Thomas Poreski
Frau Präsidentin, liebe Kolleginnen und Kollegen! Es ist schon bemerkenswert, dass ein ehemaliger Kultusminister, der es eigentlich besser wissen müsste, eine so wichtige Debatte so wenig differenziert und so wenig reflektiert führt. (Beifall bei den Grünen und Abgeordneten der CDU) (Thomas Poreski) Wir, die Koalition, führen diese Debatte lösungsorientiert und ergebnisoffen. Denn die Ressourcenfrage ist durchaus relevant. Nicht sofort, aber in wenigen Jahren 1 400 bzw. 2 000 zusätzliche Stellen an den Gymnasien – das ist ein Wort, das wir nicht überhören können. Denn es brennt – das sagen nicht nur aktuelle Bildungsstudien wie IQB, sondern uinisono auch die Bildungswissenschaft – vor allem an den Grundschulen und bei der Inklusion. Wir brauchen eine klare Fokussierung auf Maßnahmen, die verhindern, dass über ein Drittel der Schülerinnen und Schüler im Land dauerhaft zu Bildungsverlierern werden. (Beifall bei der SPD und Abgeordneten der CDU) Ein verständliches Motiv für den Wunsch nach G 9 ist die enorme Arbeitsbelastung der Kinder und Jugendlichen in den Klassen 6 bis 10; auch viele Lehrerinnen und Lehrer beklagen sich zu Recht: Die gigantische Stoffmenge erdrückt die Pädagogik, verhindert eine Kompetenzbildung und sorgt für das berüchtigte Bulimielernen – schnelles Eintrichtern von Stoff ohne echte Verankerung. Es bleibt zu wenig Raum für Vertiefung, wie sie für nachhaltigen Bildungserfolg entscheidend ist – Stichwort „Deeper Learning“. (Abg. Dr. Timm Kern FDP/DVP: Hört, hört!) Da müssen wir, und zwar völlig unabhängig von G 8 und G 9, dringend heran. Denn auch wenn die Abiturnoten von G-8- und G-9-Jahrgängen absolut vergleichbar sind, müssen wir uns offen fragen: Was bringen formal gute Noten, wenn damit mangels persönlicher Kompetenzen keine entsprechende Studierfähigkeit verbunden ist? Wie gehen wir damit um, dass in den Staaten, die uns im PISA-Vergleich weit voraus sind, bessere Leistungen mit geringerer Belastung erzielt werden? – Dies übrigens während einer zwölfjährigen Schulzeit, also entsprechend G 8. (Beifall bei den Grünen – Vereinzelt Beifall bei der CDU) Bemerkenswert ist auch: In keinem anderen Bundesland gibt es so viele Wege für G 9 wie in Baden-Württemberg – über die Gemeinschaftsschulen und die beruflichen Gymnasien. Dort wird heute schon ein großer Teil der Hochschulzugangsberechtigungen erworben. Wenn wir das Lernen an den Gymnasien strukturell verändern, müssen wir offen thematisieren: Was bedeutet dies für die anderen Schulen? Wie können wir verhängnisvolle Nebenwirkungen vermeiden? Und – auch diese Frage kann legitim sein – welche Nebenwirkungen nehmen wir trotzdem bewusst in Kauf? Zur Ehrlichkeit gehört ebenso: Ein Retro-G-9 ist nicht die Lösung aller Probleme in der Bildung. Der PISA-Schock kam schließlich schon im Jahr 2000, mit G 9. Da gab es aus der Sicht einiger hier im Haus noch lange eine vermeintlich heile Welt in der Bildung. Heute wäre eine Rückwärtsorientierung noch fataler. Denn die Welt bewegt sich rasant, und wir haben allen Grund, von den Champions von heute zu lernen, statt von den Verlierern von gestern. (Beifall bei den Grünen und Abgeordneten der CDU) Es gibt – das habe ich eingangs angesprochen – sehr respektable Gründe für eine Debatte über G 9. Dazu gehören sicher eriode – 56. Sitzung – Mittwoch, 1. Februar 2023 die zusätzlichen Belastungen der Kinder und Jugendlichen durch die Coronafolgen. Natürlich können wir Eltern und deren Kindern, die sich für ein Gymnasium entschieden haben, nicht einfach sagen, bei Bedarf sollten sie einfach die Schulart wechseln. Auch hier braucht es eine stimmige Antwort. (Abg. Andreas Stoch SPD: Aha!) Aber wenn Sie von der Opposition eine Wahlfreiheit zwischen G 8 und G 9 an den Gymnasien vorschlagen, (Abg. Dr. Stefan Fulst-Blei SPD: Oder wie Poreski G 10!) frage ich Sie: Warum sollen allein die Schulen darüber entscheiden, wie sie sich aufstellen? Warum soll denn überhaupt im Alter von zehn Jahren entschieden werden, wie lange der Weg eines Kindes bis zum Abitur dauert? Vor diese Wahl gestellt, entscheiden sich die meisten Eltern natürlich für G 9, (Abg. Andreas Stoch SPD: Das ist doch jetzt de fac- to der Fall!) weil sie nicht wissen können, wie sich ihre Kinder entwickeln und wie deren Pubertät verläuft. Deshalb: Warum entscheiden darüber nicht die Schülerinnen und Schüler selbst, dialogisch beraten, (Abg. Dr. Stefan Fulst-Blei SPD: Da sollten jetzt al- le G-8-Eltern begeistert sein! – Abg. Andreas Stoch SPD: Deswegen Wahlfreiheit!) zu einem Zeitpunkt, zu dem sie wissen, was für sie stimmig ist, also zum Ende der Mittelstufe? Aus Modellversuchen wissen wir, dass sich dann, wenn sie die Wahl hätten, gut die Hälfte der jungen Leute für G 8 entscheiden würden. (Zuruf der Abg. Dr. Dorothea Kliche-Behnke SPD) Zusammengefasst: Wir führen eine offene und lösungsorientierte Debatte zu G 8 und G 9, und zwar sehr gern. Wir beraten darüber mit der gebotenen Ernsthaftigkeit. Wir befassen uns nicht mehr nur mit der Frage nach dem Ob, sondern auch mit einem möglichen Wie, mit der Abwägung von Risiken und Nebenwirkungen, vor allem zukunftsorientiert. Nichts davon findet sich in Ihrem Entschließungsantrag, und deswegen lehnen wir ihn ab. (Beifall bei den Grünen und der CDU – Zuruf des Abg. Dr. Timm Kern FDP/DVP) Wir entwickeln mit dieser Haltung, im Dialog mit der Wissenschaft sowie den Praktikerinnen und Praktikern, tragfähige Lösungen – Lösungen, die fachlich und bildungspolitisch stimmig sind, verlässlich und verständlich, und die nicht zuletzt das Wohlergehen aller Kinder in Baden-Württemberg im Auge haben. Herzlichen Dank. (Beifall bei den Grünen und der CDU)
