Andreas Sturm
Sehr geehrte Frau Präsidentin, liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich danke der Fraktion GRÜ-NE für diese Aktuelle Debatte. Ebenso danke ich auch dem Kollegen Nentwich, der als ehemaliger Realschullehrer und Leiter des Kreismedienzentrums in diesem Bereich fachkundig ist, für seine Ausführungen. (Beifall bei der CDU und Abgeordneten der Grünen – Zuruf des Abg. Dr. Timm Kern FDP/DVP) Ich möchte die heutige Rede dazu nutzen, neben dem Hinweis auf die großen Chancen die Rückmeldungen aus den Schulen einfließen zu lassen, nämlich zu den notwendigen Voraussetzungen sowie den möglichen Hürden der Digitalisierung. Angesichts der Chancen, die in der Digitalisierung von Schule und Unterricht liegen, stellt sich nicht die Frage, ob man diese Hürden nimmt, sondern wie man dies tut. Dies betrifft die Förderung digitaler Kompetenzen: Umgang mit Internet und sozialen Medien – Stichwort ChatGPT –, mit dem sich viele Chancen verbinden, für dessen Risiken wir aber auch sensibilisieren müssen. Der Kollege Nentwich hat schon das Stichwort „Virtual Reality“ genannt, beispielsweise wenn mit entsprechenden Brillen der Geschichtsunterricht erlebbar gemacht wird. Auch im MINT-Bereich ist das hervorragend; die riode – 62. Sitzung – Mittwoch, 19. April 2023 vorhandenen Lernfabriken an unseren Schulen sind Vorzeigeprojekte. Während wir zu meiner Schulzeit noch an Rechnern gesessen haben und 2-D-Anwendungen hatten, sind wir 20 Jahre später fähig, in 3-D zu drucken. Doch solche Chancen gibt es nicht zum Nulltarif. Zu den notwendigen Voraussetzungen gehört die Lehrerbildung, indem Digitales als Bestandteil sowohl im Referendariat als auch bei der Weiterbildung der Lehrkräfte berücksichtigt wird. Die Didaktik bei der Auswahl digitaler Unterrichtsbestandteile und die Methodik beim Ansatz sind komplex. Es gibt eben kein vorgefertigtes Schema, welches überall einsetzbar ist. Trotzdem hat das Kultusministerium hier bereits reagiert und während der Coronazeit 60 Videos für verschiedene Anwendungen online gestellt, sodass sich Lehrkräfte nachmittags selbst weiterbilden können. (Beifall bei der CDU und Abgeordneten der Grünen) Zweitens nenne ich die Beschaffung von digitalen Endgeräten für Schülerinnen und Schüler sowie für die Lehrkräfte und drittens die entsprechenden Materialien. Denn Digitalisierung bedeutet nicht, dass man ein Schulbuch auf den Scanner legt oder eine PDF-Datei auf dem Tablet anschaut, sondern es ist der Einsatz von multimedialen Elementen, Bildern, Videos, Audiodateien, Multiple-Choice-Tests. Das haben die Schulbuchfirmen mit unterschiedlicher Wirkung und Qualität bereits geschafft. (Beifall bei der CDU und Abgeordneten der Grünen) Dazu braucht es ein funktionierendes WLAN und die Anpassung der Bildungspläne. Zwei Hürden möchte ich gern nennen, die wohl die größten Themen bei meinen Besuchen in den Schulen sind. Das sind zum einen die Finanzierungsfragen und deren Folgekosten. Die Verteilung bisher ist klar: Das pädagogische Personal zahlt das Land; der Schulträger, meist die Kommune, kommt für nicht pädagogisches Personal, für das Schulgebäude und für die Sachkosten auf. Die Lösung für die Zukunft finden wir nicht schon heute, sie steht vielmehr am Ende eines Dialogprozesses zwischen Land und kommunalen Landesverbänden. (Abg. Dr. Stefan Fulst-Blei SPD: In welchem Jahr? 2030, 2040?) Es ist vollkommen klar, dass das Land nicht für die finanziellen Verpflichtungen der Kommunen aufkommen kann, wohl aber aufgrund gestiegener Anforderungen einen Beitrag leistet. (Beifall bei der CDU – Vereinzelt Beifall bei den Grünen) Herr Fulst-Blei hat gefragt, in welchem Jahrzehnt das stattfindet. Er kann uns ja dann bei seiner Rede Auskunft geben, wann vom Bund zumindest der Digitalpakt II kommt. (Abg. Dr. Stefan Fulst-Blei SPD: Wie lange regiert ihr im Land?) (Andreas Sturm) Das wäre schon mal ein erster Schritt in die richtige Richtung. In der bildungspolitischen Diskussion ist es