Dr. Alexander Becker
Frau Präsidentin, meine sehr geehrten Damen und Herren! Es ist schon angeklungen: Just als vorgestern die SPD diese Debatte angemeldet hat, fand in Bad Cannstatt das Scoping zum Bildungsforum statt. Der Kollege Fulst-Blei war anwesend. (Zurufe: Mikro!) – Wir warten auf das Mikrofon. Jetzt besser? – Dann fange ich noch mal an. Frau Präsidentin, (Heiterkeit) meine sehr geehrten Damen und Herren! Vorgestern, als die Debatte angemeldet wurde, fand das Scoping zum Bürgerforum in Bad Cannstatt statt. Der Kollege Fulst-Blei war anwesend, ich ebenfalls, und vor allem zahlreiche Vertreter von Institutionen, von Verbänden und Interessengruppen. Ich danke allen, die dort waren, für einen von sehr vielfältigen Ansichten geprägten Meinungsaustausch. Es war aus meiner Sicht überhaupt nicht so, wie Sie es erlebt haben: dass gar keine neuen Gedanken aufgekommen wären – im Gegenteil. Es wurden Gedanken intensiviert. Aber vielleicht wäre es auch gut gewesen, bis zum Ende der Themensammlung anwesend zu sein. Ich fand, es war ein spannender Austausch. (Beifall bei Abgeordneten der CDU und der Grünen – Zuruf des Abg. Dr. Stefan Fulst-Blei SPD) Vor diesem Hintergrund eine dialogische Bürgerbeteiligung als „Warteschleife“ abzukanzeln, halte ich weder in der Sache für angemessen noch für respektvoll gegenüber den Beteiligten. periode – 71. Sitzung – Mittwoch, 19. Juli 2023 (Beifall bei Abgeordneten der CDU – Vereinzelt Bei- fall bei den Grünen) Aber zur Sache: Rund 45 % der Grundschüler eines Jahrgangs wechseln auf das Gymnasium. Die Quote ist seit 2004 um ein bemerkenswertes Viertel gestiegen. In vielen Städten stellen Gymnasiastinnen und Gymnasiasten inzwischen die übergroße Mehrheit. Die schiere Anzahl von Schülerinnen und Schülern bietet Chancen – das ist klar – für eine Differenzierung zwischen G 8 und G 9. Sie gebietet aber auch den Respekt vor der durchaus großen Aufgabe. Es ist kein Geheimnis, dass die CDU bereits bei der Landtagswahl 2016 für ein Wahlmodell, für eine Parallelität von G 8 und G 9 geworben hat. Es war auch folgerichtig, dass wir uns in dieser Legislatur für eine Fortsetzung des Schulversuchs eingesetzt haben. (Beifall bei der CDU) Ja, G 9 bietet Chancen. Zuallererst bietet es die Chance, die Persönlichkeitsentwicklung der Kinder und Jugendlichen zu stärken und mehr Augenmerk auf eine ganzheitliche Bildung zu legen, mehr Raum zu geben für politische Bildung, für AGs und Projekte an den Schulen und vor allem für außerschulische Bildung: Musik, Sport, ehrenamtliches Engagement. Das macht junge Menschen stärker, und davon lebt unsere Gesellschaft. (Beifall bei der CDU und Abgeordneten der Grünen – Abg. Dr. Stefan Fulst-Blei SPD: Macht doch mal!) Auch G 8 hat sich für viele Schülerinnen und Schüler bewährt, insbesondere für diejenigen, die schnell und leicht lernen. (Zuruf des Abg. Dr. Stefan Fulst-Blei SPD) Nun kann man es sich einfach machen und sagen: Wir haben jahrzehntelange Erfahrung mit G 9. Wir legen einfach den Schalter um und kehren zurück. – Herr Kollege Fulst-Blei, in dieser fröhlichen Unbekümmertheit standen Sie heute vor uns. Das muss auch niemanden wundern; denn in der gleichen Unbekümmertheit hat die SPD zwischen den Jahren 2011 und 2016 Bildungspolitik betrieben. (Beifall bei der CDU) Ich wage aber eine Prognose: G 9 wird nicht an zu wenigen Interessenten scheitern. In den Bundesländern, die uns hier zeitlich voraus sind, zeigt sich, dass sich ein Großteil der Eltern für G 9 entscheiden. Das heißt, G 9 löst einen starken Sog aus. Wenn heute 45 % der Kinder unter den Bedingungen von G 8 an das Gymnasium wechseln, dann kann man sich leicht vorstellen, dass diese Zahl bei einem flächendeckenden Angebot von G 9 auf 50 %, 55 % oder mehr ansteigen wird. Und das ist etwas, was, glaube ich, niemand von uns wirklich will. Wir dürfen also das allgemeinbildende Gymnasium nicht isoliert betrachten. All das, was wir am Gymnasium machen, hat natürlich Auswirkungen auf die Realschulen – ein Viertel der Schüler in den Eingangsklassen der Realschulen haben eine Gymnasialempfehlung. Es hat Auswirkungen auf die beruflichen Gymnasien – das ist bereits angeklungen; das ist der bisherige Weg zu G 9 und ein sehr erfolgreicher Weg. Es hat natürlich auch Auswirkungen auf die Gemeinschaftsschulen, Stichwort „Gymnasiale Oberstufe“. (Dr. Alexander Becker) Deshalb ist klar: Zuerst müssen wir klären, was wir mit G 9 erreichen wollen: Soll der Fokus auf Entschleunigung oder auf mehr Unterricht liegen? Wenn wir entschleunigen wollen, dann müssen wir wissen, in welchem Bereich: in der Unterstufe, in der Mittelstufe, in der Oberstufe oder über den gesamten Zeitraum? (Abg. Dr. Stefan Fulst-Blei SPD: Für was haben wir den Modellversuch gemacht?) – Beim Modellversuch gibt es tatsächlich drei verschiedene Arten. Überwiegend fällt die Wahl auf eine kontinuierliche Entschleunigung. (Abg. Dr. Stefan Fulst-Blei SPD: Individuell! – Zu- ruf: Wissen wir schon! – Gegenruf: Keine Diskussi- on! – Unruhe) – Darauf können wir noch eingehen. Es gibt tatsächlich alle drei Wege im Schulversuch.
