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Dr. Timm Kern

FDP 25.05.2023 Sitzungen 17/66

Herr Präsident, liebe Kolleginnen und Kollegen! Bis zum Jahr 2012 war die bildungspolitische Welt in Baden-Württemberg noch im Großen und Ganzen in Ordnung. Keineswegs perfekt, aber immerhin gut genug, um in allen relevanten Bildungsrankings die oberen Plätze im Vergleich der Bundesländer zu belegen. Von der damaligen bildungspolitischen Situation unseres Landes kann man heute nur noch träumen. Laut dem Dynamikranking des letzten Bildungsmonitors der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, der die Bildungswerte von 2013 mit denen von heute vergleicht, belegt Baden-Württemberg nun den drittletzten Platz. Wie konnte es zu diesem beispiellosen Bildungsabsturz kommen? (Abg. Daniel Lindenschmid AfD: Grüne!) Wer wirklich nach der Ursache sucht, wird schnell fündig. Die entscheidende bildungspolitische Ursünde der letzten Dekade war die Abschaffung der Verbindlichkeit der Grundschulempfehlung, liebe Kolleginnen und Kollegen. (Beifall bei der FDP/DVP und des Abg. Hans-Peter Hörner AfD) Vor dem Jahr 2012 konnte den Kindern nach objektiven Kriterien durch die kompetente Beurteilung der Grundschullehrkräfte diejenige weiterführende Schule empfohlen werden, die ihre jeweiligen Talente und Begabungen bestmöglich fördert. Seitdem gelangen viel zu oft Kinder an die für sie falschen Schularten, meist an Realschulen oder Gymnasien. So kam und kommt es nach wie vor zu Situationen massiver Überforderung viel zu vieler Kinder, die ihre Talente eigentlich an einer anderen Schulart wesentlich besser entfalten könnten. Als ich in der vergangenen Woche auf einer Veranstaltung der GEW war, traf ich einen Schulleiter einer Grund- und Werkrealschule. Er berichtete mir, dass im vergangenen Jahr von 46 Kindern mit Werkrealschul- bzw. Gemeinschaftsschulempfehlung nur acht den Weg zu diesen Schulen nahmen. Dieses Jahr hätten sie 34 Werkrealschul- und Gemeinschaftsschulempfehlungen, und nur fünf hätten sich dort angemeldet. Ich zitiere aus seiner E-Mail: Ab Klasse 7 platzen wir dann aus allen Nähten. Das Erschreckende dabei ist aber das Alter der Jugendlichen, die zu uns kommen. Wir haben 17-jährige Siebtklässler. Welche Erfahrungen bzw. Enttäuschungen müssen diese Kinder erlebt haben, weil ihre Eltern für sie entschieden haben? (Beifall bei der FDP/DVP und des Abg. Dr. Rainer Podeswa AfD) Dieser Kollege ist mit seinem Bericht wahrlich kein Einzelfall in unserem Land. Der Philologenverband und der Realeriode – 66. Sitzung – Donnerstag, 25. Mai 2023 schullehrerverband haben erst vor ein paar Wochen eine Umfrage zur Wiedereinführung der Verbindlichkeit der Grundschulempfehlung durchgeführt. Von den knapp 1 000 befragten Gymnasiallehrkräften sprachen sich 94 % und von den rund 4 400 vom Realschullehrerverband Befragten 78 % für eine Wiedereinführung der Verbindlichkeit der Grundschulempfehlung aus. Liebe Kolleginnen und Kollegen von Grünen, CDU und SPD, wollen Sie diese überdeutliche Mehrheit aus der schulischen Praxis eigentlich weiterhin einfach ignorieren? (Beifall bei der FDP/DVP und des Abg. Hans-Peter Hörner AfD) Wann wachen Sie endlich auf und nehmen die bedrückende Realität an unseren Schulen zur Kenntnis? Beide Lehrerverbände haben mir eine anonymisierte Liste von Freitextkommentaren aus der eben erwähnten Umfrage übermittelt. Gern leihe ich diesen Lehrkräften meine Stimme. Erstens – Zitat –: Ein Erwachsener, der ständig zu hören bekommt, dass er nichts kann, wird krank. Das ist bei Kindern doch nicht anders! So gern, wie ich die Kleinen alle mag – ich kann ihre Leistungen ja nicht anders bewerten als die ihrer Klassenkamerad*innen. Damit trage auch ich einen Teil der Verantwortung für ein misslingendes (Schul-)Leben, ohne daran etwas ändern zu können. Das ist für die beteiligten Kinder und Lehrkräfte wirklich schlimm! Ein zweites Zitat: Ich beobachte diese katastrophale Entwicklung schon seit Jahren. Auch dieses Jahr sitzt wieder ein Kind – im Gymnasium – mit einer Werkrealschulempfehlung in meinem Unterricht, das völlig überfordert ist – schon bei einem einfachen Wörtervokabeltest. Bei einem Schnitt von 1,9 schreibt es eine glatte Sechs. Drittes Zitat: Bitte dringend die verbindliche Grundschulempfehlung wieder einführen. Es grenzt an ein Verbrechen gegen manche Kinder. Viertes Zitat: Selten in Klasse 5 – das „Elend“ zieht sich aber hin bis in Klasse 8 oder 9, bis dann die letzten Eltern endlich „einsehen“, dass ihr Kind an einer anderen Schule besser aufgehoben ist. Fünftes Zitat: Es besteht dringender Handlungsbedarf. Gern dürfen die Entscheidungsträger sich vom Unterrichtsgeschehen selbst ein Bild machen. Sechstes Zitat: Ich unterrichte an einem G-9-Gymnasium, an dem sich deutlich mehr Schüler mit einer Realschul- bzw. Werkre- (Dr. Timm Kern) alschulempfehlung anmelden, weil die Eltern gehört haben, dass das eine gute Schule ist. Keiner dieser Schüler hat je Klasse 7 bei uns erreicht. Siebtes Zitat: Der Satz, den ich bei den Eltern in der Beratung am meisten höre, ist: „Wir versuchen es jetzt halt mal!