breiter Konsens, dass nicht der Geldbeutel der Eltern über den Bildungserfolg der Kinder entscheiden darf. Liebe Kolleginnen und Kollegen, genauso wenig aber darf die Finanzstärke der Kommune über den Bildungserfolg entscheiden. Für diese komplexe Problematik gilt es, Lösungen zu finden. Die zweite große Hürde sind die datenschutzrechtlichen Beschränkungen. Um es gleich zu Beginn zu sagen: Es geht dabei nicht darum, den Datenschutz aufzuweichen, sondern darum, angemessen mit dem Datenschutz umzugehen. (Beifall bei der CDU und Abgeordneten der Grünen) „Angemessen“ bedeutet hierbei: im Rahmen der rechtlichen Rahmenbedingungen. Es geht nicht an, dass die zahlreichen Bestimmungen über ihr Ziel hinausschießen. Ein Beispiel: Schülerinnen und Schüler in der Berufsschule verwenden am Nachmittag in ihrem Ausbildungsbetrieb ganz selbstverständlich Microsoft Teams; wenige Stunden vorher soll es in der Berufsschule verboten werden. Wir müssen sehr aufpassen, dass wir bei aller deutscher Gründlichkeit – die sehr viele Vorzüge hat – nicht den Anschluss gegenüber den anderen europäischen Ländern verlieren. Denn die Datenschutz-Grundverordnung ist eine europäische Verordnung; am strengsten umgesetzt wird sie aber hier in Deutschland. (Beifall bei der CDU und des Abg. Ralf Nentwich GRÜNE) Die Schulen und Lehrkräfte in unserem Land benötigen Rechtssicherheit, aber auch Beinfreiheit. Das Stichwort lautet „Whitel ist für erlaubte Software“. dPhoenixSuite, sehr geehrte Frau Ministerin, ist ein Schritt in die richtige Richtung beim Thema „Digitaler Lehrerarbeitsplatz“. (Beifall bei der CDU und des Abg. Andreas Schwarz GRÜNE) Ich möchte meine Rede aber nicht mit Hürden beenden, sondern mit einem Best-Practice-Beispiel, das zwar auch mit Hürden zu kämpfen hatte, das aber zeigt, dass es lohnend ist, aus Möglichkeiten Chancen zu kreieren. Es geht um die computergestützte Lernverlaufsdiagnostik in der Grundschule. Eine durchgehende individuelle, digital gestützte Förderdiagnostik bei den Grundfertigkeiten Lesen und Mathematik kann zur konstanten Leistungsrückmeldung genutzt werden, und es gibt eine individuelle Förderung ohne Notendruck. Beispielhaft ist hier die Software „quop“, die ausgehend von einer Fraktionsinitiative der CDU im Zuge des parlamentarischen Verfahrens zum Landeshaushalt 2022 mit eingebracht wurde. Nun besteht die Möglichkeit einer landesweiten Nutzung. (Beifall bei der CDU und Abgeordneten der Grünen) Das war für mich ein großer Schritt. Über das Schuljahr verteilt führen Schülerinnen und Schüler alle drei bis vier Wochen einen kurzen „quop“-Test durch, und durch das Abbilden der Testergebnisse entsteht ein Diagramm mit einer Lernfortschrittskurve, die den Lehrkräften, den Schülerinnen und Schülern, aber auch den Eltern eine Rückmeldung über den eriode – 62. Sitzung – Mittwoch, 19. April 2023 Leistungsverlauf gibt. Lehrkräfte können damit frühzeitig, gezielt und individuell fördern. (Beifall bei der CDU) Das ist eine individuelle Leistungsrückmeldung ohne Notendruck mit dem Ziel der bestmöglichen Förderung. Dieses Programm und weitere solcher Softwarelösungen sind die Antwort auf zahlreiche unserer Herausforderungen. Fortschritt hat immer zwei Seiten. Unsere Aufgabe ist es, die notwendigen Rahmenbedingungen für einen sinnvollen Einsatz in der Schule zu schaffen. Meine sehr geehrten Damen und Herren, oftmals wird man danach gefragt, wie weit man denn mit der Digitalisierung sei. Manche sagen, wir seien erst am Anfang, manche sagen, wir seien ganz gut dabei. Die Wahrheit ist – um Heraklit zu zitieren –: Alles fließt. Alles ist in Bewegung. Die Digitalisierung ist eine sich ständig verändernde Welt. Daher freue ich mich über die Möglichkeit der heutigen Debatte, und ich freue mich auf die zukünftigen Redebeiträge. Denn meine Kolleginnen und Kollegen haben ihre je eigene Perspektive auf dieses Thema, was diese Diskussion bereichert. Vielen Dank. (Beifall bei der CDU und Abgeordneten der Grünen)
