Thomas Poreski
Wenn Esser und die FDP/ DVP recht hätten, dann dürften die Kinder mit einer Gymnasialempfehlung – heute besuchen ein Viertel der Kinder mit einer Gymnasialempfehlung eine Realschule – künftig keine Realschule mehr besuchen. Das sagt Esser ganz klar. Aber wäre das sinnvoll? Die Antwort ist ein klares Nein. Denn der Anteil der Realschülerinnen und Realschüler, die am Ende ihrer Schullaufbahn die Hochschulreife erlangen, liegt über 25 %, also über dem Anteil der Kinder mit entsprechender Eingangsempfehlung. (Abg. Dr. Timm Kern FDP/DVP: Haben Sie den Ge- setzentwurf denn gelesen? – Abg. Stephen Brauer FDP/DVP: Das ist falsch, was Sie sagen!) – Ja, ich habe den Gesetzentwurf gelesen. (Abg. Stephen Brauer FDP/DVP: Aber nicht verstan- den!) Knapp ein Drittel der Kinder an den Realschulen hat eine Empfehlung für die Haupt- bzw. Werkrealschule. Die meisten dieser Kinder erarbeiten sich in kurzer Zeit das normale Realschulniveau. Das ist auch eine integrative Leistung der Realschulen. Wäre es für diese Kinder besser, wenn sie von vornherein überhaupt keine Realschule wählen dürften? Natürlich nicht. Eine solche Bevormundung wäre anmaßend und illiberal. (Beifall bei den Grünen) Vermeintlich liberal ist die FDP/DVP nur an einer Stelle: Eltern sollen unabhängig von der Grundschulempfehlung für ihre Kinder die Gemeinschaftsschule wählen dürfen. Das ist ausnahmsweise vernünftig; denn wir wissen: Bei keiner Schulart übersteigt der reale Bildungserfolg der Schülerinnen und Schüler ihren mit der Grundschulempfehlung angenommenen Erfolg so stark wie bei der Gemeinschaftsschule. (Abg. Dr. Timm Kern FDP/DVP: Steile These! – Zu- ruf des Abg. Dr. Albrecht Schütte CDU) – Das ist beweisbar. – Unabhängig davon gilt natürlich: Die Trennlinie zwischen guten und schlechten Schulen verläuft (Thomas Poreski) nicht zwischen, sondern innerhalb der Schularten; seien wir doch ehrlich. (Abg. Dr. Timm Kern FDP/DVP: Zwischen den Frak- tionen!) Nun betont der von der FDP/DVP als einzige Referenz angebotene Professor Esser zu Recht, dass er kein Bildungswissenschaftler sei, sondern Soziologe. Das erklärt vieles, aber es entschuldigt nichts. Denn was sagt die Bildungswissenschaft? Professor Andreas Schleicher, seit vielen Jahren Leiter der PISA-Studien, stellt fest: Integrative Schulen und integrative Bildungssysteme bringen bessere Leistungen. Die Champions League in der Bildung ist integrativ, sie kennt keinerlei verbindliche Grundschulempfehlung. Lernen Sie doch einmal von den Besten. (Beifall bei der SPD und Abgeordneten der Grünen) Die Champions League erfüllt drei Kriterien für erfolgreiche Bildung: Exzellenz, also hervorragende Leistungen, Equity, also messbare Chancengerechtigkeit, und zugleich Wellbeing, das Wohlbefinden und die psychosoziale Gesundheit der Kinder und Jugendlichen. Wie das nicht nur an einzelnen Schulen, sondern auch in der Breite eines Bildungssystems umgesetzt werden kann, hat die Informationsreise des Bildungsausschusses nach Kanada vor drei Wochen eindrucksvoll vor Augen geführt.
