Dr. Timm Kern
Frau Ministerin, das machen wir mit großer Leidenschaft und großer Aufmerksamkeit. – Sie haben gesagt: „Wir sind uns über die Fraktionsgrenzen hinweg einig in dem Ziel, die berufliche Bildung zu stärken.“ Das ist sicherlich richtig. Sie haben von alarmierenden Zahlen gesprochen. Da möchte ich Sie fragen: Was sagen Sie zu diesen alarmierenden Zahlen? Baden-Württemberg verschlechterte sich zwischen 2013 und 2022 um vier Punkte und belegt damit im Dynamikranking Platz 14 – in der wissenschaftlichen Bildungsstudie, Bildungsmonitor 2022, die vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln erstellt wurde. Ich darf jetzt mal direkt in die Zahlen hineingehen. Berufliche Bildung in diesem Zeitraum: minus 10,9 Punkte – macht von 16 Bundesländern Platz 13 für Baden-Württemberg. Schulqualität: minus 30,5 Punkte – macht Platz 15 von 16 Bundesländern. Und dann, was bei beruflicher Bildung ja auch wichtig ist, Internationalisierung: minus 9,8 Punkte – Platz 16 von 16 Bundesländern. Meines Wissens stellen die Grünen, Ihre Partei, jetzt die dritte Landesregierung nacheinander. Frage Nummer 1: Wer ist denn für dieses Ergebnis verantwortlich? Frage Nummer 2: Wie wollen Sie diese Zahlen verändern? Denn ich glaube, wir sind uns auch einig: Ein zweitklassiges Bildungssystem können wir uns in Baden-Württemberg nicht leisten. Vielen Dank. (Beifall bei der FDP/DVP – Vereinzelt Beifall bei der AfD) Ministerin für Kultus, Jugend und Sport Theresa Schopper: Ich gehe darauf gleich gern ein. Ich kenne diese Umfrage. Man hat ja bestimmte Bildungsrankings, auf die man tatsächlich mit großer Sorge blickt. ode – 45. Sitzung – Mittwoch, 28. September 2022 (Zuruf des Abg. Jochen Haußmann FDP/DVP) Das tue ich auch. Aber dieses Ranking – das muss ich ganz ehrlich sagen – lässt mich gut schlafen. Allein der Punkt Internationalisierung – – (Abg. Dr. Hans-Ulrich Rülke FDP/DVP: Das ist ja das Problem!) – Na ja, Herr Rülke, jetzt machen Sie mal einen Punkt. – Der Punkt ist Internationalisierung. Wissen Sie, was da gemessen wurde? Wann wir den Fremdsprachenunterricht in den – – (Abg. Dr. Timm Kern FDP/DVP: Auch!) – Ich bin jetzt dran, nur zur kleinen Orientierung. – Hinsichtlich der Internationalisierung an den Schulen wird gemessen, wann der Fremdsprachenunterricht eingeführt wurde. Wir haben bewusst gesagt: Wir geben z. B. die Fremdsprache nicht mehr in Klasse 1 und Klasse 2, sondern außer an der Rheinschiene, wo man Französischunterricht machen kann, wenn sich alle einig sind – – Wir geben die Fremdsprache ab Klasse 3 und Klasse 4 mit einem verbesserten Konzept; denn wir haben genau gesehen, dass dieser Internationalisierungsantrag – Klasse 1 und Klasse 2 – qualitativ nicht das gebracht hat, was man sich davon versprochen hat. Ehrlicherweise ist es mir dann lieber, wir machen an dieser Stelle Förderunterricht in Deutsch und Mathematik, als dass englische Lieder gesungen werden, die aber von dem, was man an tatsächlichem Wissen aufbaut – null und nichtig für sechs Wochen – in den weiterführenden Schulen – – Davon, glaube ich, muss man das – – Ich bin sehr dafür, dass man alle Rankings immer auf die Substanz hin anschaut, die sie bieten. Aber da habe ich das Gefühl: Da war schon eine ziemlich seichte Nummer am Start. (Beifall bei den Grünen und Abgeordneten der CDU – Abg. Rudi Fischer FDP/DVP: Ich habe das Gefühl, dass das einfach nicht besser wird!) – Da gebe ich Ihnen recht. Besser werden ist in jedem Fall unser Anspruch. (Abg. Rudi Fischer FDP/DVP: Dann setzen Sie mal um, und machen Sie es besser!) Jetzt gehen wir aber wieder zum eigentlichen Punkt zurück. Wir stehen da gern für alle möglichen Debatten bereit. Ich habe gerade gesagt: Ich will kein Bashing der Gymnasien. Eines ist aber auch klar: An den Gymnasien ist in der beruflichen Orientierung noch deutlich Luft nach oben. Es gibt schon noch manche Gymnasien, die die Nase weit oben haben und die Studierfähigkeit ins Zentrum stellen. Da muss in der beruflichen Orientierung deutlich nachgebessert werden. Aber an dieser Stelle fragen wir: Was müssen wir dafür tun? Die Zahl, die mich wirklich beunruhigt – Frau Trauschel hat sie, glaube ich, schon genannt –, ist, dass ein Viertel oder 27 % der Studierenden ihr Bachelorstudium abbrechen. Auch beim Masterstudium gibt es dann noch mal eine Abbruchquote. Sie wissen ja auch: Das ist nicht nur damit getan, dass die Leute dann sagen: „Okay, ich muss mich vielleicht anders orientieren.