mit KI im Studium. Das ist gut, schließlich werden die meisten von ihnen das ja auch später in der Arbeitswelt und Berufswelt ganz selbstverständlich anwenden müssen. Eine Studentin hat mir erzählt, sie brauchte ein Motivationsschreiben für die Bewerbung zum Masterstudium. Dann hat sie einfach drei verschiedene Schreiben von einer KI erstellen lassen und daraus etwas Eigenes gemacht. Das ist, glaube ich, ein ziemlich gutes Beispiel, um zu zeigen, wie heute Eigenleistung in der Hochschullehre oder in der Hochschule wirklich aussieht. Ich bin, ehrlich gesagt, gespannt, ob die Studentin an der Uni angenommen wird. Ich traue es ihr aber durchaus zu. Aber jetzt geht es zum Glück für uns alle und auch für viele Studierende erst mal in die Ferien bzw. in die Semesterferien, in die Sommerpause. Ich empfehle dafür übrigens einfach ein ganz klassisches Buch. Bei aller Veränderung durch KI – Bücher haben an Bedeutung und Attraktivität glücklicherweise bis heute nichts eingebüßt. Einen schönen Sommer Ihnen allen! (Beifall bei der SPD und den Grünen sowie Abgeord- neten der CDU und der FDP/DVP)
