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Dr. Timm Kern

FDP 25.01.2023 Sitzungen 17/55

Herr Präsident, liebe Kol­ leginnen und Kollegen! Ich finde es schon bemerkenswert: Der Ministerpräsident von Baden-Württemberg äußert sich in jüngster Vergangenheit mal mehr, mal weniger kompetent zur Bildungspolitik. (Abg. Daniel Lede Abal GRÜNE: Bla, bla, bla!) Wenn aber das Parlament über Bildungspolitik diskutiert, ist der Ministerpräsident nicht da. (Beifall bei der FDP/DVP und der SPD – Abg. Dani­ el Lede Abal GRÜNE: Die Kultusministerin ist an­ wesend!) In den Abendstunden des 28. November 2022 trafen sich die Kabinettsmitglieder der grün-schwarzen Landesregierung zu einem Kamingespräch, um über die aktuelle Lage in der ba­ den-württembergischen Bildungspolitik zu beratschlagen. An­ lass waren die jüngsten Ergebnisse des IQB-Bildungstrends, der die Leistungen der Viertklässler zum Gegenstand hatte und der für unser Bundesland ganz besonders schlechte Er­ gebnisse offenbarte. Wirklich überrascht haben dürften diese beklagenswerten Re­ sultate aber wohl niemanden mehr; denn sie reihen sich in der Ruhmeshalle der miserablen Platzierungen, die Baden-Würt­ temberg seit zwölf Jahren bei den nationalen Bildungsran­ kings erzielt, nahtlos ein. Einen Tag später stieg dann weißer Rauch über der Regie­ rungspressekonferenz des Ministerpräsidenten auf. Er und sei­ ne Kultusministerin verkündeten der Welt ihre Erkenntnisse des vorhergehenden Abends. Man wolle zukünftig die Bil­ dungspolitik im Land notabene „evidenzbasiert“ gestalten. (Zuruf: Hört, hört!) Der Regierungschef erklärte weiter, dass zu lange Schulver­ suche unternommen worden seien, die sich später als Irrtümer oder nicht wirksam herausgestellt hätten. iode – 55. Sitzung – Mittwoch, 25. Januar 2023 (Abg. Nico Weinmann FDP/DVP: Hört, hört!) Winfried Kretschmann wünschte sich sodann – ich zitiere –, „dass man die lange Phase des Herumexperimentierens mal bitte beende“. (Abg. Nikolai Reith FDP/DVP: Hört, hört!) Wäre die Situation an den Schulen in unserem Land nicht so zum Heulen, so könnte man dieses grün-kafkaeske Schauspiel auch ohne größere Schwierigkeiten in einem Monty-Python-Film verwenden, liebe Kolleginnen und Kollegen. (Beifall bei der FDP/DVP und Abgeordneten der AfD) Nach zwölf Jahren seiner eigenen Regierungsverantwortung kommt Winfried Kretschmann zu der Erkenntnis, dass bei sei­ ner eigenen Bildungspolitik jetzt „Schluss sein müsse mit dem Herumexperimentieren“. Inhaltlich hat der Ministerpräsident ja recht. Im Grunde aber leistete der Regierungschef von Ba­ den-Württemberg mit diesen Äußerungen seinen eigenen bil­ dungspolitischen Offenbarungseid, liebe Kolleginnen und Kollegen. (Beifall bei der FDP/DVP und Abgeordneten der AfD – Zurufe: Sehr gut! – Bravo!) Beispiele des grünen Herumexperimentierens gibt es wahr­ lich zur Genüge. (Lachen bei Abgeordneten der AfD) Da ist erstens die völlig überhastete und in ihrer Wirksamkeit verheerende Abschaffung der Verbindlichkeit der Grundschul­ empfehlung. Herr Ministerpräsident, Sie wollen eine evidenz­ basierte Folgenabschätzung Ihrer Bildungspolitik? Die kann ich Ihnen geben: Die Sitzenbleiberquote in den fünften Klas­ sen an Realschulen explodierte regelrecht um 457 %, und sie stieg an den Gymnasien „nur“ um 160 % an. Aber zumindest für die Realschulen fand man eine sehr „überzeugende“ Lö­ sung des Problems: Man schaffte einfach das Sitzenbleiben in der fünften Klasse ab. (Abg. Stephen Brauer FDP/DVP: Super! – Lachen bei Abgeordneten der AfD) Zweitens: Ein weiteres Experiment grüner Bildungspolitik war der mit brachialer Macht vorangetriebene Umbau des bis­ herigen Schulsystems: weg von einem vielfältigen Schulan­ gebot hin zum sogenannten Zweisäulenmodell à la Kretsch­ mann, bestehend aus Gymnasien und Gemeinschaftsschulen. Die über Jahrzehnte äußerst erfolgreichen Haupt-, Werkreal­ schulen und Realschulen sollten der neuen Hoffnungsschule der Grünen weichen, nämlich der Gemeinschaftsschule. Und ja: Grün wirkt, auch bei diesem Experiment. Im Zangengriff aus Wegfall der Grundschulempfehlung einerseits und finan­ zieller Privilegierung der Gemeinschaftsschule andererseits mussten viele Gemeinden ihre Haupt- und Werkrealschulen schließen und Gemeinschaftsschulen einführen, wenn sie ih­ ren Schulstandort nicht verlieren wollten. Dieser grün forcierte, massive Umbau des Schulsystems, vor dem die FDP immer gewarnt hat, wäre rückblickend ja be­ rechtigt gewesen, wenn diese Maßnahmen wenigstens zu mehr Bildungsgerechtigkeit bei den betroffenen Schülern geführt (Dr. Timm Kern) hätten. Auch hier lässt sich der Wunsch des Ministerpräsiden­ ten nach evidenzbasierten Daten erfüllen. Die Vergleichsar­ beiten