“ Das hat auch etwas mit Scheitern, mit persönlichen Bildungsbiografien zu tun. (Ministerin Theresa Schopper) Wir müssen sowohl die Studierfähigkeit wie auch die berufliche Orientierung an den Gymnasien verbessern. Das ist doch unser Ziel. Bei den Schulbesuchen wird es Ihnen doch auch passieren, dass Sie feststellen müssen, dass in den Jahrgangsstufen der Gymnasialabgängerinnen und -abgänger viele eigentlich gar nicht wissen, was sie studieren sollen oder welche berufliche Orientierung für sie infrage kommt. Wir haben die Verbindlichkeit der zehn Tage. Das ist absolut richtig. Ich glaube aber, wir müssen insbesondere in der Oberstufe noch mal schärfen, was für Möglichkeiten es sowohl im beruflichen Bereich als auch im Studienbereich gibt. Da gebe ich Ihnen vollkommen recht. Wir sehen, dass wir hier eine negative Bildungsrendite haben – ökonomisch, marktwirtschaftlich oder volkswirtschaftlich –, die uns das ZEW auch vorrechnet. Aber dahinter stehen immer auch Menschen, die mit einer Karriere des Scheiterns da ein Stück weit Schrammen in ihrer Biografie davontragen. (Beifall bei den Grünen – Vereinzelt Beifall bei der CDU) Daher müssen wir da auch gemäß dem vorliegenden Entschließungsantrag noch mal grundlegend aufräumen. Das wissen wir nicht erst – das habe ich Ihnen auch schon gesagt –, seit Sie diesen Gesetzentwurf eingereicht haben und seit er in der Anhörung ist. Ich glaube, die Rückmeldungen zeigen genau das, was uns auch schon in den Gesprächen zuvor – wir hatten ja auch Gespräche – vermittelt wurde. Ich muss ehrlich sagen: Die Signale aus der Wirtschaft waren coronabedingt auch nicht immer förderlich für eine gute Orientierung der jungen Menschen. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, dass es im Februar 2021 geheißen hat: „Dieses Jahr wird es mit der Ausbildung ganz schwierig. Wir werden kaum Ausbildungsstellen anbieten können.“ Viele junge Menschen haben sich daraufhin in unserem Bildungssystem gerade in den Ganztagsangeboten umorientiert. Dann gab es aber Lehrstellen, die nicht besetzt werden konnten. Aus dem Umstand heraus, dass 2021 keine Praktika durchgeführt werden konnten, dass es keine Möglichkeiten für die Jugendlichen, die Schülerinnen und Schüler gegeben hat, vor Ort zu schauen, was zu ihnen passen könnte, dass diese fünf Tage nicht durchgeführt werden konnten, haben wir gemeinsam mit dem Wirtschaftsministerium mit großer Verve die Initiative „BO durchstarten!“ auf den Weg gebracht. Alle beteiligten Ressorts ziehen an einem Strang, um die pandemiebedingten Rückstände aufzuholen. Ich glaube, das ist das Auf und Um. Es geht einerseits darum, das berufliche Umfeld kennenzulernen, aber auch darum, gerade Kindern und Jugendlichen, die schwierigere Umfelder haben, die Chance zu geben, in Praktika zu zeigen, wohin die Reise gehen könnte, und auch darum, dass künftige Arbeitgeber die Möglichkeit haben, zu sehen: Denjenigen oder diejenige könnten wir gut gebrauchen. Daher glaube ich, dass unsere Leitperspektive ein guter Ansatz ist. Wir werden aber noch mal daran arbeiten, wie wir das insgesamt mit einem neuen Push versehen können. Auch da haben wir das Gymnasium mit im Blick und wollen es keineswegs aussparen. Daher wollen wir – genau das, was in dem Entschließungsantrag steht – gemeinsam mit den Gewerkschaften, mit allen am System Beteiligten die berufliche Orientierung im Land noch de – 45. Sitzung – Mittwoch, 28. September 2022 mal stärken, und zwar mit dem zentralen Ziel, die jungen Menschen im Land bei der wichtigen Entscheidung der Berufswahl bestmöglich zu unterstützen. Ich glaube, allein schon aufgrund der Herausforderungen, die wir am Arbeitsmarkt, am Lehrstellenmarkt haben, bringen wir die Jugendlichen in unserem Land möglichst passgenau in die Beratung – ob Abiturient oder Hauptschulabsolvent. Das ist genau der wichtige Punkt: dass wir für alle ein Angebot machen, (Glocke des Präsidenten) um die passgenaue Beratung individuell hinzubekommen. Daran arbeiten wir – gern auch mit Ihrer Unterstützung. (Beifall bei den Grünen und der CDU – Glocke des Präsidenten)