“ Das ist doch keine Grundlage für einen Schulwechsel! Achtes Zitat: Fassungslos müssen wir zuschauen, wie die Kinder trotz Beratung an falsche Schulen gehen und leider oft scheitern. Und letztes Zitat – das neunte –: Manche Eltern sitzen die Beratung bei mir nur noch aus. Wohlgemerkt, liebe Kolleginnen und Kollegen, das sagen nicht wir Freien Demokraten, sondern das melden die betroffenen Lehrkräfte in diesem Land zurück. Auch die Vorsitzenden der Lehrerverbände äußern sich zu diesem Thema überdeutlich. (Abg. Thomas Poreski GRÜNE: Welche?) Zitat: Die Anzahl der durch die Unverbindlichkeit der Schulempfehlung mittlerweile gebrochenen, wenn nicht gar zerbrochenen Schulbiografien ist eklatant. Diese ideologisch fehlleitende Schulpolitik versündigt sich geradezu an ganzen Generationen von Schülerinnen und Schülern und muss ein Ende haben! Die verbindliche Grundschulempfehlung wird nicht alle, jedoch nachweislich offensichtlich erhebliche Probleme im Bildungssystem kostenneutral und ohne teuer aufgelegte Programme lösen können. – So Dr. Karin Broszat, Vorsitzende des Realschullehrerverbands Baden-Württemberg. (Beifall des Abg. Dennis Birnstock FDP/DVP – La- chen des Abg. Thomas Poreski GRÜNE – Abg. Tho- mas Poreski GRÜNE: Ja, ja!) Und auch Ralf Scholl, Vorsitzender des Philologenverbands Baden-Württemberg, stellt fest: Die Freigabe der Grundschulempfehlung 2012 war ein Kardinalfehler in der baden-württembergischen Bildungspolitik, der den Abwärtstrend des schulischen Bildungserfolgs in Baden-Württemberg deutlich verstärkt hat. Wenn 80 % der Lehrkräfte die ständigen Misserfolgserlebnisse der überforderten Kinder beklagen (Zuruf der Abg. Nadyne Saint-Cast GRÜNE) und ihre völlige Frustration, wenn sie dann – oft Jahre zu spät – endlich die Schulart wechseln, dann ist das auch eine heftige Anklage dagegen, dass auf diese Weise institutionalisiert Bildungsverlierer produziert werden, obwohl das ... vermeidbar wäre. Liebe Kolleginnen und Kollegen der demokratischen Fraktionen, wachen Sie bitte auf, und nehmen Sie die dramatische iode – 66. Sitzung – Donnerstag, 25. Mai 2023 bildungspolitische Situation im Land zur Kenntnis. Entscheidend ist doch, dass diese verheerende Situation nicht über Nacht – quasi als Naturereignis – über die weiterführenden Schulen im Land gekommen ist. Vielmehr wurde diese aktuelle Situation ganz wesentlich durch eine falsche politische Entscheidung des Jahres 2012 verursacht. Sie kann also auch rückgängig gemacht werden. (Beifall bei der FDP/DVP) Lassen Sie uns an einem Strang ziehen. Korrigieren wir gemeinsam einen schweren bildungspolitischen Fehler und leiten so eine bildungspolitische Trendwende ein, sodass jedes Kind seine Talente und Begabungen bestmöglich gefördert bekommt und Schule wieder zu einem Ort wird, der auch gern besucht wird. Der Landesvorsitzende der Jungen Union, Florian Hummel, forderte mit Blick auf die von mir zitierten Umfrageergebnisse, dass auch die grüne Landtagsfraktion aufhören solle – Zitat –, „... aus ideologischen Gründen eine Wiedereinführung der verbindlichen Grundschulempfehlung zu verhindern“. (Zuruf von der FDP/DVP: Hört, hört!) Das wäre vor allem im Interesse der Schülerinnen und Schüler. Liebe Kolleginnen und Kollegen der CDU-Fraktion, Sie wissen, dass Florian Hummel recht hat. (Lachen des Abg. Thomas Poreski GRÜNE) Lassen Sie uns also ins Gespräch kommen und gemeinsam die inakzeptable Situation an vielen weiterführenden Schulen beenden. Das sind wir alle – insbesondere die verantwortungstragenden Fraktionen GRÜNE und CDU – den Kindern und Jugendlichen sowie den Lehrkräften im Land schuldig. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit. (Beifall bei der FDP/DVP – Abg. Jochen Haußmann FDP/DVP: Bravo! – Zuruf von der FDP/DVP: Sehr gut!)

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