der achten Klassen liefern uns folgende ernüchternde Ergebnisse: Die Kinder auf Hauptschulniveau an Gemein­ schaftsschulen schneiden schlechter ab als die Kinder an den Haupt- und Werkrealschulen. Die Kinder auf Realschulniveau an Gemeinschaftsschulen schneiden schlechter ab als die Kin­ der an den Realschulen. (Zuruf des Abg. Thomas Poreski GRÜNE) Und die Kinder auf Gymnasialniveau an Gemeinschaftsschu­ len schneiden schlechter ab als die Kinder an den Gymnasi­ en. (Zuruf: Quatsch!) Herr Ministerpräsident, Sie haben diese Schulart neu einge­ führt. Nach über zehn Jahren sind die dort erbrachten Schü­ lerleistungen im Schnitt schlechter als bei den vom Lernni­ veau her vergleichbaren anderen Schularten. (Abg. Thomas Poreski GRÜNE: Nein! Nichts ka­ piert!) Was sagt der Ministerpräsident eigentlich zu diesen Bildungs­ reformen? Die Politik des Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann hat in unserem Land zu mehr Bildungsungerechtigkeit geführt, liebe Kolleginnen und Kollegen. (Lebhafter Beifall bei der FDP/DVP – Beifall bei Ab­ geordneten der AfD) Dass Grün wirkt, beweisen auch andere Daten und Fakten: Gerade einmal kümmerliche 12 % der Schulleitungen in un­ serem Land geben an, über eine schulpsychologische Betreu­ ung zu verfügen. An den Grundschulen und Gemeinschafts­ schulen sind fast 6 % aller Rektorenposten nicht besetzt; an den SBBZ sind es fast 10 %. Insgesamt fehlen an 250 Schu­ len die Rektorinnen und Rektoren. An unseren Grundschulen erreichen fast 20 % der Schülerin­ nen und Schüler nicht den Mindeststandard im Lesen und Zu­ hören, in der Orthografie sind es sogar 28 %. Laut VBE kön­ nen 10 % der Grundschulen nicht den Regelbetrieb abdecken, sondern nur im Notbetrieb fahren. Von den restlichen Grund­ schulen müssen 37 % Klassen zusammenlegen, 31 % müssen Unterricht ausfallen lassen, und weitere 21 % müssen Perso­ nen ohne Lehramtsausbildung in Vertretung unterrichten las­ sen. Noch eine Zahl, liebe Kolleginnen und Kollegen von Grün-Schwarz – da müssten Ihnen die Ohren klingen –: Laut VBE sehen 96 % aller Schulleitungen eine wesentliche Ursache der aktuellen bildungspolitischen Misere darin, dass Politikerin­ nen und Politiker in ihren Entscheidungen den tatsächlichen Schulalltag nicht ausreichend beachten würden – 96 %, liebe Kolleginnen und Kollegen! Um es auf Normaldeutsch zu sa­ gen: eigentlich alle. (Beifall bei der FDP/DVP) Aber unser Ministerpräsident möchte mehr Daten und Fak­ ten. Er möchte mehr Daten und Fakten für seine Bildungspo­ litik. Wie viele deprimierende Zahlen brauchen Sie eigentlich eriode – 55. Sitzung – Mittwoch, 25. Januar 2023 noch, um zu erkennen, dass es mit Ihrer völlig vermurksten Bildungspolitik in diesem Land so nicht weitergehen kann? Nein, Zahlen, Daten, Fakten haben wir zur Genüge; das Pro­ blem Ihrer Bildungspolitik sind nicht fehlende Statistiken, sondern Ihre hartnäckige Weigerung, diese auch zur Kenntnis zu nehmen und die eigenen politischen Handlungen daran aus­ zurichten. Wer angesichts der aktuellen Personalsituation an den Grund­ schulen öffentlich verkündet, die schwachen Resultate vieler Grundschüler hätten nichts mit der Zahl der Lehrkräfte, son­ dern mit der Qualität des Unterrichts zu tun, dem ist bildungs­ politisch einfach nicht mehr zu helfen. Und das habe ich so­ gar vergleichsweise freundlich formuliert. Der aktuelle Bundesvorsitzende des VBE, Gerhard Brand, ur­ teilte damals über die Äußerungen des Ministerpräsidenten – Zitat –: Das war ein typischer Kretschmann: Erst sprechen, dann denken. ... Andersherum wäre es besser gewesen. (Beifall bei der FDP/DVP und Abgeordneten der AfD) Liebe Kolleginnen und Kollegen, was schlägt die FDP vor? Gerhard Brand hat recht: Der Ministerpräsident sollte erst nachdenken und dann sprechen. Deshalb fordert die FDP/ DVP-Fraktion den Regierungschef auf, im Laufe der nächs­ ten zwei Monate eine Regierungserklärung über die aktuelle bildungspolitische Situation im Land abzugeben und bei die­ ser Gelegenheit detailliert darzulegen, mit welchen Maßnah­ men er gedenkt, die aktuelle Situation nachhaltig zu verbes­ sern. Die Vorschläge der FDP zu mehr Bildungsqualität und mehr Bildungsgerechtigkeit liegen auf dem Tisch – ob zur Grundschulempfehlung, zum Ganztag, zur Beseitigung des Lehrkräftemangels, zu der Weiterentwicklung der Haupt- und Werkrealschulen, zu den Schulpsychologen oder zum Thema „G 8/G 9“: Die FDP hat geliefert und klar Position bezogen. Jetzt ist es an der Zeit, zu erfahren, was Grün-Schwarz Kon­ kretes zu bieten hat. (Abg. Gabriele Rolland SPD: Nichts!) Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit. (Beifall bei der FDP/DVP)

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