landtag-bw.de ↗

Dr. Stefan Fulst-Blei

SPD 21.07.2022 Sitzungen 17/44

Vielen Dank. – Herr Präsident, liebe Kolleginnen und Kollegen! Wie ernst nehmen wir es hier in diesem Haus, wenn wir über die Gleichwertigkeit von akademischer und beruflicher Bildung sprechen? Die große Wertschätzung, die hier fraktionsübergreifend dem dualen System der beruflichen Ausbildung entgegengebracht wird, ist immer wieder ein Thema, und zwar zu Recht. Es handelt sich nämlich um eine zentrale Säule der guten wirtschaftlichen Entwicklung der letzten Jahrzehnte in Deutschland. Dieser Erfolg droht aber auch bei uns in Baden-Württemberg verloren zu gehen. Immer weniger junge Menschen entscheiden sich aktuell für die Aufnahme einer beruflichen Ausbildung, obwohl selbst die finanziellen Aussichten in Teilen mittlerweile jene im akademischen Bereich übertreffen. Dies gilt insbesondere mit Blick auf Handwerksbetriebe. Eine Ursache, die immer wieder angeführt wird, ist die unzureichende Information von Jugendlichen über Berufe der dualen Ausbildung. Schmerzlich zu spüren war dies insbesondere in den letzten, pandemiegeprägten Jahren. Viel zu lange wurde seitens des Kultusministeriums und des Wirtschaftsministeriums zugesehen, wie Ausbildungsbotschafterinnen und Ausbildungsbotschafter wie die Kammern an den Schulen nicht informieren und werben konnten; in der Konsequenz ist die Zahl der Ausbildungsbewerbungen und der Abschlüsse von Ausbildungsverträgen im Land deutlich zurückgegangen. Die SPD-Landtagsfraktion hat als Reaktion auf diese Schieflage im Mai hier in diesem Raum einen Ausbildungsgipfel durchgeführt. Dabei wurde von den anwesenden Vertreterinnen und Vertretern von Kammern, Ausbildungsbetrieben, Verbänden und Gewerkschaften insbesondere ein SPD-Vorschlag ausdrücklich begrüßt: die Erweiterung des Bildungsauftrags der Gymnasien im Land um den Aspekt „Vorbereitung auf die berufliche Ausbildung“. Die bisherige Formulierung in § 8 Absatz 1 des Schulgesetzes benennt allein die Studierfähigkeit als Aufgabe der Gymnasien. Entsprechende Konsequenzen hat das sowohl mit Blick auf den Bildungsplan als auch in der Praxis hinsichtlich der Einbindung von Informationen zur beruflichen Ausbildung an den Gymnasien. In unserer Regierungszeit wurde das Fach „Wirtschaft, Berufs- und Studienorientierung“ eingeführt, aber die aktuelle Lage und die Rückmeldungen zeigen: Wir müssen mehr tun, um insbesondere die Potenziale an den Gymnasien besser zu heben. Ich kann das übrigens auch aus Elternsicht bestätigen: Meine Söhne haben mir immer wieder zurückgemeldet, dass sie über das Thema „Berufliche Ausbildung“ so gut wie nichts riode – 44. Sitzung – Donnerstag, 21. Juli 2022 erfahren haben. Und das ist bis heute leider kein Einzelfall. Entsprechend ist es übrigens auch kaum mehr üblich, z. B. vor Antritt eines Studiums erst einmal eine Ausbildung zu durchlaufen. Bei uns hieß es damals: „Dann weißt du wenigstens, worum es geht.