Dr. Alexander Becker
Frau Präsidentin, verehrte Kolleginnen und Kollegen! Der Landtag von Baden-Württemberg regelt nicht die Orthografie der deutschen Sprache. Die maßgebliche Instanz in dieser Frage ist vielmehr der Rat für deutsche Rechtschreibung. Sie haben es gehört. Dieser hat vor drei Jahren Empfehlungen zur geschlechterneutralen Schreibung veröffentlicht und allgemeine Kriterien geschlechtersensibler Schreibung aufgestellt. Geschlechtergerechte Texte sollen demnach sachlich korrekt, verständlich und lesbar sein, vorlesbar sein, Eindeutigkeit gewährleisten, übertragbar sein auf alle deutschsprachigen Länder und nicht zuletzt die Konzentration auf die wesentlichen Sachverhalte sicherstellen. Die deutsche Sprache bietet hierzu viele Möglichkeiten. (Beifall bei der CDU und der FDP/DVP) Sonderzeichen zur Kennzeichnung verschiedener Geschlechtsidentitäten hat der Rat aber bewusst nicht in das amtliche Regelwerk aufgenommen. Ich persönlich halte dies für richtig. (Beifall bei der CDU und der FDP/DVP) Die Verwendung von Sonderzeichen besticht zwar durch ihre Einfachheit, sie verleitet aber auch zum stereotypen Gebrauch und zu geradezu absurden Fehlern. Sprachlich problematisch, aber ebenso weit verbreitet sind substantivierte Partizipien. Ich nenne die bereits allgemein übliche Formulierung „Studierende“, die just in dem Augenblick, in dem sie angesprochen werden, in Wirklichkeit „Hörende“ sind, nicht Studierende. (Heiterkeit der Abg. Carola Wolle AfD) Das ist die Krux bei Partizipien. Sie stehen sprachlogisch streng im Präsens. Als Bildungspolitiker halte ich das für ein wirkliches Problem. Wir haben als eines der wichtigsten Ziele das frühzeitige Erlernen und den sicheren Gebrauch der Sprache identifiziert. Wir überfrachten sie aber mit Dingen, die weder logisch noch korrekt sind. (Beifall bei der CDU und der FDP/DVP sowie des Abg. Anton Baron AfD) Wenn Sprache verbinden soll, muss sie für alle verständlich sein. Ihre Schönheit liegt in der Einfachheit und Natürlichkeit. Stattdessen pflegen wir eine entpersonalisierte, eine graue und freudlose Sprache, die jede Individualität mit Absicht unterdrückt. Es ist die Sprache einer verwalteten Welt, wie sie Ador no bereits Anfang der 1950er-Jahre als – Zitat – den ... Übergang ... des ganzen Lebens in ein System von Verwaltung, in eine bestimmte Art der Steuerung von oben ... identifiziert hat. (Beifall bei der CDU und der FDP/DVP sowie Abge- ordneten der AfD – Abg. Andreas Deuschle CDU: Hört, hört!) (Dr. Alexander Becker) Liebe Kolleginnen und Kollegen, im Herbst war ich in einer Veranstaltung, an deren Ende die Moderatorin den beiden Gebärdendolmetscherinnen – es waren zwei Frauen – für die „Dolmetschung“ dankte. (Heiterkeit bei der FDP/DVP) Adorno – mit Verlaub – wäre es an dieser Stelle vermutlich schlecht geworden. (Abg. Andreas Deuschle CDU: Ja!) Meine sehr geehrten Damen und Herren, es gibt viele gute Gründe, eine zur Formel erstarrte Sprache zu meiden. Keiner davon hat mit einer vermeintlichen Herrschaft alter weißer Männer zu tun. Die Sensibilität in der Sprache ist eine Frage der Wertschätzung und der allgemeinen Menschlichkeit. Sie ist für uns selbstverständlich, und die deutsche Sprache – wie gesagt – bietet viele Möglichkeiten hierzu. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. (Beifall bei der CDU und der FDP/DVP sowie Abge- ordneten der Grünen und der SPD)
