Thomas Poreski
Jetzt nicht. Ich habe meine Linie noch nicht ausgeführt. (Vereinzelt Heiterkeit – Zuruf des Abg. Sascha Bin- der SPD) Auch wenn die Abiturnoten bei G 8 und G 9 miteinander vergleichbar sind, müssen wir uns ehrlich fragen: Was bringen formal gute Noten, wenn mangels persönlicher Kompetenzen die entsprechende Studierfähigkeit fehlt? Wie gehen wir damit um, dass in den Staaten, die uns im PISA-Vergleich weit voraus sind, bessere Leistungen bei geringerer Belastung erzielt werden, übrigens in der Regel mit einer zwölfjährigen Schulzeit, also G 8? In keinem anderen Bundesland gibt es so viele Wege für G 9 wie in Baden-Württemberg: über die Gemeinschaftsschulen mit und ohne Oberstufe, über die Realschulen und die beruflichen Gymnasien. Darüber werden schon heute die Hälfte aller Hochschulzugangsberechtigungen erworben. Wenn wir also das Lernen an den Gymnasien strukturell verändern, müssen wir offen thematisieren: Was bedeutet das für die anderen Schulen sowie deren Schülerinnen und Schüler? Wie können wir verhängnisvolle Nebenwirkungen vermeiden? Viele Realschulen, Gemeinschaftsschulen und gerade auch die beruflichen Gymnasien, die alle sehr bewährte neunjährige Wege zum Abitur bieten, fürchten um ihre Zukunft. Das können Sie von der Opposition jetzt kalt ignorieren – es sei ja alles geschwätzt. Sie können sich aber vor einer Frage nicht drücken: Welche Nebenwirkungen nehmen Sie bewusst in Kauf, und was verdecken Sie mit dieser verengten Perspektive? (Beifall bei Abgeordneten der Grünen und des Abg. Dr. Alexander Becker CDU) Denn es brennt – das sagen aktuelle Bildungsstudien wie die vom IQB und die Bildungswissenschaft unisono – an den Grundschulen, bei der Inklusion und bei all denen, die nicht auf dem Weg zum Abitur sind. (Beifall bei Abgeordneten der Grünen und der CDU) Wir brauchen eine klare Fokussierung auf Maßnahmen, die verhindern, dass über ein Drittel der Schülerinnen und Schüler in unserem Land dauerhaft zu Bildungsverlierern werden. Die Debatte über G 9 droht eine Ersatzdebatte zu werden, wenn sie, wie von der Opposition, verengt geführt wird. (Beifall bei Abgeordneten der Grünen und der CDU) Wir sagen: Die intellektuellen und materiellen Ressourcen gehören vorrangig dahin, wo es wirklich brennt, dorthin, wo es keine wortstarke und medial perfekt aufgestellte Lobby gibt. (Abg. Sascha Binder SPD: Dann machen Sie das doch mal!) eriode – 71. Sitzung – Mittwoch, 19. Juli 2023 Zur Ehrlichkeit gehört auch: Der PISA-Schock kam bereits 2002 – mit G 9 und mit verbindlicher Grundschulempfehlung. Da gab es aus der Sicht einiger hier noch eine dauerhafte, vermeintlich heile Bildungswelt. Wir sagen: Die Welt verändert sich rasant. Wir haben allen Grund, von den Champions von heute zu lernen, statt auf die Verlierer von gestern zu schauen. Es gibt – das habe ich angesprochen – sehr respektable Gründe für eine Debatte über G 9. Dazu gehören sicher die zusätzlichen Belastungen der Kinder und Jugendlichen durch die Coronafolgen. Und natürlich können wir Familien, die sich für ein Gymnasium entschieden haben, nicht einfach sagen, bei Bedarf an G 9 sollen sie doch einfach die Schulart wechseln. Auch hier braucht es eine stimmige Antwort. Eine Antwort und vor allem einen Faktencheck benötigen wir auch bei der Ressourcenfrage, lieber Kollege. (Zuruf von der SPD) Ein zusätzlicher Jahrgang, der nichts kostet, gleicht einem echten Zaubertrick. Wenn Sie das hinbekommen, können Sie uns das gern belegen. (Zurufe von der SPD) Alle Zahlen, die es gibt – übrigens auch aus anderen Bundesländern –, gehen von zusätzlichen Bedarfen aus. Ganz abgesehen von der kommunalen Perspektive: Die Gymnasien im Land sind voll. Seit der Einführung von G 8 vor 19 Jahren ist die Zahl der Schülerinnen und Schüler an den Gymnasien erheblich gestiegen. (Vereinzelt Beifall bei den Grünen und der CDU) Es gibt überhaupt nicht den Platz für einen zusätzlichen Jahrgang. Wollen Sie allen Ernstes einen Zusatzaufwand von bis zu einer halben Milliarde Euro für das Land auslösen und ebenso viel für die Kommunen? Die haben weder das Geld noch die räumliche Kapazität. (Vereinzelt Beifall bei den Grünen) Was aber nützt ein Versprechen, wenn es nicht eingehalten werden kann? Zu hinterfragen ist auch, wie Sie von der Opposition die Wahlfreiheit zwischen G 8 und G 9 ausgestalten wollen. Warum sollen eigentlich allein die Schulen darüber entscheiden, wie sie sich aufstellen? Warum soll überhaupt schon im Alter von zehn Jahren entschieden werden, wie lange der Weg zum Abitur dauert? Vor diese Wahl gestellt, neigen die meisten Eltern natürlich zu G 9, weil sie gar nicht wissen, wie sich ihre Kinder entwickeln und wie deren Pubertät verläuft. Deshalb: Warum entscheiden darüber nicht die Schülerinnen und Schüler selbst – gut beraten zu einem Zeitpunkt, an dem sie wissen, was für sie passt, also z. B. am Ende der Mittelstufe? (Beifall bei Abgeordneten der Grünen) Es braucht also auch für G 9 intelligentere und wettbewerbsfähigere Lösungen als die von der Opposition präsentierten Patentrezepte. Das Bürgerforum kann hierfür wertvolle Impulse liefern. (Thomas Poreski) Zusammengefasst: Wir haben eine offene und lösungsorientierte Debatte zu G 8 und G 9 gestartet. Wie Sie vielleicht wissen, habe ich persönlich eine große Sympathie für eine individuelle Wahlfreiheit zwischen G 8 und G 9 auch am Gymnasium, verbunden mit einer kompetenzorientierten und zeitlich entlasteten Unter- und Mittelstufe, so, wie es uns die PISA-Sieger vormachen. Entscheidend ist aber: Wir befassen uns wie auch das Bürgerforum und die vielen Akteure im Beteiligungsverfahren, mit denen wir im ständigen Austausch sind, nicht nur mit der Frage nach dem Ob, sondern auch nach einem möglichen Wie. Das machen wir zukunftsorientiert und nicht als Ersatzdebatte für die sehr vielfältigen Probleme und Herausforderungen unseres Bildungssystems. Wir stehen für Lösungen, die fachlich, bildungspolitisch und gesellschaftlich stimmig, verlässlich und verständlich sind sowie das Wohlergehen aller Kinder in Baden-Württemberg im Auge haben. Dafür brauchen wir einen ehrlichen und gesellschaftlichen Bildungsdialog. Das Bürgerforum ist dazu ein wichtiger Beitrag. Herzlichen Dank. (Beifall bei den Grünen und Abgeordneten der CDU)