“ (Beifall des Abg. Hans-Peter Hörner AfD) Meine Erfahrung als jemand, der den zweiten Bildungsweg absolviert hat, ist es übrigens durchaus: Man hat schon gespürt, wer über eine Ausbildung verfügt hat. Denn das waren die Leute, die akademische Inhalte vor dem Hintergrund erfahrener betrieblicher Abläufe reflektieren konnten. Das gesamtwirtschaftliche System profitiert also in jedem Fall von denjenigen, die eine berufliche Ausbildung gewählt haben. Nicht zu unterschätzen sind auch die – ich nenne das einmal so – Klebeeffekte bei Abiturienten in Ausbildungsbetrieben. Viele Azubis mit Abitur sind dann doch im Betrieb geblieben und haben konsequent und oft auch erfolgreich ihren Weg verfolgt – gerade auch leistungsstarke. Das ist wichtig für die Betriebe. Wir wissen, dass aktuell rund 30 % jedes Jahrgangs, der heute eine berufliche Ausbildung aufnimmt, über die Hochschulreife verfügen. Die Gymnasien sind also eine der Hauptzubringerschulen für eine berufliche Ausbildung. Ich persönlich habe sogar einige berufliche Ausbildungsgänge im dualen System unterrichtet, die ausdrücklich nur Abiturientinnen und Abiturienten offenstanden; das gilt beispielsweise für den Beruf Handelsassistentin/Handelsassistent. Dies muss durch die Gesetzeslage berücksichtigt werden. Eine Anpassung des Schulgesetzes ist überfällig; andere Bundesländer sind hier übrigens einen deutlichen Schritt weiter. So heißt es in § 10 des Schulgesetzes Rheinland-Pfalz – Zitat –: Die gymnasiale Oberstufe eröffnet durch die Vermittlung der Studierfähigkeit den Zugang zur Hochschule und führt auch zu berufsbezogenen Bildungsgängen. Niedersachsen, § 11: Das Gymnasium befähigt die Schüler – Zitat –, ... nach Maßgabe der Abschlüsse ihren Bildungsweg an einer Hochschule, aber auch berufsbezogen fortzusetzen. In Ihrem manchmal so heiß geliebten Bayern heißt es in Artikel 9 des Schulgesetzes – Zitat –: Das Gymnasium vermittelt die vertiefte allgemeine Bildung, die für ein Hochschulstudium vorausgesetzt wird; es schafft auch zusätzliche Voraussetzungen für eine berufliche Ausbildung außerhalb der Hochschule. Diese Beispiele zeigen, dass andere Bundesländer einmal mehr weiter sind als Baden-Württemberg. Damit ist übrigens auch klar, dass eine solche Formulierung nicht über Nacht die vorhandenen Probleme löst. Sie schafft aber die rechtliche Grundlage für eine konsequente Ausrichtung der Gymnasien in unserem Land eben auch auf die berufliche Ausbildung, etwa dann mit verbindlichen Informationstagen auch zum dualen System. (Beifall bei der SPD) (Dr. Stefan Fulst-Blei) Ich fordere Sie daher auf, unseren Gesetzentwurf zu unterstützen. Passen wir den Bildungsauftrag unserer Gymnasien den aktuellen Anforderungen an. Nehmen wir die Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Ausbildung ernst, und ziehen wir entsprechende gesetzgeberische Konsequenzen. Wir wollen den Talenten an allen Schularten auch den Weg in die Berufsausbildung nahelegen und ermöglichen. Wir sehen die Gemeinschaftsschulen, die Realschulen sowie die Hauptschulen übrigens jetzt als besser ausgerichtet an als die Gymnasien. Und ja, wir brauchen auch dringend eine Ausbildungsgarantie – das ist aber ein separates Debattenthema. Mit diesem Gesetzentwurf wollen wir auch Leistungsstärkeren den Weg in die berufliche Ausbildung ebnen – eine Maßnahme, die nicht über Nacht den Mangel an Azubis beheben wird, die aber zumindest mit Blick auf die Gymnasien die Tür zur dualen Ausbildung wieder deutlich weiter öffnet, eine Maßnahme, die sowohl bei Gewerkschaften als auch im Handwerk und in der Industrie Rückhalt findet. Lassen Sie uns endlich die Gymnasien konsequent auf die berufliche Ausbildung ausrichten. Ich danke Ihnen. (Beifall bei der SPD)

Alle Reden von Dr. Stefan Fulst-Blei Protokoll ↗